Japan Die Geister von Fukushima

Reiseeindrücke aus einer strahlend schönen Gegend, in der es keine Touristen mehr gibt

Ein Polizist bewacht den Übergang in das Sperrgebiet

Ein Polizist bewacht den Übergang in das Sperrgebiet

Willkommen in Japan, dem saubersten Land der Welt, sauberer als das Paradies, heißer als die Hölle. Seit März dieses Jahres laufen die Klimaanlagen auf halber Kraft, aber selbst zweitklassige Hotels sparen weder an Elektrizität noch an Wasser, wenn es um die Sauberkeit geht. Also macht man sein Geschäft und wird von einem Wasserspritz verwöhnt, der seine Kraft in die dunkelste aller Ecken lenkt, bis man sich gereinigt erhebt.

Anschließend empfiehlt sich ein Spaziergang. Da sieht man Männer und Frauen, die ihre Gesichter hinter Masken aller Art und Farbe verbergen. Drei Typen sind zu unterscheiden: diejenigen, die erkältet sind, diejenigen, die sich zu erkälten fürchten, und diejenigen, die gerade eine Erkältung hinter sich haben. Die Japaner hassen Bakterien, Viren, Mikroben.

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Aber sie mögen die Deutschen. Jeder, den ich treffe, mag die Deutschen. Und ich, falls Sie das noch nicht wissen, bin ein solcher Deutscher.

Sie verneigen sich vor mir. Sie erfreuen sich an meiner Gegenwart und zeigen es mir. Sie lachen, wenn ich mich an einem Witz versuche, sie überschütten mich mit Sushi und tränken mich in Sake, bis ich keine Luft mehr kriege. Das ist der Moment, in dem ich ihnen zu erkennen gebe, dass ich ein Jude bin. Kein Deutscher, nicht einmal ein deutscher Jude. Ein Jude. Bloß Jude.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

Tenenbom, Jahrgang 1958, ist der Sohn einer Rabbinerfamilie und wuchs in Jerusalem auf. Er sollte selbst Rabbi werden, floh aber als 17-Jähriger vor der strengen Orthodoxie nach New York. Dort arbeitete er unter anderem als Taxifahrer, Makler, Diamantenhändler und Banker. Im Jahr 1994 gründete Tenenbom das Jewish Theatre of New York, dessen Leiter er noch heute ist .

Sie starren mich an und verstummen, als wäre ich ein Geist aus Fukushima. Totenstille.

Seit 3/11, dem 11. März, fliegen Geister in Japan, Fukushima-Geister. Niemand weiß, wo sie sich in einem bestimmten Moment befinden. Die Regierung sagt, 20 Kilometer von der See entfernt. 40 Kilometer, sagen die Geigerzähler. Manchmal sind es 80, niemand weiß es genau. Dieses Land, das die Natur so liebt, das seine Straßen mit Rauchverbotsschildern schmückt, wird vom Himmel verprügelt, von der Erde verflucht und von ungreifbaren Geistern heimgesucht, die über seine Felder und in seine Schlafzimmer fliegen. Was für eine grausame Pointe des Schicksals. Und natürlich darf, wenn Ärger ins Haus steht, auch ich nicht fehlen.

Obwohl ich durch reinen Zufall in Japan gelandet bin. Neulich bekam ich eine E-Mail: In Japan finde ein Marathon statt. Ob ich kommen wolle? Ich laufe nicht. Zu fett. Aber, dachte ich mir, warum nicht nach Japan fliegen und den Lauf besprechen? Die Tatsache, dass ich noch nie gelaufen bin und es auch nicht vorhabe, macht mich zum idealen Marathon-Kritiker.

Erst in Tokyo merke ich, dass der Marathon nicht jetzt, sondern im Februar startet. Im Oktober geht es nur um die Ankündigung, die Vorbereitung. Warum haben die Japaner mich dann eingeladen? Sie bereiten sich gerne in Gruppen vor. Die Japaner und ich, wir bereiten uns gemeinsam auf den Tokyo-Marathon 2012 vor.

