Wirtschaftskreislauf : Das Kilo für 1,20 Dollar

Das große Geschäft mit den Kleiderspenden aus Deutschland
Kleiderhändler auf einem Markt im tansanischen Dar es Salaam

Wolfgang Huse hat ein gutes Gewissen und ist stolz auf seine Arbeit. Der Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes im Landkreis Osterholz-Scharmbeck leert seine Altkleidercontainer mit dem Rot-Kreuz-Emblem wöchentlich, denn es kommt ordentlich etwas zusammen. Die meisten Spendensäcke wandern allerdings nicht etwa in die Kleiderkammer des DRK, wo die Sachen an Bedürftige abgegeben werden. Die ist voll bestückt, nur wenige Menschen nehmen das Almosen in Anspruch. Nein, Wolfgang Huse und sein freiwilliger Helfer werfen die Spenden auf einen Lkw-Hänger. Der ist auf dem Betriebshof des DRK in Osterholz-Scharmbeck vorsorglich abgestellt und wird, wenn er bis unter die Deckplanen vollgestopft ist, abgeholt. Aber Wolfgang Huse glaubt zu wissen, was mit den gespendeten Altkleidern passiert: Sie würden in einer großen Sortieranlage bei Bitterfeld gesammelt und gingen von dort direkt in die Krisengebiete der Welt. Deshalb hat er »ein gutes Gefühl, wenn man denkt, dass Hilfsbedürftige davon existieren, die sich sonst nichts leisten können«.

So ungefähr stimmt das sogar, nur ein entscheidendes Detail ist selbst dem Angestellten des DRK nicht bewusst: Es sind nicht die Hilfsbedürftigen der Welt, die von den Spenden leben, sondern eine global arbeitende und denkende Branche, die die Kleidung in einem knallharten Geschäft verkauft. Und das in so großen Mengen, dass die einheimische Textilindustrie in vielen belieferten Ländern inzwischen vollkommen marginalisiert ist. Der eigentliche Wille der Spender wird auf diese Weise ad absurdum geführt: Anstatt den Armen zu helfen, ist jedes gespendete Kleidungsstück ein weiterer Beitrag zur Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten – vor allem in Afrika, wohin der Löwenanteil der Ware exportiert wird.

Wie konnte es so weit kommen? Es steckt eine genial einfache Geschäfts- und Marketingidee dahinter, die wie eine Gelddruckmaschine funktioniert: Man bemächtigt sich einer Ware ohne Herstellungskosten. Denn diese wird gespendet, wofür die Geber mit einem guten Gewissen belohnt werden. Keine der großen Wohltätigkeitsorganisationen redet gern darüber, aber fast alle sind dabei, ob Malteser, DLRG oder eben das Deutsche Rote Kreuz, der größte Player auf dem deutschen Markt. Volker Leopold, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Osterholz-Scharmbeck, erzählt zumindest, wie alles begann. Wie vor rund 40 Jahren ein Unternehmer die Kleiderspendenidee beim DRK propagiert habe und sein Interesse gleich mit einem Scheck unterstrich. Was damals den Geschäftsführer des DRK überzeugte, mit diesem Unternehmen zu arbeiten: »Und dieses Unternehmen begleitet uns auch in der Tat auch heute noch.«

Dieses Unternehmen ist die Efiba, und sie beherrscht den deutschen Markt. Landesweit hat sie mit Kreisverbänden des DRK, aber auch mit anderen Wohltätigkeitsorganisationen Verträge geschlossen, in denen diese ihren guten Namen und ihr Logo zur Verfügung stellen, die Spenden aber direkt an das Unternehmen gehen.

Im ostdeutschen Wolfen steht die größte Textilsortieranlage der Welt

Dafür erhalten die Nichtregierungsorganisationen (NGOs), wie etwa das Rote Kreuz, Geld. Zurzeit seien das rund fünf Cent pro Kilo, verrät ein Insider, aber ganz genau will sich niemand in die Karten schauen lassen. Kein Wunder, denn was würden die Spender tun, wenn sie wüssten, dass ihre Altkleider in einen unerbittlichen Wirtschaftskreislauf eingespeist werden?

