Wunderschönes, mythenumranktes, traumverlorenes Afrika! Wer je zwischen Dakar und Daressalam unterwegs war, kennt dieses romantische Sehnen nach weiten, unendlichen Landschaften, wilder Urnatur und Sonnenuntergängen in der Savanne. Doch für Pier Paolo Pasolini war Afrika jenseits der touristischen Exotik noch viel mehr: ein Ort der Sinnlichkeit, des wahren Lebens, der Freiheit – eine Gegenwelt voller revolutionärer Vitalität, in der der Mensch die Fesseln des Kapitalismus sprengt.

Afrikas Schönheit lüge nicht, schwärmte der große italienische Cineast, Dichter und Querdenker in seinen Oden an den Kontinent, die er in der Endphase des antikolonialen Befreiungskampfes komponierte – in den sechziger Jahren, als die meisten Länder Afrikas die Unabhängigkeit errangen. Damals bereiste Pasolini Kenia, Tansania und andere junge Staaten. Nun liegen seine brillant übersetzten Gedichte und dramatischen Entwürfe erstmals auf Deutsch in einem Sammelband des Corso-Verlags vor: Afrika, letzte Hoffnung. Zwischen den Texten bieten die Schwarz-Weiß-Bilder des Schweizer Fotografen Didier Ruef elegische Einblicke ins ländlich-traditionelle Afrika. In jenen fremden Kosmos, der Pasolini bezauberte – und den er mit seinen Erlösungsfantasien auflud. "Afrika! Meine einzige Alternative...", bekennt er in seinem Fragment an den Tod.

Der Schwarze Kontinent wird bei diesem europäischen Freigeist zu einem gewaltigen Projektionsraum: Pasolini sieht in seiner Vorgeschichte die wahre hellenische Demokratie aufscheinen und ist davon überzeugt, dass das bäuerliche Afrika bei der Befreiung des Subproletariats in aller Welt voranschreiten werde. Ein geschichtsoptimistischer Trugschluss, den er später wohl geahnt hat. Jedenfalls beklagte er einmal das "entsetzliche Panorama aus Befreiungskriegen", die in "Enttäuschung und Restauration" mündeten.

Die "filmischen Notizen" hingegen, in denen Pasolini aus Afrika auf seinen Heimatkontinent schaut, entfalten in diesen Euro-Krisentagen eine geradezu visionäre Kraft: "Europa Der Stier ist geschlachtet das / Fleisch / Fault auf der Zunge der Fortschritt lässt / keine Kuh aus / Götter werden dich nicht mehr besuchen".