Kinos in WienEin Streifen Nostalgie

Holzklappstühle, Blümchentapeten und anspruchsvolle Filme: In Wiens Lichtspielhäusern lebt die große Kinotradition fort. Drei Vorstellungen von Bernadette Conrad

Das Admiralkino in Wien zeigt, wie in historischen Räumen echtes Arthouse-Kino glücken kann.

Das Admiralkino in Wien zeigt, wie in historischen Räumen echtes Arthouse-Kino glücken kann.  |  © rois & stubenrauch für DIE ZEIT

Nein, Anna Nitsch-Fitz hat keine gesunde Gesichtsfarbe. Vielleicht ist das der Preis, wenn man von Kindertagen an jede freie Minute in Kinosälen zubringt? An diesem Freitagabend im September aber, zum feierlichen Saisonauftakt, schaut die 73-Jährige mit großem Strahlen hinter den dicken Brillengläsern ins Publikum. Endlich mal wieder ist ihr Kino, die über 100 Jahre alten Breitenseer Lichtspiele , fast vollständig gefüllt: 143 Leute in Vierer- und Fünferreihen rechts und links vom Gang, dicht an dicht, wie es sich für ein richtiges Schlauchkino gehört. Nun öffnet sie kurz die Strickjacke, damit man das T-Shirt darunter sieht: Da prangt ein Foto von ihr bei einer Preisübergabe. »Wenn ich die Goldene Jetti nicht gewonnen hätte, vielleicht hätte ich dann gar nicht mehr aufgesperrt!«, ruft sie ihrer aneinandergequetschten Zuhörerschaft zu.

Magister Anna Nitsch-Fitz, die aus einer Kinobesitzerfamilie stammt, dann Lehrerin wurde und 32-jährig die Breitenseer Lichtspiele kaufte, ist eine schräge Type, die löwinnengleich für ihren Eine-Frau-Betrieb kämpft, in dem sie selbst alles ist: Geschäftsführerin, Süßigkeitenverkäuferin, Kartenknipserin und nicht zuletzt ihre beste Kundin. Ab und zu werden der Starrsinn und die Leidenschaft, mit denen sie ihr Kino durch karge Zeiten manövriert – nicht selten mithilfe der eigenen Pension –, dann auch belohnt; wie kürzlich mit der Goldenen Jetti, einer Auszeichnung der Österreichischen Wirtschaftskammer in der Kategorie »Kultur und Erlebnis«.

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Anna Nitsch-Fritz gehören die Breitenseer Lichtspiele. Zum Auftakt der Saison hat sie ein Fest gegeben.

Anna Nitsch-Fritz gehören die Breitenseer Lichtspiele. Zum Auftakt der Saison hat sie ein Fest gegeben.  |  © rois & stubenrauch für DIE ZEIT

Die Breitenseer Lichtspiele liegen im Erdgeschoss eines ausladenden Eckhauses. Draußen scheppert klingelnd die Tram vorbei. Die niedrigen alten Häuser der Breitenseer Straße, manche von ihnen mit Fachwerk, lassen Dorfatmosphäre entstehen – obwohl man im XIV. Bezirk von Wien ist. Angefangen hat das Kino 1905 als Zeltkino: eine Art Wanderbude, in der die noch kurzen Filme gezeigt wurden. 1909 bezog es dann diesen Standort, auf den Anna Nitsch-Fitz stolz ist, weil sie ihn immer noch hält – als, wie es heißt, »ältesten Kinobetrieb der Welt«. 

In den Schaukästen unter dem altmodischen Schriftzug hängen Filmplakate zu Ben Hur, Cleopatra, Achilles – der Zorn des Kriegers: Mit über 30 Sandalenfilmen und einem kleinen Fest steigt Anna Nitsch-Fitz kämpferisch in die Saison 2011/12 ein. Vor dem Kino hat sie zum Auftakt hohe, runde Bartische mit weißen Tischdecken aufgestellt, an denen sich schick gekleidete Filmleute ebenso eingefunden haben wie ein paar coole Jungs von nebenan, die mal gucken wollen, was geht. Ein Glas Sekt und ein Hoch auf die Hausherrin! Dann drängt man sich durch das schmale Foyer, um auf ungepolsterten Holzsitzen den Hollywood-Schinken Samson und Delilah von 1949 anzuschauen. Zwei Stunden, und niemand verlässt den Saal. So muss Kino einmal gewesen sein: viel Körperkontakt, Geduld und wenig Sauerstoff, um den lang gezogenen schmalen Raum mit Gewisper und Geplauder zu füllen, während mehrere Minuten lang unter schluchzenden Geigen auf der Leinwand nur das Wort »Overture« zu lesen ist. Dann ist es zu schön, Samson zuzuschauen, der einen Löwen mit bloßen Händen erwürgen kann, und der aparten Delilah, die ihr Publikum ein Wechselbad aus leidenschaftlicher Liebe und gemeinem Verrat miterleben lässt. Zwei Stunden, und alle stehen erneut in der noch lauen Herbstluft, bei feinen Schnittchen, die auf Tabletts herumgereicht werden, und beschwören noch einmal den Glanz der Hauptdarstellerin, der aus Wien stammenden Hollywood-Actrice Hedy Lamarr : »Wissen S’, in dem Film Ekstase war sie kurz nackert zu sehen, und ihr Mann, der Fritz Mandl, hat alle Kopien aufkaufen lassen, weil er so eifersüchtig war!« Bis kurz vor Mitternacht zieht sich das nostalgische Kinovergnügen.