Keine schlechte Idee. Sogar eine sehr gute. Und wenn Hiroshi Mizohata, Japans Minister für Fremdenverkehr, eine Pressekonferenz abhält, bin ich da.

Der Minister mag mich vom ersten Moment an. Er umarmt mich, als wären wir zwei Freunde, die sich nach langer Zeit endlich wiedersehen.

Leser-Kommentare
  1. der Artikel fabelhaft geschrieben wurde, möchte ich doch etwas kritisieren.

    "Das ist ein schöner Traum, der sich nie erfüllen wird. Sie werden nie zurückkehren. Sie wissen das, oder? – Noch niemand, scheint es, hat so klar mit ihm gesprochen wie ich.

    Er zittert am ganzen Körper, er kämpft mit den Tränen. Aber er verliert. »Ja, ich weiß.«

    [...]

    "Und danach wird sie dann in ihre Heimatstadt zurückgehen? »Ich hoffe, dass ich 100 Jahre alt werde und in meiner Heimatstadt sterben darf.«

    Wird es wirklich dazu kommen? Auch ihr gelingt es nicht, die Tränen zu unterdrücken."

    Warum? Warum machen Sie das? Was bringt es Ihnen und vor allen den betroffenen Menschen wenn Sie so etwas sagen? Sie selber haben die Lage nicht nur (richtigerweise) als dramatisch dargestellt, sondern mussten sogar selber Tränen verdrücken. Die Betroffenen wohnen in Notunterkünften, haben keine geregelt Arbeit und auch sonst etliche Dinge verloren. WARUM nehmen Sie dann zusätzlich einem Mann und einer 90-jährigen Frau (!) die Hoffnungen, so realitätsfern sie auch sein mögen, auf einen für sie persönlich erwünschten/erhofften positiven Ausgangs der Katastrophe?
    Das sich Menschen in Notsituationen an Hoffnungen klammern, weiß jeder Mensch. Ebenso, dass viele genau daraus ihre Kraft ziehen. Sie, Herr Tenenbom, fahren dort hin, machen die Hoffnungen, aus welchen Sinn für die Betroffenen auch immer, zunichte und verschwinden wieder. An was soll sich denn bitte eine 90-jährige sonst noch klammern? Unverständlich!

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    • yurina
    • 08.11.2011 um 10:25 Uhr

    Ich stimme Ihnen zu: In dem Artikel habe ich von Satz zu Satz gedacht: So ist es, so sind sie, die Japaner. Und da ich mit einem schon lange verheiratet bin, darf ich das vielleicht sagen. Auch Ihren Einwand, Winnewupp, teile ich: Niemand in Japan käme auf die Idee, einer alten Frau oder jenem Landwirt diese letzte Hoffnung zu nehmen. Sowas lässt man - und in diesem Fall aus guten Gründen - im Unklaren. Und darin erkenne ich wieder uns Deutsche. Wir sind so wunderschön direkt und geradeaus, wir reden Klartext. Grund für hunderte Verstimmungen bis handfeste Kräche in meinem Eheleben. In Japan nennt man das schlicht mangelndes Fingerspitzengefühl. Ist einfach so, und sollte man in die eine wie die andere Richtung nicht zu hoch bewerten. Aber doch mal versuchen, daraus zu lernen: Dass man angebliche Selbstverständlichkeiten im eigenen Verhalten in Frage stellt. Selbstverständlich auf beiden Seiten. Und diese Haltung wünschte ich mir sehr in allen unsren Integrationsdebatten und vorschnellen Urteilen, die man in diesem und anderen Foren ständig lesen muss. Dennoch ein sehr guter Artikel. Und ach ja: Dass Herr Tenenbom die weinenden Alten in den Arm genommen hat, finde ich große Klasse und rechne ich ihm hoch an: Die waren sicher sowohl völlig erschrocken und schockiert wie auch gerührt und getröstet darüber. Eine angnehme Seite der deutschen Direktheit.