Für Pailak Mzikian ist das alles kein Problem. Er steht in Bitterfeld-Wolfen und beschreibt stolz die perfektionierte Arbeitsweise der größten Textilsortieranlage der Welt. Mzikian ist bei Soex in Wolfen angestellt. Das Hauptquartier der Soex Group, nach eigenen Angaben »weltweiter Marktführer« für Kleidungsrecycling, liegt in Bad Oldesloe bei Hamburg. Efiba, der Vertragspartner der Hilfsorganisationen, ist ein Tochterunternehmen von Soex, und im Wolfener Werk kommen die Lkw mit Spendenware im Minutentakt an. Bis zu 300 Tonnen Kleiderspenden sind es täglich, allein ein Viertel davon stammt aus den Containern des Deutschen Roten Kreuzes. Aber auch in kommerziellen Aufstellern auf Parkplätzen und an Supermärkten wird gesammelt, dafür ist die Soex-Tochter Retextil zuständig. Doch Efiba bringt aber deutlich mehr, wie Mzikian bestätigt.

Von den insgesamt rund 700.000 Tonnen Altkleidern, die 2010 laut Soex in Deutschland gesammelt wurden, verarbeitete die Firma allein 85.000 Tonnen und erzielte damit einen Gesamtumsatz von 58 Millionen Euro. Im vollcomputerisierten Sortierwerk Wolfen werden die Spenden nach Qualität neu gebündelt. Was gar nicht zu brauchen ist, muss nach deutschem Gesetz recycelt werden, aber das sind nur rund 15 Prozent der Ware. Der Rest der Spenden geht ganz andere Wege. Die besten Stücke davon, die sogenannte Creme-Ware, wird in die Länder des ehemaligen Ostblocks und in arabische Staaten exportiert und dort in Secondhandgeschäften verkauft. Alles Minderwertige geht nach Afrika, immerhin noch rund 60 Prozent der tragbaren Kleidung. Natürlich werden die Textilien dort verkauft. Gespendet wird nichts davon, meint Pailak Mzikian, »das wäre ökonomisch und nachhaltig nicht logisch. Wir sind ja ein Full-Profit-Unternehmen, keine NGO.«

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Kommentare

59 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Neu ist das aber nicht mal im Ansatz oder kommt das Thema

immer mal auf "Wiedervorlage"?

Im Technikmuseum Berlin läuft im Textilbereich ein Film aus den 80ern, in dem das Thema aufgerollt wird und die Kleiderwege auf die Märkte mit den Folgen gezeigt werden.

Ich hatte das Thema bereits in der Schule und es dürfte kaum jemanden geben, der das nicht wissen müßte....

wundert mich jetzt etwas, das zu sehen.

Auch wenn die Altkleider gespendet würden

und nicht billig verkauft, so wäre es gleichfalls der Tod für die dortige, einheimische Textilindustrie.
Doch dort, wie auch hier in Europa, sind auch die Kunden / Käufer mit verantwortlich dafür, dass die einheimischen Produzenten nicht überleben. Wir kaufen "Geiz ist geil" Ware aus China, die Afrikaner billige Textilien aus europäischen Sammlungen. Außer einer momentanen Ersparnis haben wir beide nicht viel davon, insbesondere keine sicheren Arbeitsplätze.

Es geht bei den vielen Stellen, die wir mit unserem Altkram

zerstören doch nicht um Designer, sondern um Nähereien und vor Ort ansässige Produktionsbetriebe, die Stoffe färben, bedrucken und vieles mehr.

Wir ersetzen mit unseren Tonnen altem Zeug eine ganze Industrie, schicken viele Menschen in immer größere Armut und verdienen daran auch noch.

Wenn das nicht krank ist, weiß ich es nicht.

Vor- und Nachteil

Man könnte bei allen Dingen - egal welche Käuferschicht - sage, dass die Dinge optimal Recylceld sollten. Und so lange etwas noch einen Wert hat, sollte man ihn nicht vernichten.

Genau genommen gelingt es dem Unternehmen, für wertlos gehaltene Waren noch einem Nutzen zuzuführen. Das damit dort eine Wirtschaft zerstört wird und die Armut verbreitet werden soll, klingt mir nicht logisch.

Situation 1: Der Eine näht es, der andere trägt es. Situation 2: Der Eine sitzt, der andere trägt was Anderes. Wie soll daraus Armut entstehen? Nur weil der Eine nicht arbeitet, aber am Ende die gleiche Menge Ware herauskommt? Wieso sollten sie sich dadurch beide zusammen weniger Essen leisten können? Haben nicht - so wie dem Anderen etwas Anderes einfällt - am Ende beide mehr?

Und: Es wurde Recycled, CO2 gespart. Vielleicht möchte der Autor einfach nur die Komplexität der Wirtschaft, kombiniert mit dem nebulösem Wissen: "Wirtschaft ist böse", einfach nur mal wieder mit einer Erfolgs-Schema-F einen Artikel schreiben, für den er bezahlt bekommt.