Wien: Unterkunft

In dem schönen alten Patrizierhaus, in dessen Erdgeschoss das Bellaria-Kino liegt, befindet sich auch das Hotel Museum. Tel. 0043-1/5234426, www.hotelmuseum.at, DZ ca. 140 Euro

Kinos

Breitenseer Lichtspiele, Breitenseer Straße 21, Tel. 0043-1/9822173, www.bsl-wien.at

Admiralkino, Burggasse 119, Tel. 0043-1/5233759, www.admiralkino.at

Bellaria Kino, Museumstraße 3, Tel. 0043-1/5237591, Programm unter www.film.at

Kepler Kino, Keplerplatz 15, Tel. 0043-1/6043190, www.kepler-kino.at

Gloriette Kino, Linzer Straße 2, Tel. 0043-1/9852667, Programm unter www.film.at

Eine Fundstelle für alles, was mit Kino und Kinogeschichte zusammenhängt, ist das Filmmuseum: www.filmmuseum.at

Tipp

Der Film Bellaria – So lange wir leben, Film-Dokumentation von Douglas Wolfsperger, 2001/02, ist als DVD erhältlich

Bücher

Werner Michael Schwarz: Kino und Stadt – Wien 1945–2000, Löcker Verlag 2003; Franz Grafl: Praterbude und Filmpalast. Wiener Kino-Lesebuch, Verlag für Gesellschaftskritik 1993 (beide antiquarisch)

Dieser glückliche Abend liegt erst wenige Wochen zurück. Aber jetzt, Ende Oktober, sieht alles ganz anders aus. »Ich bin verzweifelt«, meldet Anna Nitsch-Fitz der Presse, »ganze 96 Gäste im Monat September!« Werden nach dem Erika-Kino und dem Auge Gottes nun auch die Breitenseer Lichtspiele schließen?

Von der Wand im Foyer lächeln Zarah Leander und Marika Rökk

»Kinosterben« ist ein Wort, das seit den sechziger Jahren aus dem kulturellen Vokabular Wiens nicht mehr wegzudenken ist. Mit jedem der alten Kinos verschwindet auch ein Stück Zeitgeschichte. Nur noch wenige sind als Dokument der 1910er Jahre erhalten, als sich die Lichtspieltheater in Souterrains und Erdgeschosse »einnisteten«, wo ihnen für eine ganze Weile der Reiz des Anrüchigen und Verbotenen anhaftete. Noch 1921 konnte jemandem die Sozialhilfe gestrichen werden, weil er im Kino erwischt wurde! Der Siegeszug der Filmtheater quer durch sämtliche 23 Wiener »Grätzel«, wie die Bezirke hier heißen, aber war nicht mehr zu stoppen. Dieser große, an der nächsten Ecke zu habende Spaß hielt unvermindert bis in die späten fünfziger Jahre an. 201 Kinos gab es 1957 – so viele wie nie wieder. »Mit dieser Vielzahl und Vielfalt war Wien als Kinostadt in Europa vermutlich einzigartig – auch wenn es nie diese Filmpaläste hatte wie etwa Berlin «, sagt Werner Michael Schwarz, der sich in mehreren Büchern mit den Wiener Kinos beschäftigte und heute Kurator im Wienmuseum ist.

Leserkommentare
  1. Heute Abend laufen "Beginners" (USA) und "Atmen" (A) im Admiral-Kino. Ich werde vorschlagen, dass wir uns einen dieser Filme anschauen. Nur kein UCI oder Multiplexx!

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