Kriminalroman Leichen - zum Gähnen!
Zu lange hat sich der Krimi an abgedroschenen Mustern orientiert. Spannender wäre es, das wirkliche Verbrechen aufzugreifen.
Um den Krimi muss man sich keine Sorgen machen. Oder? Die Verlage verzeichnen Zuwachszahlen wie lange nicht, jeder dritte Euro im Belletristikmarkt wird mit Kriminalliteratur verdient, fast kein Verlag, der unter seinen Lyrikern und Prosaisten nicht ein paar Krimischreiber als cash cows weiden lässt. Nimmt man Film und Fernsehen dazu, scheint der Boom unaufhaltbar.
Soll keiner behaupten, dass der Krimiboom nicht mit kollektiven Krisenbewältigungsmechanismen zu tun hat. Die Bürger, die stoisch, angststarr oder apathisch tagtäglich neue Bedrohungsszenarien an sich vorüberziehen lassen müssen, trainieren prophylaktisch ihre Panikmuskulatur, indem sie sich aus der Bahnhofsbuchhandlung Geschichten holen, die vom unerwarteten Einbruch des Entsetzlichen in die Idylle handeln. Je unwahrscheinlicher diese Attacken des Bösen sind, je weniger in der persönlichen Wahrnehmungswirklichkeit verankert, desto größer die psychische Entlastung, desto höher Quoten und Verkaufszahlen. Je suspekter den Staatsbürgern das Agieren der Politiker wird, die ihr Schicksal bestimmen, desto überschaubarer scheinen ihnen die bizarren Bedrohungen, die von psychopathischen Serienmördern ausgehen. Monster in der Tarnung menschlicher Gestalt rauben Augen und Kinder, metzeln unschuldige Leiber, vernichten intakte Familien und finden zuletzt ihrer Bestialität entsprechend ein blutiges, aber gerechtes Ende.
Das kollektive Erleben von Spannung und Entspannung funktioniert durch die Wiederholung und Bestätigung eines Basisschemas, an dem die quoten- und renditeorientierte Krimiproduktion gnadenlos festhält, angeblich, weil das Publikum es so will. Einer der Gründe, warum das so scheint, liegt darin, dass das Publikum über Alternativen zum Mainstream wenig informiert wird. Bereits in der Schule wird Krimi als leicht zu begreifendes Erzählschema unterrichtet. (Weshalb heute leider zu viele Leute glauben, man könne mal so nebenbei einen Krimi schreiben.) Dabei ist das Schema nur die eine Seite der Angelegenheit. Das, was den Krimi 150 Jahre lang spannend gehalten hat, waren die immer wieder neuen Variationen der Autoren über ihren Gegenstand, das Verbrechen.
Raymond Chandlers Forderung, Morde von realen Verbrechern unter wirklichen Verhältnissen zu beschreiben, war die Begleitmusik zu einer Innovation des Genres. Erschütternde, bewegende Kriminalliteratur entsteht durch einen neuen Blick auf die verborgene, meist verdrängte und geleugnete Welt des Verbrechens. Friedrich Glauser öffnete die Horrorwelt geschlossener Anstalten, Patricia Highsmith thematisierte die Traumata psychischen Außenseitertums. Don Winslow zeichnete den Drogenkrieg als komplexes Staatsverbrechen. Gerade dort, wo die staatliche Rechtsprechung nicht hinreicht, liegt die erzählerische Zukunft einer aufklärerisch-investigativen Kriminalliteratur – seien es die Seelenverwerfungen der Vereinsamten, die Friedrich Ani beschreibt, seien es die Machinationen der geheimen Welt, die John le Carré, gerade achtzig geworden, unermüdlich seziert. Gute Kriminalliteratur erfüllte niemals nur ein Schema, sie wuchs mit ihrem Thema, dem Verbrechen. Schema – das ist der gefesselte Detektivroman. Lasst den Kriminalroman frei!
- Datum 17.11.2011 - 16:26 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 3.11.2011 Nr. 45
- Kommentare 7
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die ich seit langem gesehen/gelesen habe!
Und ja, Sie haben völlig recht! Ich langeweile mich meist fürchterlich bei solchen Krimis (auch im Fernsehen).
Dagegen lese ich Biographien spannend wie die besten Krimis! Zum Beispiel über "Helene Moszkiewiez", eine Jüdin und Gestapo-Agentin im besetzten Belgien!
... schreibt oft das echte Leben.
Jeder Rechtswissenschaftler lernt im Laufe seines Studiums spektakuläre strafrechtliche Klassiker wie den "Katzenkönig", den "Planeten Sirius", den "Hoferbenfall" und wie sie alle heißen kennen.
Leider verlernen die meisten Rechtswissenschaftler im Laufe Ihres Studiums und vor allem im darauffolgenden Referendariat auch die Fähigkeit, sowas fesselnd (und entfremdet) auf Papier zu bringen.
Einer der wenigen (neben u.a. Bernhard Schlink), der das geschafft hat, ist Ferdinand von Schirach, Autor und Strafverteidiger aus Berlin. Seine Werke kann ich sehr empfehlen und manches davon kommt - zumindest laut eigener Aussage - aus dem echten Leben. ;-)
Dürrenmatt hat es vorgemacht...
Dieses Genre ist in den USA anscheinend mehr gefragt als im deutschsprachigen Raum. Ein gutes Beispiel, dass jedoch auch deutsche Autoren gute True Crime-Romane schreiben können, ist "Totgeliebt" von Andreas Kläne: http://www.conbook-verlag...
"Leichen - zum Gähnen!
Zu lange hat sich der Krimi an abgedroschenen Mustern orientiert. Spannender wäre es, das wirkliche Verbrechen aufzugreifen."
Ich hätte da auch schon einen Arbeitstitel für einen Bestseller: "Der V-Mann - Zwischen Staatshoffnung und Parteienverbot" ... Ein gassenhauerischer Reißer, geschrieben von Heinz Fromm, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutzes (Tantiemen kommen selbstverständlich den künftigen, aufopferungsbereiten Arbeiten dieser Behörde zugute).
Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema sachlich. Danke, die Redaktion/lv
Ich weiß nicht ob das Gefühl von Eintönigkeit nicht eher eine Frage der Wahrnehmung ist. Krimis die in Bestzellerlisten landen müssen im Prinzip immer glatt sein, ansonsten sind sie nicht für ein genügend großes Publikum attraktiv. Diese Werke prägen aber das Bild des Krimis in der Öffentlichkeit.
Davon abgesehen gibt es viele andere Werke die differenzierter zu Werke gehen als Jussi Adler Olsen. In der aktuellen Zeit Krimi Bestenliste finde ich kein Buch das nach dem normalen Derrick Muster abläuft.
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