    • yurina
    • 08.11.2011 um 10:25 Uhr

    Ich stimme Ihnen zu: In dem Artikel habe ich von Satz zu Satz gedacht: So ist es, so sind sie, die Japaner. Und da ich mit einem schon lange verheiratet bin, darf ich das vielleicht sagen. Auch Ihren Einwand, Winnewupp, teile ich: Niemand in Japan käme auf die Idee, einer alten Frau oder jenem Landwirt diese letzte Hoffnung zu nehmen. Sowas lässt man - und in diesem Fall aus guten Gründen - im Unklaren. Und darin erkenne ich wieder uns Deutsche. Wir sind so wunderschön direkt und geradeaus, wir reden Klartext. Grund für hunderte Verstimmungen bis handfeste Kräche in meinem Eheleben. In Japan nennt man das schlicht mangelndes Fingerspitzengefühl. Ist einfach so, und sollte man in die eine wie die andere Richtung nicht zu hoch bewerten. Aber doch mal versuchen, daraus zu lernen: Dass man angebliche Selbstverständlichkeiten im eigenen Verhalten in Frage stellt. Selbstverständlich auf beiden Seiten. Und diese Haltung wünschte ich mir sehr in allen unsren Integrationsdebatten und vorschnellen Urteilen, die man in diesem und anderen Foren ständig lesen muss. Dennoch ein sehr guter Artikel. Und ach ja: Dass Herr Tenenbom die weinenden Alten in den Arm genommen hat, finde ich große Klasse und rechne ich ihm hoch an: Die waren sicher sowohl völlig erschrocken und schockiert wie auch gerührt und getröstet darüber. Eine angnehme Seite der deutschen Direktheit.

  2. Den Leuten Lügenmärchen zu erzählen, heißt, sie nicht ernst zu nehmen. Ob die Leute nun 30, 50 oder 90 Jahre alt sind, spielt dabei keine Rolle.

    Ihr Argument lässt sich dahingehend weiterentwickeln, dass die japanische Regierung, Tepco oder wer auch immer richtig gehandelt haben, indem sie Informationen zurückhalten oder beschönigen.

    Ein Mr. Tenenbom, der mit den Leuten zusammen weint, ist mir lieber.

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    den Unterschied zwischen Hoffnung und Lügenmärchen nicht zu verstehen. Der im Artikel angesprochene Mann wusste sehr wohl, dass er nicht mehr zurück kann. Trotzdem klammerte er sich an eben jene Hoffnung. Da braucht es keinen Journalisten der ihm erzählt was er hoffen sollte oder nicht!
    Und es ist schön das Mr. Tenenbom mit den Betroffenen weint, nachdem er sie selbst dorthin gebracht hat. Diese Leute müssen seit mehr als 8 Monaten in diesem Zustand auskommen und haben sicherlich selbst schon "die eine oder andere" Träne verdrückt bzw. in Kopf "klare" Hoffnungen und Vorstellungen, so unrealistisch sie auch sein mögen, wie es weitergehen soll.

    Zumal das Alter sicherlich eine Rolle spielt. Einem 25-jährigen, der theoretisch sein Leben von Grund auf umkrempeln kann, ist so etwas sicherlich einfacher beizubringen als einer 90-jährigen in ihren letzten Tagen.
    Ausserdem nochmals die Frage: Was und vor allem Wem bringt diese Nachfragerei etwas, wenn sich die Betroffenen, ohne es vielleicht wahrhaben zu wollen, über die Situation bewusst sind?

    Tenenbom hilft nicht, er bietet keine Lösungen an. Er agiert in diesem Falle schlicht als arroganter Journalist, der sich dazu berufen fühlt, den Menschen seine "Wahrheit" aufzudrängen => Unabhängig davon das diese in derselben seit mehreren Monaten leben.

    den Unterschied zwischen Hoffnung und Lügenmärchen nicht zu verstehen. Der im Artikel angesprochene Mann wusste sehr wohl, dass er nicht mehr zurück kann. Trotzdem klammerte er sich an eben jene Hoffnung. Da braucht es keinen Journalisten der ihm erzählt was er hoffen sollte oder nicht!
    Und es ist schön das Mr. Tenenbom mit den Betroffenen weint, nachdem er sie selbst dorthin gebracht hat. Diese Leute müssen seit mehr als 8 Monaten in diesem Zustand auskommen und haben sicherlich selbst schon "die eine oder andere" Träne verdrückt bzw. in Kopf "klare" Hoffnungen und Vorstellungen, so unrealistisch sie auch sein mögen, wie es weitergehen soll.

