50 Jahre "Der Herr Karl" ...zum Herrn Karl-Heinz
Der Herr Karl wurde zum Inbegriff der österreichischen Niedertracht. Seine Enkel sind heute in der gesellschaftlichen Mitte angekommen.
Die vertraulichen Gespräche waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und entpuppten sich dennoch als Publikumshit. Im Jänner dieses Jahres erheiterten die Kabarettisten Thomas Maurer, Robert Palfrader und Florian Scheuba im Rahmen einer außerordentlichen Lehrveranstaltung das zum Bersten gefüllte Audimax der Wiener Universität mit Passagen aus den Telefonaten eines illustren Trios, die von Polizeiermittlern abgehört worden waren. Ganz ungeniert wird da über jene zwielichtigen Geschäfte gemauschelt, die seit zwei Jahren zum festen Bestandteil der österreichischen Skandalchronik gehören. Der Ton, er klingt vertraut. Bloß dass die Wiedergänger des Herren Karl, jener Kunstfigur, die zum Symbol der österreichischen Niedertracht wurde, nun in verteilten Rollen sprechen, wofür früher ein Monolog reichte.
A: »Na, oba wos is die Leistung, an wen? Weil, die Rechnung hob i an die Porr gestellt...«
B: »Die Leistung?«
A: »Wos war mei Leistung?«
B: »Deine Leistung war, ah, deine Leistung woar, ahhh, dass du, i bin jetzt völlig durcheinander wegen der anderen G’schicht do, vollkommen ...«
A: »Und ruaf mi daun no moi an ... einfach dass da paar so Stichworte mochst, wenn’s mi morgen fragen, wei des, wann’s mi morgen fragen, die andere G’schicht, hob i, keine einzige, koa einzigs, do hob ih koa Antwort ...«
Das Publikum auf akademischem Boden musste diesmal nicht lange rätseln, wo die Inspiration zu diesem demaskierenden Dialog zu suchen war. Es handelt sich um die Clique von Glücksrittern, die es beherrscht, sich hinter den Kulissen der Politik ein einträgliches Fortkommen zu sichern. Der Kontaktvermittler Walter Meischberger weiß zwar nicht zu sagen, wofür er 708.000 Euro von dem Baukonzern Porr kassiert hat. Im Moment kann ihm da leider der befreundete Immobilienmakler Ernst Karl Plech nicht weiterhelfen. Der Dritte im Bunde der fernmündlichen Realsatire, der frühere Finanzminister Karl-Heinz Grasser, Dreh- und Angelpunkt des profitablen Beziehungskarussells, weiß zumindest Rat, wie sich die Gedächtnislücke (»Da bin ich jetzt supernackt!«) schließen ließe: »Ich würde mir anschauen, sozusagen, das siehst eh im Internet, in welchen Ländern sind’s ... welche Projekte haben’s wo gemacht.«
Mittlerweile sind viele dieser Aussprüche ebenso in den Volksmund eingegangen wie seinerzeit das geflügelte Wort, mit dem der Herr Karl jeden Einwand vom Tisch wischte: »Mir brauchen Se gar nix d’erzählen, weil, i kenn das.«
Helmut Qualtinger, der Schöpfer dieses Inbegriffs des österreichischen Antlitzes, hatte es kurz vor seinem Tod vorausgesagt: Die Enkelgeneration des Überlebenstricksers aus dem Magazinkeller der Feinkosthandlung, in der sich der Vorläufer während seiner Lebensbeichte noch an Schokolade und Branntwein schadlos hielt, werde eines Tages in die gediegenen Etagen der Geschäftsräumlichkeiten emporsteigen. Dort angekommen, verwandelte sie kurzerhand die Republik in ihren Selbstbedienungsladen.
Die Generationen verbindet der Mangel an Unrechtsbewusstsein
Begonnen hatten die meisten dieser Herren ihren Aufstieg als Buberln im Windschatten von Jörg Haider, des größten Lausejungen im Land. Ihm verdanken sie die Kunst des unverfrorenen Auftritts und ihre Fertigkeit, sich mit kaltschnäuzigen Schmähs aus allen Affären zu mogeln.
Nun ging es um Millionen Euro, die nur darauf warteten, auf verschwiegene Konten im Ausland verschoben zu werden. Und nicht mehr lediglich um jene armseligen fünf Schillinge, die der Herr Karl für seine Dienste einstrich, wenn er sich in der Zwischenkriegszeit wechselweise den Aufmärschen von Nazis und Heimwehr-Milizen anschloss. Alt und Jung eint die Gesinnungslosigkeit. »Na ja, Österreich war immer unpolitisch«, meinte einst der Herr Karl: »Aber a bissel a Geld is z’ammkummen, net?«
- Datum 10.11.2011 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.11.2011 Nr. 46
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