Die Kulisse, die Thierrys wundersame Bühnenbildnerwerkstatt umgibt, hätte nicht einmal er bauen können: eine stillgelegte Schiffsfabrik, zehn Fährminuten entfernt vom Bahnhof Amsterdam Centraal, am Nordufer des Flusses IJ. Über 250 Künstler arbeiten im rauen Charme der Industriebaracke; ihre Ateliers reihen sich in einer riesigen Halle aneinander und ducken sich unter zwei gewaltige Schiffsrampen. Manche der Mieter verbringen auch ihre Nächte hier am Ufer – in ausrangierten, bunt bemalten Straßenbahnen und auf rostigen Schiffen, auf denen Tomaten und Wein wachsen. Graffiti schreien von Betonwänden, Grasbüschel sprengen den Asphalt, und über allem ragt das Wahrzeichen der Werft in den Himmel: ein Kran, der seinen schweren Arm mit dem Wind dreht.

An einem sonnigen Vormittag im Herbst zeigt dieser monströse Wetterhahn nach Nordosten, zur Werkstatt von Thierry van Raay, Bühnenbildner und Experte für Spezialeffekte. Einmal, bei der Eröffnungsfeier des New-Luxor-Theaters in Rotterdam , hat Thierry eine vierzig Meter lange Brücke zum Einsturz gebracht. Für das Monty-Python-Musical Spamalot baute er die Rüstung eines Schwarzen Ritters, dem Arme und Beine abgeschlagen werden. Und er hat auch schon eine ganze Theaterbühne unter Wasser gesetzt – zumindest sah es so aus, als die Helium-Seifenblasen langsam und gleichmäßig aus den Schnorcheln der Schauspieler aufstiegen.

Nun klettert er auf einen Hocker und reckt sich zu den oberen Fächern eines Metallregals. Mit öligen Fingern tastet er sich vor, hier müssten sie sein, die drei Prototypen des Seifenblasen-Schnorchels. Aber da ist nichts. Er gibt es auf, woanders zu suchen, hätte keinen Zweck: »Wenn etwas nicht dort ist, wo ich denke, kann es sehr lange dauern, bis es wieder auftaucht.« Das glaubt man gern: Chaos regiert sein zweistöckiges Atelier, eine Mischung aus Autowerkstatt, Asservatenkammer und dem Labor von Doktor Frankenstein. In der Mitte des Raumes steht ein kräftig gefederter VW-Bus. Früher fuhr er auf einer Salzmine, das zerfressene Getriebe liegt am Boden. Rundherum überfüllte Regale: Schläuche und Kabel, Elektromotoren und Gasflaschen, künstliche Kniegelenke, Skelettfüße, Hände von Schaufensterpuppen. Statt des Schnorchels findet Thierry eine Urne mit eingebautem Flammenwerfer und einen Zimmerspringbrunnen mit einer Herzpumpe als Motor.

Thierry ist ein Getriebener. Immerzu fummeln und drücken seine kräftigen, kurzen Hände an irgendetwas herum. Nur wenn er länger reden muss, verschränkt er die Arme unter der breiten Brust. So auch jetzt.

Anfang der 1980er Jahre sei die Werft bankrott gegangen, erzählt er. Seit 1999 trafen sich dann hier ein paar Künstler, Architekten und Skater. Bald gaben sie sich einen Namen, Kinetisch Noord , und fassten einen Plan: Aus der ehemaligen Schiffsfabrik sollte die Kunststad werden. Mit Hunderten selbst gebauter Ateliers zu niedrigen Mietpreisen, einem Skateboardpark, einer riesigen Freilichtbühne – und alles offen für Besucher. Als die Stadt im Juni 2002 zu einem Ideenwettbewerb für die Zukunft des Geländes aufrief, stach das Kollektiv 140 Mitbewerber aus. Zehn Millionen Euro öffentlicher Gelder flossen in die Sanierung der verfallenen Schiffshalle – damals eine Ruine von 20.000 Quadratmetern.

»Als wir ankamen, war das ein riesiger Schrottplatz«, erzählt Thierry. In dem Gebäude lagerten alte Eisenbahnwaggons, eine Dampflokomotive und bunte Straßenbahnen. Die Kreativen schleppten sie ans Flussufer, wo bereits Schiffswracks lagen. Doch als die Halle ausgeräumt war, fing die Arbeit erst an. »Die Wände waren kurz vorm Einstürzen, es regnete durchs Dach.« Das Geld von der Stadt reichte nicht für die Renovierung, also nahmen die Künstler einen Kredit von fünf Millionen Euro auf. Und endlich entstanden im Osten des Gebäudes die ersten Werkstätten: zwölf zweistöckige Ateliers, durch eine Innenwand vom Rest der Halle getrennt, jedes mit einem eigenen Zufahrtstor nach draußen. Thierry arbeitet seit über zehn Jahren im Atelier Nummer 9A.

Er erlöst seine Hände nun wieder von ihrer Untätigkeit und schleppt ein seltsames Musikinstrument aus der Werkstatt ins Freie: »Ich habe über die Frage nachgedacht: Wie macht man Lärm sichtbar?« Seine Antwort: Er montierte den Schalltrichter einer Tuba auf eine Kettensäge und erfand so die Kettensägentuba. Ihr Bild erschien in vielen Zeitungen, nachdem er sie zur Lärmkundgebung für den ermordeten Filmemacher Theo van Gogh mitgebracht hatte. Doch eine Kettensägentuba sieht nicht nur laut aus. Thierry legt sie auf den Boden und reißt am Seilzug; als sie anspringt, wähnt man sich für einen Moment in der Formel-1-Boxengasse. Ein paar Sekunden, dann lässt er es wieder gut sein und erzählt stattdessen, dass er damals noch eine zweite Antwort gefunden habe. Doch die will er erst später zeigen, sie ist zu groß für seine Werkstatt.