Afrika macht den Löwenanteil des Umsatzes von Soex aus, im vergangenen Jahr waren das rund 28 Millionen Euro. Außer Soex haben aber auch zahlreiche andere Exporteure das Riesengeschäft entdeckt. Alleine in Tansania kommen insgesamt rund 40.000 Tonnen Altkleider aus westlichen Ländern im Monat an, rund 50 Container legal und noch einmal so viel auf den illegalen Handelsrouten, wie ein Insider erzählt. Mitumba nennt man sie hier: die Kleiderspenden. Und einer ihrer größten Umschlagsplätze ist Dar es Salaam.

Der Hafen am Indischen Ozean ist Einfallstor eines stetig wachsenden Warenstroms. Von hier aus überfluten die in Plastikfolie eingeschweißten Altkleiderchargen nicht nur Tansania, sondern auch die angrenzenden afrikanischen Staaten. Und die Folgen sind schon auf den ersten Blick offensichtlich. An jeder Ecke stehen kleine Händler, die versuchen, Mitumba zu verkaufen. Auf den großen Märkten erstrecken sich kilometerlange Basarstraßen, auf denen ausschließlich Secondhandkleidung zu haben ist. Und nebenan sitzen die Näherinnen, die XXL-Hosen auf afrikanisches Hungerformat ändern. Die Frauen schuften im Akkord für weniger als 80 Euro im Monat, aber sie haben wenigstens noch einen Job. Rund 80.000 Beschäftigte der ehemals stattlichen tansanischen Textilindustrie haben ihren hingegen verloren. Denn Mitumba ist kein einheimisches Produkt gewachsen.

Schwer bewacht stehen teure Geländewagen auf den Parkplätzen der Textilimportfirmen in Dar es Salaam, fast alle sind fest in libanesischer Hand. Für Journalisten ist hier Sperrgebiet, die Geschäfte werden nicht gerade transparent abgewickelt. Das Einzige, über das man offen spricht, ist die hohe Wertschätzung, die die deutsche Ware hier genießt. Hassan Ghaddar hat zehn Jahre in Deutschland gelebt und arbeitet nun für Villa Mar, eine der wichtigsten Importfirmen für deutsche Spendenware und Handelspartner von Soex. Er weiß, dass Deutsche auch gute, gepflegte Kleidungsstücke wegwerfen und erklärt: »Man macht viel Geld mit der deutschen Ware.«

Godfrey Mwenda steht auf dem Ubungo Big Braza Market in Dar es Salaam und greift nach einem Stapel Shirts: »Diese Kinderkleidung hier? Ich bin sicher, dass die Menschen, die sie gespendet haben, etwas Gutes tun wollten. Sicherlich rechnet keiner damit, dass sie uns in eine schreckliche Katastrophe gestürzt haben.« 24 Jahre hat Mwenda in der tansanischen Textilindustrie gearbeitet, bis sie aufhörte zu existieren. Mwenda kann seinen Zorn kaum verbergen: »Vor 20 Jahren haben wir solche Hemden selber produziert. Aber unsere Fabriken hatten keine Chance, vergleichbare Ware zu einem so niedrigen Preis herzustellen.« Inzwischen ist Mitumba konkurrenzlos. Godfrey Mwenda führt aus Dar es Salaam hinaus Richtung Morogoro. Hier stand einmal die größte Textilfabrik Tansanias. Alle 9.000 Beschäftigten mussten gehen, inzwischen steht nicht einmal mehr das Fabrikgebäude, denn die verarmten Textilarbeiter zerschlagen die Mauern zu Schotter, den sie für einen Hungerlohn an den Straßenbau verkaufen. Etwas anderes bleibt ihnen nicht.

Viele andere haben stattdessen verdient. So verkauft Zwischenhändler Villa Mar, der die Altkleider gleich containerweise ersteht, das Kilo für 1,20 Euro. Und die Spirale dreht sich weiter. Schließlich lässt sich Villa-Mar-Eigentümer Ali Fawas doch noch zu einem Gespräch herab und argumentiert ganz rational. Er rechnet die Kosten für die Sammlung, das Sortieren und den Transport der Altkleider hoch und schließt: »Am Ende bekommt der Kunde hier eine Armani-Jeans für nur zwei Dollar. So eine Hose kann sich hier in Afrika doch sonst niemand leisten.« Dem entgegnet Godfrey Mwenda, dass sich in Wirklichkeit Afrika Mitumba nicht mehr leisten könne. Aber richtig gehört wurde seine Stimme bisher nicht.

Die Zentrale des Deutschen Roten Kreuzes ist übrigens nicht bereit, sich zur Praxis der Weitergabe der Altkleiderspenden an Efiba zu äußern. Das sei alles eine Sache der Kreisverbände, heißt es. Nur Friedel Hütz-Adams, der für das Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene an einer Studie über die wirtschaftlichen Konsequenzen der Altkleiderspenden in Afrika arbeitete, hat einen ganz einfachen Tipp für alle, die nicht mehr Teil des Geschäftes mit den Spenden sein und dennoch ihre Altkleider nicht einfach wegwerfen wollen: alles gründlich zerschneiden und dann in den Spendensack. So muss Soex recyceln, und das Material kommt in den Wertstoffkreislauf, nicht in die Dumpingspirale der Exportwirtschaft.

»Die Altkleider-Lüge« läuft am Freitag, dem 4.11.2011 um 21.15 Uhr im NDR Fernsehen.