Cord ist entweder ganz schrecklich in Mode oder ganz fürchterlich untragbar. Der Wechsel erfolgt oft unerwartet schnell: Hatte man morgens noch das Gefühl, in einer unglaublich angesagten Cordhose aus dem Haus zu gehen, meint man schon am Abend, abschätziges Getuschel darüber zu vernehmen. Das Gewebe dieses Stoffes ist so dicht mit Vorurteilen aufgeladen wie ein Jackett nach einem langen Kneipenabend mit Zigarettenrauch.

Es hängt wohl mit der Geschichte dieses Stoffes zusammen. Es ist eine lange Geschichte – Cord ist eines der ältesten maschinengefertigten Gewebe. Ende des 18. Jahrhunderts wurden in Manchester Webstühle entwickelt, die massenhaft Cord herstellten und für günstige Preise sorgten.

So wurde der Stoff hauptsächlich von den unteren Gesellschaftsschichten getragen, vor allem von der Arbeiterklasse, und von Kindern. Cord war billig und ging nicht kaputt, in gewisser Weise löste er die erste Massenbewegung der Modegeschichte aus. In Deutschland kam er verspätet an und wurde zur Tracht der wandernden Zünfte. Noch heute sieht man ihn bei Dachdeckern und Zimmerleuten.

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Sein Arbeiterklassenflair machte den Cord in den sechziger und siebziger Jahren sehr populär, als die Intellektuellen möglichst große Distanz zu den Eliten zeigen wollten. Aus dieser Zeit stammt auch der Cord-Anzug. In den glitzernden achtziger Jahren wurde es dann plötzlich unerhört unmodern, Cord zu tragen. In den Neunzigern schließlich war er nur noch an sozialdemokratischen Schriftstellern zu sehen.

Nun ist er wieder da. Cord taucht in Verbindung mit einer gewissen Siebziger-Jahre-Nostalgie bei H&M und bei Zara auf. Auch bei Theyskens Theory, Band of Outsiders und Adam Kimmel spielt er in dieser Saison eine tragende Rolle. Es ist vielleicht kein Zufall, dass insbesondere amerikanische Designer jetzt diesen Stoff inszenieren – in einer Zeit, in der Demonstranten die Wall Street belagern und der American Dream für viele nicht mehr zu gelten scheint. Die Mode wendet sich von den Eliten ab und feiert die einfachen Leute.

Im Übrigen ist ein Cord-Jackett fast nie eine Fehlinvestition. Der Stoff ist langlebig, und man kann ihn jederzeit aus dem Schrank holen, wenn er wieder mal in Mode kommt.