    Zumal das Alter sicherlich eine Rolle spielt. Einem 25-jährigen, der theoretisch sein Leben von Grund auf umkrempeln kann, ist so etwas sicherlich einfacher beizubringen als einer 90-jährigen in ihren letzten Tagen.
    Ausserdem nochmals die Frage: Was und vor allem Wem bringt diese Nachfragerei etwas, wenn sich die Betroffenen, ohne es vielleicht wahrhaben zu wollen, über die Situation bewusst sind?

    Tenenbom hilft nicht, er bietet keine Lösungen an. Er agiert in diesem Falle schlicht als arroganter Journalist, der sich dazu berufen fühlt, den Menschen seine "Wahrheit" aufzudrängen => Unabhängig davon das diese in derselben seit mehreren Monaten leben.

  3. den Unterschied zwischen Hoffnung und Lügenmärchen nicht zu verstehen. Der im Artikel angesprochene Mann wusste sehr wohl, dass er nicht mehr zurück kann. Trotzdem klammerte er sich an eben jene Hoffnung. Da braucht es keinen Journalisten der ihm erzählt was er hoffen sollte oder nicht!
    Und es ist schön das Mr. Tenenbom mit den Betroffenen weint, nachdem er sie selbst dorthin gebracht hat. Diese Leute müssen seit mehr als 8 Monaten in diesem Zustand auskommen und haben sicherlich selbst schon "die eine oder andere" Träne verdrückt bzw. in Kopf "klare" Hoffnungen und Vorstellungen, so unrealistisch sie auch sein mögen, wie es weitergehen soll.

    Zumal das Alter sicherlich eine Rolle spielt. Einem 25-jährigen, der theoretisch sein Leben von Grund auf umkrempeln kann, ist so etwas sicherlich einfacher beizubringen als einer 90-jährigen in ihren letzten Tagen.
    Ausserdem nochmals die Frage: Was und vor allem Wem bringt diese Nachfragerei etwas, wenn sich die Betroffenen, ohne es vielleicht wahrhaben zu wollen, über die Situation bewusst sind?

    Tenenbom hilft nicht, er bietet keine Lösungen an. Er agiert in diesem Falle schlicht als arroganter Journalist, der sich dazu berufen fühlt, den Menschen seine "Wahrheit" aufzudrängen => Unabhängig davon das diese in derselben seit mehreren Monaten leben.

    Antwort auf "Lügenmärchen"
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    Wenn die Hoffnungen so beschaffen sind, dass zum Zeitpunkt ihrer Äußerung jeder annimmt, dass sie sich niemals erfüllen werden, dann sehe ich den Unterschied zu einem Lügenmärchen tatsächlich nicht.

    Dass die Betroffenen sich an eine (falsche) Hoffnung klammern wollen, ist eine Interpretation. Möglicherweise wollen die Leute auch bloß niemandem zur Last fallen. Möglicherweise ist es Ausdruck der eigenen gefühlten Bedeutungslosigkeit oder meinetwegen auch Loyalität zur Regierung.

    Da man über die Beweggründe anderer Menschen nicht Bescheid weiß (schon gar nicht aus der Ferne), kann man gar nichts anderes tun, als das sagen, was man für wahr hält (natürlich kann man sich irren, hat dann aber die Möglichkeit zu einem echten Austausch).

    Man kann Mr. Tenenboms Geschichte auch dahingehend interpretieren, dass die Betroffenen weinen, nicht weil ihnen Hoffnung genommen wurde, sondern weil jemand erkannt hat, wie ihre Lage wirklich ist und sie nicht mit einer billigen Beruhigung abgespeist werden. Immerhin war Mr. Tenenbom tatsächlich vor Ort, was man ja nicht von allen behaupten kann, die über Fukushima schreiben.

