Der Mann, der ein Held sein soll, kommt aus seinem Schrebergarten. Werneuchen, eine Kleinstadt nahe Berlin. Harald Jäger sagt, im Garten fühle er sich zu Hause. Deswegen sei er aufs Land gezogen, raus aus der Stasi-Platte in Berlin-Hohenschönhausen.

Er steht nun etwas steif in der Wohnungstür eines Mietshauses. Ein stattlicher Endsechziger im Strickpulli, freundliches Gesicht, das graue Haar rechtwinklig gescheitelt. Das also ist er: Der Mann, der die Mauer öffnete. So heißt Jägers Biografie. Befehlswidrig, müsste der Vollständigkeit halber dabeistehen. Der Zusatz ist wichtig für diese Geschichte, die von Anpassung und Widerstand erzählt; und von einem überzeugten Kommunisten, der erst dann Farbe bekannte, als ihm das Schicksal keine andere Wahl mehr ließ.

Harald Jäger stammt aus Sachsen, er wuchs auf in Bautzen. Berühmt wurde er in Berlin. Dort war er stellvertretender Leiter der Passkontrolle am Grenzübergang in der Bornholmer Straße, Bezirk Prenzlauer Berg. Am späten Abend des 9. November 1989 ignorierte er die Weisung seiner Vorgesetzten und öffnete den Schlagbaum für die Menschenmassen. Ist er schon allein deshalb ein Held?

Diese Frage, die der Bundesverteidigungsminister Mitte Oktober aufgeworfen hat, irritiert Hubertus Knabe. Der Leiter der Gedenkstätte des ehemaligen Stasigefängnisses Berlin-Hohenschönhausen sagt: Die Mauer hätten jene Menschen zum Einsturz gebracht, die endlich frei sein wollten. "Man sollte auch nicht krampfhaft versuchen, etwas Positives in der DDR-Armee zu suchen", findet Knabe. "Das unterscheidet sie von der Wehrmacht: Dass es niemals auch nur den kleinsten Ansatz von Widerstand gab."

Die steile These vom Beitrag der NVA zum Mauerfall ist eine, die schon formell hinkt. Alte Bilder zeigen Harald Jäger zwar in der steingrauen NVA-Uniform, doch trug er die nur zur Tarnung. Wie alle Kollegen, die im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Menschen an der Grenze aushorchten. Aus der grauen Masse trat er am 9. November 1989 hervor, als er etwas tat, was kaum einer von ihm erwartet hatte.

Bis dahin war es ein Arbeitstag wie jeder andere für Jäger gewesen. Der damals 46-Jährige hatte es vom freiwilligen NVA-Grenzsoldaten zum Oberstleutnant des MfS gebracht. Seine Vorgesetzten schätzten sein Organisationstalent und seine joviale Art. Die half dem Familienvater, verdächtige Bürger "abzuschöpfen", wie es im Jargon des DDR-Geheimdienstes hieß. Getarnt als Passkontrolleur, fragte er ein- und ausreisende Bürger über ihre Reisepläne und Gastgeber aus. Ihre Personalien glich Jäger mit Daten einer Fahndungskartei ab. Er sagt, für jeden gesuchten Bürger habe die Kartei eine eigene Maßnahme vermerkt: "Da stand zum Beispiel: ›Festnahme bei Einreise‹. Oder: ›Beobachtung einleiten‹."

Gegen 19 Uhr saß Jäger vor dem Fernseher in der Kantine, als Günter Schabowski bei jener legendären Pressekonferenz des SED-Politbüros ein Satz herausrutschte, der den Anfang vom Ende der DDR bedeutete: "Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen." Die Regelung trete unverzüglich in Kraft.

Jäger sagt heute, ihm sei vor Schreck der Bissen im Halse steckengeblieben. Er wusste ja, was das bedeutete. Nicht mehr lange, und DDR-Bürger würden vor dem Schlagbaum Schlange stehen. Es gab jedoch keinen Befehl, die Grenze zu öffnen. Schon nach einer Stunde warteten die ersten 150 Menschen vor der Schranke. Keine Ausreise ohne Papiere, verkündete die Volkspolizei – und forderte die Bürger allen Ernstes auf, sich an die zuständigen Ämter zu wenden. Die Polizisten wussten: Diese waren längst geschlossen. Sie spielten auf Zeit.