Politologe Herfried MünklerOssis, werdet eitler!

Bringt es kein Ostdeutscher zum Nationalhelden? Der Politologe Herfried Münkler über Bohley, Ballack und das Star-Potenzial der Kanzlerin

DIE ZEIT: In Ihrem Buch Die Deutschen und ihre Mythen schreiben Sie, dass es vier Kanzler der Bundesrepublik gegeben habe, die zum Mythos wurden: Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Können eigentlich auch Ostdeutsche zu Helden werden?

Herfried Münkler: Reden wir nur über Ostdeutsche oder auch über DDR-Bürger?

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ZEIT: Über beide.

Münkler: Ein Mann wie Walter Ulbricht wurde durch Auftritte und Zitate ein negativer Mythos, vielleicht sogar eine Art lächerlicher Held. Durch seine hohe Stimme und den sächsischen Dialekt hat er sich immer auch auf der Ebene einer Karikatur bewegt. Aber warum sollen andere Ostdeutsche nicht zu positiven Helden werden? Wir müssen abwarten, wie die Euro-Krise ausgeht. Vielleicht ist Angela Merkel schon bald ein Mythos.

Herfried Münkler

60, ist Professor für Politische Theorie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Für Die Deutschen und ihre Mythen gewann er 2009 den Preis der Leipziger Buchmesse
 

ZEIT: Sie beklagen, dass Deutschland im Vergleich zu seinen Nachbarn oder den USA eine weithin mythenfreie Zone sei: kein Sturm auf die Bastille, keine Unabhängigkeitserklärung.

Münkler: 1945 ist den Deutschen ein Großteil ihrer politischen Mythen aus gutem Grund abhandengekommen. Seitdem sind wir ein mythenarmes Land. Zumindest im Westen war das gewollt, dort hat man sich nach Kriegsende erst mal in mythenpolitische Quarantäne begeben. Die Gründung der Bundesrepublik basierte zu großen Teilen allein auf dem Versprechen einer stabilen Währung – der guten alten D-Mark, die dann selbst zum Mythos wurde. Heute reicht das nicht mehr aus: In der jetzigen Krise Europas merken wir, welche Kraft von großen Erzählungen gerade in schwierigen Zeiten ausgehen könnte. Europa ist eine Rechengröße geblieben.

ZEIT: Aber wir hatten doch eine friedliche und die ganze Welt verändernde Revolution! Warum ist der Herbst 1989 nicht zu einem neuen Gründungsmythos geworden?

Münkler: Weil wir die wirkmächtigen Bilder der Menschen auf der Straße nicht als Mythos, als deutsche Gründungserzählung, angenommen haben. Helmut Kohl hat diese Möglichkeit aus Angst verschenkt. Die Kraft und Faszination des 9. November besteht in seiner Mehrfachbedeutung. Auf diesen Tag fielen die Ausrufung der Republik 1918 in Berlin, der Hitler-Putsch, die »Reichskristallnacht« und eben auch der Mauerfall . Wer sich auf diesen Tag einlässt, muss diese Zwei- und Vieldeutigkeiten in Kauf nehmen und die Kraft haben, mit den Ambivalenzen umzugehen, aber das heißt auch: Immer wieder muss man sich vergegenwärtigen, was dieses Datum für die Deutschen bedeutet.

Leserkommentare
  1. Am 03.11. wird Jäger in einem Zeit - Artikel als Stasi Offizier bezeichnet. In dem Beitrag hier lese ich der NVA Offizier Jäger. Was denn nun. Könnte man sich in der Zeit nun einigen wo
    Jäger hingehört? Und nur mal so nebenbei. Es gab an diesen Abend an den Grenzübergängen
    an der Westgrenze noch mehr Stasi - Offiziere , die das gleiche gemacht haben wie Jäger. Nur von denen spricht keiner.