    Wenn die Hoffnungen so beschaffen sind, dass zum Zeitpunkt ihrer Äußerung jeder annimmt, dass sie sich niemals erfüllen werden, dann sehe ich den Unterschied zu einem Lügenmärchen tatsächlich nicht.

    Dass die Betroffenen sich an eine (falsche) Hoffnung klammern wollen, ist eine Interpretation. Möglicherweise wollen die Leute auch bloß niemandem zur Last fallen. Möglicherweise ist es Ausdruck der eigenen gefühlten Bedeutungslosigkeit oder meinetwegen auch Loyalität zur Regierung.

    Da man über die Beweggründe anderer Menschen nicht Bescheid weiß (schon gar nicht aus der Ferne), kann man gar nichts anderes tun, als das sagen, was man für wahr hält (natürlich kann man sich irren, hat dann aber die Möglichkeit zu einem echten Austausch).

    Man kann Mr. Tenenboms Geschichte auch dahingehend interpretieren, dass die Betroffenen weinen, nicht weil ihnen Hoffnung genommen wurde, sondern weil jemand erkannt hat, wie ihre Lage wirklich ist und sie nicht mit einer billigen Beruhigung abgespeist werden. Immerhin war Mr. Tenenbom tatsächlich vor Ort, was man ja nicht von allen behaupten kann, die über Fukushima schreiben.

    • Crest
    • 08.11.2011 um 9:41 Uhr

    »Ich werde zurückkehren.«

    Er wird.

    "Heute haben wir 0,9 Mikrosievert Strahlung in der Stadt, ohne dass wir wüssten, was das bedeutet."

    Kant würde dies eine selbstverschuldete Unmündigkeit nennen.

    Herzlichst Crest

    P.S.
    0,9 Mikrosievert sind nicht gefährlich.

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    sind ungefährlich, soweit richtig, 700 nach meinen Informationen aber nicht.

    Ein Trauerspiel, dass zur Begründung der eigenen Position Argumente einfach unterschlagen werden. Ich wünsche mir eine Auseinandersetzung, wo man über die 0,9 ebenso reden kann wie über die 700.

    Wieso stiften sie mit falschen Zahlen absichtlich Verwirrung? 0,9 Ms ist ungefähr der Wert den durch Chernobyl verstrahlte Pilze im Bayrischen Wald enthalten. In den Lebensmitteln um Fukushima wurden weitaus höhere Werte gemessen. Auch sind die Hotspots in der Region teilweise mit über 20 Ms belastet. Dokumentationen dieser Messungen, Anfertigung von Messprotokollen und deren Interpretation können Sie u.a. in diesen gut recherchierten Dokumentationen finden:
    http://www.nippon-sekai.c...
    und
    http://vimeo.com/29267273

    sind ungefährlich, soweit richtig, 700 nach meinen Informationen aber nicht.

    Ein Trauerspiel, dass zur Begründung der eigenen Position Argumente einfach unterschlagen werden. Ich wünsche mir eine Auseinandersetzung, wo man über die 0,9 ebenso reden kann wie über die 700.

    Wieso stiften sie mit falschen Zahlen absichtlich Verwirrung? 0,9 Ms ist ungefähr der Wert den durch Chernobyl verstrahlte Pilze im Bayrischen Wald enthalten. In den Lebensmitteln um Fukushima wurden weitaus höhere Werte gemessen. Auch sind die Hotspots in der Region teilweise mit über 20 Ms belastet. Dokumentationen dieser Messungen, Anfertigung von Messprotokollen und deren Interpretation können Sie u.a. in diesen gut recherchierten Dokumentationen finden:
    http://www.nippon-sekai.c...
    und
    http://vimeo.com/29267273

  4. Wenn die Hoffnungen so beschaffen sind, dass zum Zeitpunkt ihrer Äußerung jeder annimmt, dass sie sich niemals erfüllen werden, dann sehe ich den Unterschied zu einem Lügenmärchen tatsächlich nicht.

