Martenstein "Sie sagt, ich muss ein Rudelführer sein"

Über seinen bissigen Hund und eine knallharte Therapeutin

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Ich schaffte einen Hund an. Warum? Schwer zu sagen. Es gibt Tage, an denen man Dinge tut, die man an anderen Tagen nicht tun würde. Als Erstes hat der Hund den Nachbarn gebissen. Der Nachbar war am Briefkasten. Er sagte zum Hund: »Der sieht aber süß aus.« Mehr nicht. Der Hund biss zu. Komplimente kann er offenbar nicht ertragen. Als Zweites biss der Hund einen netten alten Mann, der am Garten vorbeilief. Der alte Mann ließ anschließend seine Hose herunter und zeigte die lange Unterhose, die er darunter anhatte. Sie war blutig. Der alte Mann lachte. Der alte Mann hatte schon viel erlebt. Als Drittes biss der Hund den Dachdecker. Der Hund war angeleint gewesen, er wedelte mit dem Schwanz, er sah süß aus, da ging der Dachdecker trotz Warnung zu ihm hin. Der Dachdecker kennt sich mit Hunden aus. Glaubt er. Aber dieser Hund hat den Teufel im Leib.

Man schämt sich. Klar. Es ist, als ob das eigene Kind etwas sehr Schlimmes anstellt. Man sagt sich: Wenigstens sind es nicht meine Gene. Diesmal nicht. Der Hund ist aus dem Tierheim. Er hat lange in den ostpolnischen Sümpfen wild gelebt. Er hat dort wahrscheinlich Vampirfleisch gefressen und Schlangenblut getrunken.

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Jetzt habe ich eine Therapeutin. Sie soll sehr gut sein. Im Internet heißt es, diese Therapeutin habe den gefährlichsten Rottweiler Berlins dazu gebracht, Männchen zu machen und das Ave-Maria zu singen. Die Therapeutin ist groß und breitschultrig und kurzhaarig, ich glaube, sie war im Kaukasuskrieg und hat sowjetische Militärhunde durch ihren Blick getötet. So eine Therapeutin ist das.

Die Therapeutin sagt, dass ich dominant und souverän sein muss. In jeder Sekunde. Der Hund braucht es. Ich muss ein Rudelführer sein. Ich soll mich, damit der Hund nicht mehr beißt, in eine Mischung aus Klaus Kinski, Lord Voldemort und Hartmut Mehdorn verwandeln. Der Hund soll unregelmäßig gefüttert werden, wenn er gestreichelt werden will, muss ich ihn wegschicken, ich soll tun, als ob er Luft sei. Der Hund darf nie wissen, woran er mit mir ist, ich soll unberechenbar, unverbindlich und undurchschaubar wirken. Eine Übung besteht darin, dass man auf einem Waldweg ständig die Richtung ändert, vor, zurück, völlig willkürlich, der Hund muss immer hinterher. Rudelführer sind so.

Ich muss den Hund also behandeln, wie man einen Menschen nie behandeln sollte, meiner Meinung nach jedenfalls. »Ich bin nicht so«, sagte ich, »ich bin überhaupt nicht diese Art von Mann.« Ich will lieb sein, zu allen Geschöpfen. Ich hatte eine Chefposition, ich wollte das nach einer Weile nicht mehr machen. Ich wollte keine Menschen führen, obwohl sie immerhin manchmal Argumenten zugänglich sind. Es gibt auch vernünftige Menschen, hin und wieder. Jetzt soll ich einen Hund führen, der nur einfache Kommandos kapiert. Die Therapeutin sagt, dass Hunde anders funktionieren als wir. Unser »lieb« und ihr »lieb« sehen verschieden aus. Wer zu einem Hund zu lieb ist, der ist in Wahrheit böse zu ihm. Die Therapeutin meint, dass der Hund denken soll, ich, sein Gebieter, sei ein Typ, der auf jede Gefahr knallhart reagiert, eine Art Werwolf, dann fühlt er sich sicher, entspannt sich, beißt nicht mehr. Versage ich, muss er zurück ins Tierheim, vielleicht für immer. Ich werde jetzt zum Rottweiler, damit dieses Tier die Sanftheit in sich entdeckt. Man nennt das »Übertragung«.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Soeben erschienen: Martensteins Buch "Ansichten eines Hausschweins. Neue Geschichten über alte Probleme" (C. Bertelsmann Verlag)

 
Leser-Kommentare
  1. Was heißt das eigentlich, wenn man sich als der eigene Hund die Gefolgschaft verweigerte?
    Nur eine der existenziellen Fragen, die man sich als Hundemensch in Ausbildung stellt.
    Am Ende, wenn die Fragen weitgehend beantwortet sind und nicht der Hund weg ist, ist es verführerisch sich als besserer Mensch zu fühlen. Ist man sicher nicht. Wird man bei dem anderen Selbsterfahrungszeug ja auch nicht. Trotzdem noch viel Erfolg weiterhin mit dem Hundeprojekt.