  2. Die Leute, die ihren Kopf riskiert haben, als noch nicht raus war, das nicht geschossen wurde, wurden von denen, für die sie gekämpft haben, schnöde verraten. Respekt vor ostdeutschen Biografien wird in erster Linie eingefordert von Leuten, vor denen man keinen Respekt haben kann.
    Vielleicht sind Helden schwer zu ertragen, wenn man sich daneben klein fühlt. Vielleicht ist der Held in Friedenszeiten immer ein bißchen eine lächerliche Figur.
    Demokratie ist nun einmal die Staatsform der Mediokrität. Aber sie funktioniert auch einigermaßen ohne Helden.
    Eine unangenehme Nebenwirkung der Akzeptanz der Mediokrität ist allerdings, daß das Mittelmaß nun auch für unser Bildungswesen als ausreichend erachtet wird.

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    ...kein Demokratie, sondern eine zeitlich beschränkte Parteiendiktatur. Nur mal so, bevor wir überhaupt anfangen, über "Mediokrität" (warum nicht "Mittelmäßigkeit"?) zu debattieren.

    ...kein Demokratie, sondern eine zeitlich beschränkte Parteiendiktatur. Nur mal so, bevor wir überhaupt anfangen, über "Mediokrität" (warum nicht "Mittelmäßigkeit"?) zu debattieren.

  3. ich nicht in jedem Punkt zustimmen kann. Wie dem auch sei...

    Zum Jahr 1989:

    Zu einem Mythos gehören auch Helden oder Märtyrer. George Washington als Namensgeber der Hauptstadt und der Mann auf der 1-Dollar Note (Unabhängigkeitserklärung). Napoleon als glorreicher General der aus der franz. Revolution hervorging, Mao in China sowie Lenin nach der Oktoberrevolution. Auch heute gibt es Märtyrer/Helden die sinnbildlich für den Mythos "Revolution" stehen: Der sich selbst verbrennende Obstverkäufer Mohammed Buazizis in Tunesien und für den arabischen Frühling im Allgemeinen sowie die erschossene "Neda" (Youtube-Videos) für die Grüne Revolution im Iran.

    Aber die Revolution in der DDR? Gauck oder Bohley? Sie sind beide keine Märtyrer und auch danach nicht sonderlich in der Öffentlichkeit aufgetreten. Die DDR-Revolte hat einfach kein klares Gesicht, das sinnbildich für den aus der Revo. hervorgegangenen Erfolg steht, ebenso wenig wie sie Märtyrer hat.

    Das ist meines Erachtens auch ein Grund für die "Mythenlosigkeit" des 1989er Ereignisses.

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    Helden? Immerhin haben die Leute der Kirche, die trotz staatlicher Einschüchterungsversuche die Montagsandachten abhielten, Mut bewiesen. Pfarrer Führer aus Leipzig steht für etliche Andere.

    Und dann Diejenigen, die dafür sorgten, dass trotz enormer Anspannung und Gefahr am 9. Oktober 1989 in Leipzig nicht geschossen wurde. Kurt Masur, aber auch sein Gegenpart.

    Mit brennenden Kerzen in der Hand "Keine Gewalt" ausrufend die diktatorische Macht, das Böse brechen. Wie sehr die Botschaft des Neuen Testaments ausgerechnet die ostdt. Revolution beeinflusst und gestaltet hat, ist m.E. noch zu wenig gewürdigt worden.

    Helden? Immerhin haben die Leute der Kirche, die trotz staatlicher Einschüchterungsversuche die Montagsandachten abhielten, Mut bewiesen. Pfarrer Führer aus Leipzig steht für etliche Andere.

    Und dann Diejenigen, die dafür sorgten, dass trotz enormer Anspannung und Gefahr am 9. Oktober 1989 in Leipzig nicht geschossen wurde. Kurt Masur, aber auch sein Gegenpart.

    Mit brennenden Kerzen in der Hand "Keine Gewalt" ausrufend die diktatorische Macht, das Böse brechen. Wie sehr die Botschaft des Neuen Testaments ausgerechnet die ostdt. Revolution beeinflusst und gestaltet hat, ist m.E. noch zu wenig gewürdigt worden.

