ZEITmagazin: Frau Kaltenbrunner, Sie haben alle 14 Achttausender bestiegen. Wie haben Sie sich auf Ihre Touren vorbereitet?

Gerlinde Kaltenbrunner: Ich habe früher bei eisiger Kälte mit geöffnetem Fenster geschlafen. Manchmal hatte ich morgens einen Haufen Schnee auf der Bettdecke. Das fand ich ganz normal, das war Teil der Vorbereitung, genauso wie täglich um sechs Uhr früh 40 Kilometer über einen Pass zur Arbeit zu radeln und am Abend wieder zurück. Wenn ich etwas wirklich mit Begeisterung und Freude will, dann ist diese Energie da und automatisch auch die Disziplin. Ich hatte ein großes Ziel, und dafür gab ich alles.

ZEITmagazin: Bei diesem extremen Höhenbergsteigen liegen Euphorie und Tod ganz nah zusammen. Wie leben Sie mit dieser Spannung?

Kaltenbrunner: Ich bin mir bewusst, dass selbst ein kleiner Fehler tödliche Folgen haben könnte. Als Krankenschwester war ich schon oft mit dem Tod konfrontiert. Und trotzdem hat mich der Absturz meiner Freundin Christina am Broad Peak stark bewegt. Sie hat mir vor dem Aufstieg eine SMS geschrieben, sie sei dankbar für unsere Freundschaft und per sempre tua Christina , also für immer, deine... Das war wie eine Verabschiedung. Als ob sie gespürt hätte, dass sie nicht mehr zurückkommt. Trotz meiner Einstellung zum Tod habe ich einige Zeit gebraucht, bis ich das überwunden hatte.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

ZEITmagazin: Sind Sie auch schon in lebensgefährliche Situationen geraten?

Kaltenbrunner: Ja, 2007 war ich mit drei Spaniern am Dhaulagiri unterwegs, die mir anboten, das Zelt mit ihnen zu teilen. Ich verlasse mich jedoch immer auf mein Bauchgefühl und nahm mein eigenes Zelt mit. Am nächsten Morgen stürmte es, und wir mussten mit dem Aufstieg warten. Ich habe noch einen Becher heißes Wasser getrunken und wollte mich zurücklehnen, als plötzlich mein Zelt weggerissen wurde, sich überschlug, richtiggehend den Berg hinuntergeschwemmt wurde. Ich wusste nicht mehr, wo oben und unten ist, war orientierungslos. Schlagartig war wieder Stillstand. Ich konnte mich nicht mehr bewegen und war wie einzementiert.