Er sei viel unterwegs in diesen Wochen, erzählt Clement, bei Arbeitgeber- und Sparkassenverbänden, bei allen möglichen Mittelstandsorganisationen. »Da gibt’s viel Frust, viel Unsicherheit gegenüber Europa, aber keine knallharte Position gegen Frau Merkel. Die Leute sind unsicher: Was wird mit unserer Währung? Inflation? Währungsreform? Das sind die Sorgen.« Und noch einmal zum Mitschreiben: »Nein, ich stehe für eine neue Partei nicht zur Verfügung.«

So bleibt es dabei: Es fehlt ein Name, ein Gesicht, ein politisches Temperament, das eine Massenbewegung in Gang setzen oder wenigstens ein Publikum in Münster oder in Berlin von den Stühlen reißen könnte. Henkel meidet emotionale Zuspitzungen. Gewiss, seine Rede beeindruckt die Leute, auch solche, die skeptisch die Säle betraten. Aber man könnte diese Rede weiß Gott auch anders halten, schärfer, politischer. Man könnte den Saal zum Kochen bringen. Fast scheint es, dass er ganz gern ein bisschen kochen würde, so dankbar applaudiert er jeder noch so zahmen Pointe.

Henkel gibt seinem Publikum Argumente, auch mal einen auf spröde Art frechen Spruch – aber Feuer gibt er ihm nicht. Er springt nicht in die Bütt. Er bleibt Ökonom und, was den Stil angeht, hanseatisch. Fährt er seine kleine Parteiversuchsreihe aus taktischen Gründen mit angezogener Handbremse, oder ist er einfach nicht die politische Rampensau, die eine neue Partei unbedingt brauchte, und will es auch nicht sein? Wahrscheinlich Letzteres.

Als Hans-Olaf Henkel dann gegen Ende sein Publikum auffordert, sich am Mitgliederentscheid in der FDP zu beteiligen, wirkt diese Therapie erstaunlich homöopathisch angesichts der Dramatik seiner Euro-Diagnose und ein wenig enttäuschend angesichts der versammelten Empörungsbereitschaft im Saal. »Wenn der Entscheid nicht zum Erfolg führt«, fährt Henkel fort, »dann ist es Zeit für eine neue Partei. Aber viel einfacher, viel effektiver ist es, in die FDP einzutreten und dort für einen Kurswechsel der Regierung zu kämpfen. Hat das Erfolg, kommt ein Sonderparteitag, und dann rollen dort Köpfe.« Der parteilose Henkel lächelt. »Und wenn Sie nur eintreten, beim Entscheid mitmachen und wieder austreten.«

Einer solchen Guerilla-Taktik mag ein spektakulärer Coup glücken – und ein Umdrehen der FDP, die immerhin Deutschland mitregiert, wäre ein Coup. Aber eine neue Partei, das ist etwas anderes. Die muss Politik machen, auf vielen Feldern. Was wäre denn deren Programm? Euro weg – basta? Was ist mit Innerer Sicherheit? Mit Ausländerpolitik? Anti-Islamismus? Henkel hält sich von diesen Reizthemen fern. Auch Redner aus dem Publikum fassen diese Eisen nicht an. Es geht um Geld, Vernunft und Mitte – diese neue Partei wäre die erste ökonomische Partei Deutschlands.

Eine Ein-Punkt-Partei also. So haben auch die Grünen einmal angefangen. Auch programmatische Diät kann zu einer Kraft werden, wenn sie ihre Zeit, ihr Publikum findet. Vielleicht ist ein altmodisch dickes Parteiprogramm mit vielen Spiegelstrichen gar nicht wichtig. Aber da ist noch etwas, ohne das geht es nicht. Jede erfolgreiche Partei hat etwas, das größer ist als ihr Straucheln im politischen Unterholz: eine Aura, eine Idee. Wer Rot wählt, wählt Gerechtigkeit. Wer Schwarz wählt, Bürgerlichkeit. Wer Grün wählt, eine befriedete Welt.

Was also wäre die Aura, was wäre der geistige Ort einer Anti-Euro-Partei – mehr Haushaltsdisziplin wagen? Nein, das würde nicht reichen. Das wäre zu wenig für eine kleine Volkspartei.

Vielleicht muss sie gar nicht gegründet werden. Vielleicht hat sie ihr Ziel schon erreicht, ohne dass es sie gibt: dass über den massiven Umbau Europas, der in diesen Monaten wie nebenbei vonstattengeht und von der Regierung als krisenbedingte Reparatur technischer Art verkauft wird, offen gesprochen wird; dass die Deutschen, die das alles existenziell angeht und die in eine neue Zentralität hineinwachsen, die ihnen selbst nicht geheuer ist, eine politische Sprache dafür finden – auch für ihre Interessen. Dass das Unwort »alternativlos«, ein Wort aus dem Jargon von Kapitulationsverhandlungen, in die Biotonne getreten wird.