Eines muss man Maurizio Cattelan lassen: Mit größerem Eifer hat noch keiner versucht, sich seine Weltkarriere zu vermasseln. Eigentlich hätte er jubeln sollen, als endlich ein Galerist kam und ihn, den kleinen Maurizio aus Padua, der nie eine Kunsthochschule von innen sah, für eine eigene Ausstellung in Bologna gewinnen wollte. Was aber tat Cattelan? Er haderte mit sich selbst, konnte plötzlich seine Werke nicht mehr leiden und hängte schließlich ein Schild ins Schaufenster: Ritorno subito. Natürlich kehrte er nie zurück.

Ein anderes Mal, in Mailand, vermauerte er die Eingangstür der Galerie, damit bloß niemand auf die Idee komme, nach seiner Kunst zu fragen. Als schließlich die Biennale Venedig anrief und seine Kunst zeigen wollte, sagte er zu, vermietete aber (un)sicherheitshalber seine Ausstellungsfläche an eine Werbeagentur, die dann auf der Biennale ein neues Parfum präsentierte.

Cattelan machte alles falsch – und machte damit alles richtig. Der Kunstbetrieb liebt die Boykotteure, die Regelbrecher, all jene, die ihm unbedingt entkommen wollen. Und so dauerte es nicht lange, und er war so ziemlich überall dabei, wurde von Kuratoren umschwärmt, von den Sammlern geschätzt, die irrwitzige Summen für seine Kunst ausgaben. Damit nicht genug, werden ihm nun auch noch die allerhöchsten Ehren zuteil: Das Guggenheim in New York eröffnet an diesem Wochenende eine Retrospektive seines Gesamtwerks. Für Cattelan ist es der Anfang vom Ende. Er will aufhören, er will sich zur Ruhe setzen – mit gerade mal 51 Jahren kündigt er dem Kunstbetrieb.

Da lächeln die Szenekenner milde, sie kennen ihren Maurizio, was lässt der sich nicht alles einfallen. Immer gut für irgendeine Verrücktheit, ein Trickster, darf man nicht so ernst nehmen. Dass er tatsächlich abtreten könnte – arrivederci auf ewig –, das glaubt eigentlich niemand. Schon Marcel Duchamp und Andy Warhol haben es versucht, lauthals gaben sie ihren Abschied – und kehrten doch früher oder später zurück in den Schoß der Kunstfamilie. Für Cattelan aber ist es kein Spiel, diesmal nicht. Alles soll sein, als wäre er gestorben, sagt er. Sein Werk muss sehen, wie es ohne ihn klarkommt.

Nur keine Vergleiche bitte, keinen Kanon!

Erst einmal baumelt es nun in der großen Rotunde des Guggenheim. Nichts hängt an den Wänden, nichts steht auf dem Boden, alles, auch die Marmorwerke, lässt Cattelan an dicken Seilen von der Glasdecke hängen – ein statisches, vor allem aber ein museales Abenteuer. Vermutlich ist es die erste Retrospektive überhaupt, die ohne die üblichen Ordnungsmuster auskommen muss, ohne Chronologie, ohne Dramaturgie, ohne Hierarchie. Es gibt nur ein fröhliches Durcheinander von rund 130 Werken, und die Besucher umrunden sie wieder und wieder, während sie sich langsam die Spindel des Guggenheim emporschrauben. Ganz unten hängt Cattelans erschlagener Papst, oben ein Fahrrad, und irgendwo mittendrin schaukeln Hitler und ein Elefantenbaby.

Das erinnere ihn an eine Metzgerei, in der lauter dicke Salamiwürste von der Decke baumeln. Natürlich, sagt Cattelan, wäre es einfacher gewesen, alles, die ganze Kunst, zu einem großen Haufen aufzutürmen, das hätte er auch wunderbar gefunden, anders allerdings als die Leihgeber. Eines jedenfalls wollte er vermeiden: dass sie im Guggenheim seine Werke in ein kunsthistorisches Korsett der Folgerichtigkeit einschnüren. Keine Vergleiche bitte, keinen Kanon!