    Dass die Betroffenen sich an eine (falsche) Hoffnung klammern wollen, ist eine Interpretation. Möglicherweise wollen die Leute auch bloß niemandem zur Last fallen. Möglicherweise ist es Ausdruck der eigenen gefühlten Bedeutungslosigkeit oder meinetwegen auch Loyalität zur Regierung.

    Da man über die Beweggründe anderer Menschen nicht Bescheid weiß (schon gar nicht aus der Ferne), kann man gar nichts anderes tun, als das sagen, was man für wahr hält (natürlich kann man sich irren, hat dann aber die Möglichkeit zu einem echten Austausch).

    Man kann Mr. Tenenboms Geschichte auch dahingehend interpretieren, dass die Betroffenen weinen, nicht weil ihnen Hoffnung genommen wurde, sondern weil jemand erkannt hat, wie ihre Lage wirklich ist und sie nicht mit einer billigen Beruhigung abgespeist werden. Immerhin war Mr. Tenenbom tatsächlich vor Ort, was man ja nicht von allen behaupten kann, die über Fukushima schreiben.

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    "Wenn die Hoffnungen so beschaffen sind, dass zum Zeitpunkt ihrer Äußerung jeder annimmt, dass sie sich niemals erfüllen werden, dann sehe ich den Unterschied zu einem Lügenmärchen tatsächlich nicht."

    Vielleicht kenn Sie ja das Sprichwort: "Das Schlimmste erwarten, aber das Beste hoffen."

    "...sondern weil jemand erkannt hat, wie ihre Lage wirklich ist und sie nicht mit einer billigen Beruhigung abgespeist werden... Tenenbom tatsächlich vor Ort, was man ja nicht von allen behaupten kann, die über Fukushima schreiben"

    Wohl war. Aber man kann, hier in Tokyo, die japanischen Medien verfolgen, mit Anti-Atomkraft-Demonstranten sprechen und "wirkliche" Loyalität der Bevölkerung gegenüber der Regierung spüren. Das wahre Ausmaß der Katastrophe wurde zwar lange heruntergespielt, aber von "falschen Hoffnungen" und "billigen Beruhigungen" kann keine Rede sein: Die Regierung hat im Oktober eine sogenannte "Radiation Map" veröffentlicht, auf der Verseuchungen unterschiedlichen Grades bis nach Tokyo hinein und in mehr als 6 Präfekturen aufgezeigt werden.
    Auch wenn die Informationspolitik besonders in den ersten Monaten sicherlich nicht als "vorbildlich" bezeichnet werden kann, fließen hier in den japanischen Medien mehr angsteinflößende Informationen herum als sich manch einer in Deutschland vorstellen kann.

    Die Lage wird also MEHR als sie glauben richtig erkannt. Und deswegen nocheinmal: Es braucht keinen Tenenbom, der hier mal für eine paar Tage eine "Belehrungsreise" macht.

    "Wenn die Hoffnungen so beschaffen sind, dass zum Zeitpunkt ihrer Äußerung jeder annimmt, dass sie sich niemals erfüllen werden, dann sehe ich den Unterschied zu einem Lügenmärchen tatsächlich nicht."

    Vielleicht kenn Sie ja das Sprichwort: "Das Schlimmste erwarten, aber das Beste hoffen."

    "...sondern weil jemand erkannt hat, wie ihre Lage wirklich ist und sie nicht mit einer billigen Beruhigung abgespeist werden... Tenenbom tatsächlich vor Ort, was man ja nicht von allen behaupten kann, die über Fukushima schreiben"

    Wohl war. Aber man kann, hier in Tokyo, die japanischen Medien verfolgen, mit Anti-Atomkraft-Demonstranten sprechen und "wirkliche" Loyalität der Bevölkerung gegenüber der Regierung spüren. Das wahre Ausmaß der Katastrophe wurde zwar lange heruntergespielt, aber von "falschen Hoffnungen" und "billigen Beruhigungen" kann keine Rede sein: Die Regierung hat im Oktober eine sogenannte "Radiation Map" veröffentlicht, auf der Verseuchungen unterschiedlichen Grades bis nach Tokyo hinein und in mehr als 6 Präfekturen aufgezeigt werden.
    Auch wenn die Informationspolitik besonders in den ersten Monaten sicherlich nicht als "vorbildlich" bezeichnet werden kann, fließen hier in den japanischen Medien mehr angsteinflößende Informationen herum als sich manch einer in Deutschland vorstellen kann.

