Willkommen in Japan, dem saubersten Land der Welt, sauberer als das Paradies, heißer als die Hölle. Seit März dieses Jahres laufen die Klimaanlagen auf halber Kraft, aber selbst zweitklassige Hotels sparen weder an Elektrizität noch an Wasser, wenn es um die Sauberkeit geht. Also macht man sein Geschäft und wird von einem Wasserspritz verwöhnt, der seine Kraft in die dunkelste aller Ecken lenkt, bis man sich gereinigt erhebt.

Anschließend empfiehlt sich ein Spaziergang. Da sieht man Männer und Frauen, die ihre Gesichter hinter Masken aller Art und Farbe verbergen. Drei Typen sind zu unterscheiden: diejenigen, die erkältet sind, diejenigen, die sich zu erkälten fürchten, und diejenigen, die gerade eine Erkältung hinter sich haben. Die Japaner hassen Bakterien, Viren, Mikroben.

Aber sie mögen die Deutschen. Jeder, den ich treffe, mag die Deutschen. Und ich, falls Sie das noch nicht wissen, bin ein solcher Deutscher.

Sie verneigen sich vor mir. Sie erfreuen sich an meiner Gegenwart und zeigen es mir. Sie lachen, wenn ich mich an einem Witz versuche, sie überschütten mich mit Sushi und tränken mich in Sake, bis ich keine Luft mehr kriege. Das ist der Moment, in dem ich ihnen zu erkennen gebe, dass ich ein Jude bin. Kein Deutscher, nicht einmal ein deutscher Jude. Ein Jude. Bloß Jude.

Sie starren mich an und verstummen, als wäre ich ein Geist aus Fukushima. Totenstille.

Seit 3/11, dem 11. März, fliegen Geister in Japan, Fukushima-Geister. Niemand weiß, wo sie sich in einem bestimmten Moment befinden. Die Regierung sagt, 20 Kilometer von der See entfernt. 40 Kilometer, sagen die Geigerzähler. Manchmal sind es 80, niemand weiß es genau. Dieses Land, das die Natur so liebt, das seine Straßen mit Rauchverbotsschildern schmückt, wird vom Himmel verprügelt, von der Erde verflucht und von ungreifbaren Geistern heimgesucht, die über seine Felder und in seine Schlafzimmer fliegen. Was für eine grausame Pointe des Schicksals. Und natürlich darf, wenn Ärger ins Haus steht, auch ich nicht fehlen.

Obwohl ich durch reinen Zufall in Japan gelandet bin. Neulich bekam ich eine E-Mail: In Japan finde ein Marathon statt. Ob ich kommen wolle? Ich laufe nicht. Zu fett. Aber, dachte ich mir, warum nicht nach Japan fliegen und den Lauf besprechen? Die Tatsache, dass ich noch nie gelaufen bin und es auch nicht vorhabe, macht mich zum idealen Marathon-Kritiker.

Erst in Tokyo merke ich, dass der Marathon nicht jetzt, sondern im Februar startet. Im Oktober geht es nur um die Ankündigung, die Vorbereitung. Warum haben die Japaner mich dann eingeladen? Sie bereiten sich gerne in Gruppen vor. Die Japaner und ich, wir bereiten uns gemeinsam auf den Tokyo-Marathon 2012 vor.

Keine schlechte Idee. Sogar eine sehr gute. Und wenn Hiroshi Mizohata, Japans Minister für Fremdenverkehr, eine Pressekonferenz abhält, bin ich da.

Der Minister mag mich vom ersten Moment an. Er umarmt mich, als wären wir zwei Freunde, die sich nach langer Zeit endlich wiedersehen.