Das Porträt eines jungen Musikers malte Leonardo da Vinci im Jahr 1486. © Veneranda Biblioteca Ambrosiana, Pinacoteca – Milan

Wem sonst könnte das gelingen außer Leonardo? Vierzig englische Kinos, und alle ausverkauft! Die Leute kommen, sie zahlen Eintritt, und das nur, um live bei der Eröffnung einer Kunstausstellung dabei zu sein: Leonardo da Vinci in London , achtzig Minuten lang Zeichnungen, Gemälde und viele kluge Kuratoren. Auch im Fernsehen wird die Zeremonie übertragen, zeitgleich, doch die Menschen wollen mehr, sie wollen Leonardo im Superbreitwandformat – nur das scheint diesem Größten unter den großen Künstlern angemessen.

Philosoph, Musiker, Maler, Ingenieur, was ist er nicht alles gewesen. Und was hat er nicht alles vorausgeahnt, den Kühlschrank, das Fahrrad, das Flugzeug. Er hat uns erfunden, so muss man’s wohl sagen. Und so wird er von vielen verehrt: als Gott der Moderne.

Allerdings, wenn Gott so wäre wie Leonardo, hätte die Weltenschöpfung ganz bestimmt nicht sieben und nicht siebzig Tage gedauert. Sie würde feststecken, irgendwo zwischen Donnerstag und Freitag, und vermutlich zerfielen gerade die ersten Schöpfungen vom Dienstag. Denn Leonardo war alles, nur eben nicht das Genie, als das er seit Jahrhunderten gepriesen wird. Kein Künstler, der immerzu von Geistesblitzen erfasst wird und nichts weiter tun muss, als sie ebenso blitzartig auf die Leinwand zu bringen. Leonardo war das, was man heute einen Prokrastinierer nennt, ein Aufschieber und Zauderer, der sich viel vornimmt, aber kaum etwas zustande bringt, der hundert Projekte anfängt, keines richtig abschließt, dafür aber lange To-do-Listen schreibt. Bücher ausleihen! Mailand ausmessen! Klamotten kaufen!

In einer waghalsigen Hängung wird hier alles mit allem vermischt

All das notierte sich Leonardo, er liebte Listen – und ließ als echter Prokrastinierer das allermeiste unerledigt. Kaum ein anderer Maler hat so wenig gemalt wie er, in fünfzig Jahren kaum mehr als zwanzig, dreißig Bilder, und selbst von diesen wenigen blieben viele unvollendet. Andere Bilder zeigten später böse Risse, weil Leonardo mit den Farben frei herumexperimentierte. Sein berühmtes Abendmahlsfresko in Mailand begann abzublättern, kaum dass er damit fertig war. Scheitern in Schönheit – Leonardo wusste, was das heißt.

Und endlich wird er nun so auch gezeigt, als ein Meister des Vorläufigen, nie fertig mit sich, der Welt und der Kunst . In einer Jahrhundertausstellung hat die National Gallery viele echte und ein paar beinahe echte Leonardo-Gemälde versammelt, allesamt entstanden in seiner Zeit am Mailänder Hof Ende des 15. Jahrhunderts. Gleich mehrere Hauptwerke gibt es zu sehen, darunter die Hermelin-Dame, die gerade noch in Berlin war, und die Felsgrottenmadonna, diese sogar gleich zweimal, in der frühen Pariser und der späteren Londoner Fassung. Und dann die Zeichnungen in überreicher Zahl und die vielen Werke von Zeitgenossen und Schülern! Aufregender kann eine Ausstellung kaum sein – risikofreudiger auch nicht.

Die Kuratoren wollten keine gesittete Ordnung, hier die Gemälde, dort die Zeichnungen. In einer waghalsigen Hängung mischen sie die Exponate, zeigen gewichtige Farbtafeln Seit an Seit mit briefmarkenkleinen Kritzeleien, die wiederum neben zarten Studien und halbgaren Schülerarbeiten hängen – ganz so, als wollte diese Ausstellung nicht zwischen dem Erhabenen und dem Vorläufigen unterscheiden. Und tatsächlich, kaum hat man die Säle betreten, durchfährt einen das Gefühl: Hier ist die Kunst nicht, hier wird sie. Hier darf sie sich ausprobieren, sich vorwagen, sich auch zurückziehen und selbst dementieren und den sanften Damenhals immer und immer wieder aufs Blatt setzen. Hier kommt Leonardo, der Experimentator, zu seinem Recht.

Mag ja sein, dass er nach Perfektion strebte, nach der idealen Schönheit, wie immer wieder behauptet wird. Nie aber hat Leonardo das Schöne hineingezwungen in endgültige Formeln, nie versteifte er sich auf ein Ideal. Ihn interessierte das Bewegliche, das Wandelbare, und wohl nicht zuletzt deshalb befreite er die Menschen auf seinen Bildern aus den gestanzten Posen. Vor allem die Frauen, die sonst so oft im strengen Profil gezeigt wurden, erweckt er aus ihrer Erstarrung, sie drehen sich sanft, gewinnen Volumen, Lebendigkeit, ein eigenes Ich.

Aber nicht nur in der Komposition, auch in seiner Malweise meidet Leonardo meist jede harte Fixierung, die scharfen Linien lässt er verschwinden, alle Klarheiten verschwimmen auf vielen seiner Bilder in einem sanften Farbnebel. Er taucht die Kunst in ein mildes Ungefähr, er ist der Meister des Sfumato. Und das ist vermutlich das Wundersamste am wunderbaren Leonardo.