Politik und Lyrik Nr. 35 Ach Europa

Jede Woche veröffentlicht die ZEIT Gedichte über Politik. Diese Woche beschreibt Nora Bossong unseren Kontinent in der Krise. Auch Hendrik Rost widmet sich Europa.

Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein. Die Gedichte wurden dabei häufig sehr aktuell, einige am Tag nach politischen Entscheidungen oder nach Katastrophen verfasst. Diese Woche beschreibt Nora Bossong unseren Kontinent in der Krise. Auch Hendrik Rost widmet sich Europa, inspiriert von W. C. Williams’ Gedicht »Die rote Schubkarre«: »so viel hängt ab / von einer roten Schubkarre / glänzend von Regenwasser / bei den weißen Hühnern«.

Nora Bossong: Ach Europa,

auch nur dieses kleine, gerüttelte Wiesending, Königstochter

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mit einer panischen Angst vor Stieren, wer nimmt ihr das übel

nach all dem. Kriege hatte sie wie andere Leute Erkältungen.

Eine Schürze voller Länder über die Ebene geschüttelt, Babel

an jedem Grashalm errichtet, Verwaltungschaos drapiert in

Brüsseler Spitze. Ein Panoptikum aus Irren und Ehrenbürgern,

Bagatellen und bösen Geistern. Die Sumpfdotterblume wäre

die sichere Wahl, doch irgendetwas liegt uns an ihr, Europa,

dieser verschreckten Zwergin am Ende der Welt. Wir muntern

sie auf und beteuern, dass es einmal gut ausgeht mit ihr.

Nora Bossong

geboren 1982 in Bremen. Studium der Kulturwissenschaften, Philosophie und Literatur in Berlin, Leipzig und Rom. Zuletzt erschienen ihr Roman Webers Protokoll (FVA 2009) und ihr Gedichtband Sommer vor den Mauern (Hanser 2011). Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Kunstpreis Literatur 2011 der Akademie der Künst.

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