Psychische BelastungProf. Dr. Depressiv

Lehrende an deutschen Hochschulen sind so produktiv wie nie – gleichzeitig häufen sich psychische Probleme von 

Vor Kurzem erhielt Isabella Heuser einen dieser Anrufe: Eine Professorin aus ihrer Fakultät fragte, ob man sich vielleicht einmal treffen könne – aber keinesfalls im Büro, sondern außerhalb. Heuser, Direktorin am Institut für Psychiatrie der Berliner Charité , ahnte, worum es ging: Wieder einmal hatte der Arbeitsalltag in der Universität jemanden in eine scheinbar ausweglose Lage gebracht.

Seit geraumer Zeit erhält sie öfter solche vertraulichen Anfragen. Meist sind es Frauen, die ihren Rat suchen. Die Nöte jedoch, die sich in den Gesprächen offenbaren, sind bei Professoren wie Professorinnen die gleichen. Heuser kennt sie als Expertin für Depressionen aus ihrer Forschungspraxis. Die Kollegen klagen, selbst in den Semesterferien nicht mehr zur Ruhe zu kommen. Sie berichten von chronischen Kopf- oder Rückenschmerzen, von Freudlosigkeit und latenter Aggressivität. Die meisten Betroffenen funktionieren zwar noch im Seminar oder Labor. »Die haben auf Autopilot gestellt«, sagt die Psychiaterin. Doch hinter der Fassade akademischer Geschäftigkeit wächst die Angst vor dem Absturz.

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Seit Jahren stehen die Hochschulen unter Druck: Die Exzellenzinitiative hat die Idee von der Gleichheit aller Universitäten zerschlagen. Die alte Studienstruktur ist abgewickelt und durch eine neue ersetzt ( Bologna-Reform ). Die traditionellen akademischen Gefüge wurden auf Effizienz getrimmt. Jetzt gibt der Wettbewerb auf allen Ebenen den Takt vor – um Fördermittel, Image oder Personal.

Die Eingriffe haben in relativ kurzer Zeit eine Produktivitätsexplosion ausgelöst. Niemals zuvor haben deutsche Professoren so viel ausgebildet und geforscht wie heute. Die Kurve aller ihrer Kennzahlen – Publikationen, Patente, Drittmittel – weist nach oben. Nun fordert die Reform Tribut bei ihren Hauptträgern . »Wir alle betreiben extremen Raubbau an unseren Körpern und Seelen«, sagt der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa . Es sei Konsens unter Kollegen, dass es in dem Tempo nicht mehr lange weitergehe, »ohne dass die Ersten zusammenklappen«.

Der Hamburger Uni-Präsident Dieter Lenzen warnt gar vor einem »organisatorischen Burn-out« der Institution Universität. Und die Deutsche Universitätszeitung (DUZ) erklärt das seelische Ausbrennen von Forschern mittlerweile für so »normal wie eine Erkältung im Winter«. Schon heute finden sich in den einschlägigen Kliniken neben Managern oder Lehrern auch immer häufiger Professoren unter den Patienten, die unter der Erschöpfungsdepression leiden. »Das ist relativ neu«, sagt Gernot Langs, Chefarzt der Schön Klinik im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt. »Früher hatten wir diese Klientel nicht.«

Eine Reihe weiß getünchter Häuser in einer Sackgasse, rundherum Wald. Vom Balkon aus blickt man auf einen stillen See. Knapp drei Monate verbrachte die Juraprofessorin Charlotte Petri* in der brandenburgischen Natur, um »zurück ins Leben« zu finden. So lautet das Motto der Oberberg-Klinik , einer Spezialeinrichtung für ausgebranntes Personal der Dienstleistungsgesellschaft. Einzel- und Gruppengespräche gehören ebenso zum Therapieprogramm wie gutes Essen und lange Spaziergänge. Allein während ihres Aufenthaltes traf Petri drei weitere Hochschullehrer, denen Ärzte eine lange Zwangspause von der Wissenschaft verordnet hatten.