  4. Helmut Kohl ein Mythos? Nein danke, da ziehe ich dann doch lieber den Glauben an den Weihnachtsmann oder Superman vor.

    Aus der Nähe betrachtet, wirken auch die anderen genannten Lichtgestalten bei weitem nicht so grossartig, wie mancher auf den ersten Blick meinen möchte. Ohnehin sind Politiker nichts weiter als die Angestellten der Wähler. Und es gibt keinen Grund, sein Personal auf ein Podest zu heben und zur mythischen Gestalt zu verklären.

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    ...auch wenn das Wort "Minister" (ministrare = dienen) das nahe legt. Gedient wird schon, nur leider nicht immer dem Wähler, somit passt "Vormund" eigentlich besser. Erst recht wenn man den überheblichen Habitus vieler Politiker mit einbezieht.

    ...auch wenn das Wort "Minister" (ministrare = dienen) das nahe legt. Gedient wird schon, nur leider nicht immer dem Wähler, somit passt "Vormund" eigentlich besser. Erst recht wenn man den überheblichen Habitus vieler Politiker mit einbezieht.

  5. ...kein Demokratie, sondern eine zeitlich beschränkte Parteiendiktatur. Nur mal so, bevor wir überhaupt anfangen, über "Mediokrität" (warum nicht "Mittelmäßigkeit"?) zu debattieren.

  6. ...auch wenn das Wort "Minister" (ministrare = dienen) das nahe legt. Gedient wird schon, nur leider nicht immer dem Wähler, somit passt "Vormund" eigentlich besser. Erst recht wenn man den überheblichen Habitus vieler Politiker mit einbezieht.

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    Antwort auf "Superman"
  7. Das was 1989 stattgefunden hat war auch keine wirkliche Revolution. Oder wurde jemand geköpft, gehenkt, erschossen,...?
    Nein. Es war die sanfte politische Wende und ein verwaltungstechnischer Akt namens Wiedervereinigung.

    Hätte jemand den Mumm besessen, sich Honecker und Konsorten in Berlin zu greifen und gesammelt an die Wand zu stellen, um damit die erforderlichen Veränderungen auszulösen, dann hätte dieser als ggf. Mythos getaugt.

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  8. "Jedenfalls ist aus dem Herunterspielen der Bürgerrechtsbewegung eine kollektive Verwundung in der ostdeutschen Mentalität entstanden. Die Menschen haben das Gefühl, dass diese Leistung nicht anerkannt wurde."

    Die Bürgerrechtsbewegung ist auch im ostdeutschen Bewusstsein ein blinder Fleck. Verwundungen liegen eher woanders. Die meisten DDR-Bürger waren (trotz allgemein geäußerter Unzufriedenheit, Systemerstarrung und allgegenwärtigen Verfall) nicht dabei und haben sich, wenn überhaupt, erst sehr spät im Herbst 89 engagiert. Die echten Dissidentenkreise wurden außerhalb von Kirchenkreisen vielfach eher beargwöhnt oder gar nicht erst wahrgenommen. Ruhe und Ordnung sind erste Bürgerpflicht in der Kleingartenkolonie.

    Die vielbeklagte Verletzung der ostdeutschen Seele rührt meines Erachtens mehr aus der Leerstelle, die durch das plötzliche Verschwinden sämtlicher Lebensgewissheiten, gepaart mit erheblichen Minderwertigkeitskomplexen entsteht. All das potenzierte sich durch die unmittelbaren Nachwendeerfahrungen, Arbeitslosigkeit, Treuhand, Negativerfahrungen im vermeintlichen Konsumschlaraffenland etc. Das massenhafte Auftauchen zwielichtiger Großkotze und anderer Loser prägt bis heute das i.d.R. überzogene Bild vom "Besserwessi" bei bestimmten Generationen.

    Da hilft uns Ostdeutschen wohl nur ein neues Selbstbewusstsein, dass zur Abwechslung mal nicht auf die trotzige Verklärung der DDR zur immerwährenden fröhlichen Brigadefeier angewiesen ist.

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