    Die Lage wird also MEHR als sie glauben richtig erkannt. Und deswegen nocheinmal: Es braucht keinen Tenenbom, der hier mal für eine paar Tage eine "Belehrungsreise" macht.

  5. Ich stimme den Vorrednern zu.
    Im Grunde ist den Betroffenen klar, dass sie nicht zurückkehren werden.
    Und es wäre durchaus passend gewesen, diesen Leuten ein nicht sehr lautstarkes "ja" oder gar nichts zu entgegnen.

    Ein "ja" bedeutet nämlich im Grunde erst einmal nur: Ich verstehe, was Sie sagen. Ich respektiere, dass Sie reden.

    Stattdessen reibt der Journalist den Betroffenen Ihre gesamte Misere über eine maximale Zeit verteilt ins Gesicht. Ob er die wahrscheinlich nicht unwillkommene Reaktion (Tränen) nun provozieren wollte oder ob es eine Nebenwirkung seiner sehr ruppigen und sogar als arrogant zu bezeichnenden Haltung ist, das kann man nur mutmaßen.

    Und das, obwohl es den Betroffenen ohnehin klar war. Es bringt also nichts, außer eine medienwirksam verwendbare Szene.

    @Crest:
    Wie wäre es damit: "Ich nicke und signalisiere ihm damit, dass ich verstehe, obwohl er vermutlich die Wahrheit kennt."

    Japan ist kein Land von Wilden, gerade im Bereich angewandter Wissenschaft können wir uns eine Scheibe abschneiden.
    Denen ist klar, was da vor sich geht.

  6. sind ungefährlich, soweit richtig, 700 nach meinen Informationen aber nicht.

    Ein Trauerspiel, dass zur Begründung der eigenen Position Argumente einfach unterschlagen werden. Ich wünsche mir eine Auseinandersetzung, wo man über die 0,9 ebenso reden kann wie über die 700.

    • yurina
    • 08.11.2011 um 10:25 Uhr

    Ich stimme Ihnen zu: In dem Artikel habe ich von Satz zu Satz gedacht: So ist es, so sind sie, die Japaner. Und da ich mit einem schon lange verheiratet bin, darf ich das vielleicht sagen. Auch Ihren Einwand, Winnewupp, teile ich: Niemand in Japan käme auf die Idee, einer alten Frau oder jenem Landwirt diese letzte Hoffnung zu nehmen. Sowas lässt man - und in diesem Fall aus guten Gründen - im Unklaren. Und darin erkenne ich wieder uns Deutsche. Wir sind so wunderschön direkt und geradeaus, wir reden Klartext. Grund für hunderte Verstimmungen bis handfeste Kräche in meinem Eheleben. In Japan nennt man das schlicht mangelndes Fingerspitzengefühl. Ist einfach so, und sollte man in die eine wie die andere Richtung nicht zu hoch bewerten. Aber doch mal versuchen, daraus zu lernen: Dass man angebliche Selbstverständlichkeiten im eigenen Verhalten in Frage stellt. Selbstverständlich auf beiden Seiten. Und diese Haltung wünschte ich mir sehr in allen unsren Integrationsdebatten und vorschnellen Urteilen, die man in diesem und anderen Foren ständig lesen muss. Dennoch ein sehr guter Artikel. Und ach ja: Dass Herr Tenenbom die weinenden Alten in den Arm genommen hat, finde ich große Klasse und rechne ich ihm hoch an: Die waren sicher sowohl völlig erschrocken und schockiert wie auch gerührt und getröstet darüber. Eine angnehme Seite der deutschen Direktheit.

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