Für die groß gewachsene, zupackende Frau mit dunklen Haaren begann der Absturz, als sie ihr Ziel erreicht hatte: eine unbefristete Stelle an einer Berliner Universität. Jahrelang hatte die Juristin darauf hingearbeitet. Studium in Köln und den USA, Tätigkeit als Fachanwältin, Doktorarbeit mit Stipendium, Lehraufträge. Von einer Sprosse zur nächsten hatte sie sich nach oben gekämpft. »Ich mache mir einen Plan und arbeite die Stationen einzeln ab – so läuft das Leben, dachte ich.«

Die Führungskräfte der Hochschulen bedürfen der Personalentwicklung

Mit viel Energie warf sich die Juraprofessorin in die Arbeit an ihrer neuen Hochschule. Penibel bereitete sie ihre Seminare vor, ließ sich in verschiedene Gremien wählen, scheute keine Konflikte. Dass sie die ersten Jahre über Hunderte Kilometer pendeln musste, weil zu Hause ihr kleiner Sohn wartete, war nicht zu vermeiden. Jammern bringt nichts, lautete einer ihrer Leitsprüche. Einmal traf sie im Fahrstuhl einen Kollegen, der auf die beiläufige Frage, wie es ihm gehe, in Tränen ausbrach. »Was hat der denn für Probleme?«, fragte sie sich damals. »Der hat doch einen tollen Job.« Drei Jahre später war sie selbst so weit.

Leserkommentare
    • Schawn1
    • 11. November 2011 17:04 Uhr

    Auch von Seiten der Politik ist der Leistungsdruck immer größer. Universitäten erhalten Finanzmittel auf Basis von Leistungsvereinbarungen, die sie mit den vorhandenen Ressourcen kaum bewältigen können. Einen interessanten Beitrag hat hierzu Prof. Badelt von der Uni Wien in seiner Vortragsreihe "die Bildung der Zukunft" geleistet. Er bezieht sich dabei insbesonder auf Österreich, aber die Problematik trifft auch auf Deutschland zu. http://bit.ly/tqZnLz

    Antwort auf "Etwas zur "Elite""
    • checkox
    • 16. Dezember 2011 17:52 Uhr

    " Die Eingriffe haben in relativ kurzer Zeit eine Produktivitätsexplosion ausgelöst. Niemals zuvor haben deutsche Professoren so viel ausgebildet und geforscht wie heute. Die Kurve aller ihrer Kennzahlen – Publikationen, Patente, Drittmittel – weist nach oben. "

    Nope. Qualität wird sinnlos quantifiziert. Sinnlos Aufsätze aus"kotzen" macht nicht glücklich und ist auch nicht produktiv. Es geht nur um nackte Zahlen in Bilanzen irgendwelcher BWLer. Drittmitteleinwerbung war früher außerdem auch nicht so obligatorisch wie heute, oder? Mit Bildung und Humboldt hat das schon längst nicht mehr zu tun.

    Wenn in manchen Bachelorarbeiten 2 Monate Bearbeitungszeit und 30 Seiten vorgesehen sind, dann tuts mir echt Leid - das ist nur noch Schmu. Es ist einfach nur sinnlos, weil ein Kant, eine Ahrendt, Adorno usw. so heute gar nicht mehr vorkommen dürften. Die hätten ja viel zu wenig Output erbracht! Solche Leute haben Jahre gebraucht, um ihre genialen Schriften zu fabrizieren (ist auch ganz natürlich, ein Buch schreibt man nicht innerhalb weniger Wochen). Aber es geht eben nicht um gute Ideen und kritische Gedanken. Sondern um Output. Sinnloses Fabrizieren und Geschwurbele im Wissenschaftsjargon. Es soll auch ja keine Gesellschaftskritik aufkommen..

    Fazit: Wir müssen die Unis grundlegend umstrukturieren, demokratischer machen, mehr Zeit lassen - und echte Bildung ermöglichen. Bildung ist Selbstzweck und nicht messbar. Zurück zu den Humboldtschen Wurzeln!

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