  2. wäre da evt. umgänglicher. Ohne Leithammel blökt es unglücklich vor sich hin, beisst aber nicht.
    Ständig frische Weiden zu finden ist aber wohl noch schwieriger, als zum Rottweiler zu werden.
    Und wenn gar nichts mehr geht, wandert das Schaf nicht ins Tierheim, sondern in den Kochtopf.

    • Leros
    • 04.11.2011 um 14:18 Uhr

    Lieber Harald Martenstein,
    willkommen im Club der verhaltensauffälligen Hundehalter.
    Ich empfehle dazu die Lektüre des Buches 'Herrchenjahre' und
    den entsprechenden Blog 'Krawallmaus.de'
    Viel Spaß

    • Meykos
    • 05.11.2011 um 8:31 Uhr

    Ich staune.
    Sie wollen sich wahrhaftig von einem Hund und einer Tiertherapeutin charakterlich verbiegen lassen?
    Das mag ja insgesamt funktionieren, nur was macht der Hund, wenn sein knallharter Rudelführer grad mal nicht da ist, wird er dann eventuell erst recht zur Bestie?
    Zudem hab ich vor Jahren in der Fachzeitschrift „Jagd und Hund“ gelesen, dass der Leithund bei möglicherweise auftretender Führungsschwäche, unter Umständen auch schon mal von der Meute zerrissenen wird.

    Bitte halten Sie uns auf dem Laufenden…

    Werden Sie allenfalls ein gütiger und souveräner Anführer ;-)

  3. wir kennen das problem. nachdem unser fundhund aus spanien von 2 trainern als aggressiv eingestuft (er hat nach 8 wochen bei uns angefangen, alle menschen, die sich in unsere nähe trauten zu beißenn, wenn wir es nicht vorab unterbanden) uns davon abgeraten wurde, den hund zu behalten - wir seien nicht hart genug (dabei war es bereits unser 4. hund und wir waren nicht unerfahren) - haben wir uns schweren herzens entschlossen, den hund an die tierschutzorganisation zurückzugeben.
    gut gemeint, ist nicht immer gut getan.

    nach dieser schlechten und auch traurigen erfahrung sind wir die suche nach einem neuen hund dann strategisch angegangen und haben in dem empfehlenswerten taschenbuch "dog-finder" aus dem ulmer verlag die für uns optimale rasse gefunden, dann eine seriöse züchterin ermittelt, die auch auf das wesen (!) achtet und haben mit dem bereits gut grundsozialsierten hund einen welpenkurs besucht, später den erziehungskurs, der vor allem für die zweibeiner hilfreich ist.
    wir haben nun einen super-hund, der auch anderen menschen und tieren freunde bereitet und den man ohne probleme überall hun mitnehmen kann. das leben ist völlig easy mit ihm, wobei wir natürlich auch ihm art- und rassegerechte anregung bieten. das ergebnis finden sie unter www.pudelpaul.de.vu.
    obowhl jeder hund ein individuum ist, sind rassebedingte erbanlagen nicht zu unterschätzen und auch nicht wegzuerziehen. daher ist es ratsam, die persönlichkeit des hundes zu erkennen und den richtigen menschen dafür zu finden.
    viel glück!
    beste grüße von pauls familie aus dem rheinland

  4. Lieber Herr Martenstein,

    mein Hund lässt sich auch die ein oder andere aggresive Ader anmerken. Nur liegt das daran, dass sie eigentlich ziemlich ängstlich ist. Nach gefühlten hunderten Besuchen bei gefühlt tausenden Hundeschulen hatten wir letztlich einen Trainer gefunden, der auf Kooperationsbasis, anstatt Ihrem beschriebenen Führungsverhalten mit dem Tier, aber vor allem mit dem Halter arbeitet. Es hat uns allen, am Meisten dem Hund gutgetan. Hunde sind eben auch nur Menschen.

  5. Übrigens ist das die gleiche Methode, mit der Menschen sich andere Menschen unterwerfen, absolut hörig machen. Das führt dazu, dass der untergebene beginnt, im wahrsten Sinne alles zu tun, um Anerkennung zu erlangen und jedes Stück eigenen Willen aufgeben. Den kann man nun mal nicht haben, wenn der Rudelführer zu jeder Sekunde Chef ist. Dafür ist eine Anerkennung durch das Leittier der (kurzweilige) Himmel auf Erden.

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