AuswandererAuf dem Absprung

Sie wollten sich ein neues Leben aufbauen. Haben sich ihre Hoffnungen erfüllt? Auswanderer erzählen. von Franziska Bauer

Durch sein Fenster sah der Architekt Michael Bier lange Zeit den Stephansdom und die Fußgängerzone von Wien. Schaut er heute hinaus, sieht er auf der einen Seite den schimmernden Pazifik und auf der anderen den Aconcagua, Südamerikas höchsten Berg. Vor fast zwei Jahrzehnten ist der 53-Jährige ausgewandert, nach Valparaíso, eine Hafenstadt in Chile. Die weiten Landschaften lockten ihn; aber der eigentliche Magnet sei die Wohnungsnot der Bevölkerung gewesen. »Ich hatte das Gefühl, als Architekt gebraucht zu werden. Ein Haus für jemanden zu bauen, der vorher in einer Wellblechhütte gewohnt hat, das gibt meiner Arbeit noch mehr Sinn.« Michael Bier arbeitet in Valparaíso als selbstständiger Architekt im sozialen Wohnungsbau.

Es hat sich nach seiner Auswanderung keineswegs alles gleich so entwickelt, wie er es sich vorgestellt hatte. »Heimweh ist immer da. Und bei Problemen neige ich dazu, zu sagen, das wäre zu Hause nicht passiert.« Wenn Lieferungen zu spät kommen zum Beispiel, oder wenn beim Bau getrödelt wurde. Ein herber Schlag war es, feststellen zu müssen, dass er ohne Beziehungen keine Aufträge bekam. Der Arbeitsalltag gestaltete sich wesentlich härter als in seinen allzu romantischen Vorstellungen. »Eigentlich hatte ich mir ausgemalt, nur am Vormittag zu arbeiten und nachmittags am Strand zu sitzen«, sagt Bier. Stattdessen steht er um sechs Uhr auf und arbeitet bis Mitternacht.

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Doch die schönen Seiten überwiegen. Nach nur drei Monaten lernte der Österreicher seine Frau kennen, eine chilenische Architektin, mit der er heute drei Kinder hat. Und das Land eröffnet dem Hobbypiloten ganz neue Möglichkeiten: Wenn er eine Auszeit braucht, setzt er sich in seine Propellermaschine. Dann fliegt er eine halbe Stunde über die Ausläufer der Anden und landet in einer kargen Buschlandschaft. »Endlich allein«, denkt er in solchen Augenblicken.

Wie Michael Bier zieht es immer mehr Menschen ins Ausland. Allein in Deutschland melden sich jährlich bis zu 175.000 Menschen bei den Einwohnermeldeämtern ab, Tendenz seit zehn Jahren steigend. Derzeit leben laut Bund der Auslands Erwerbstätigen (BDAE) etwa drei Millionen Deutsche im Ausland. Täglich rufen bei dieser Einrichtung 20 bis 30 Leute an, meist haben sie Fragen, wie sich Auswanderer ummelden oder versichern müssen.

Hauptzielländer sind die Schweiz, die USA, Österreich und die Niederlande. Leute bis Mitte 30 allerdings wollten verstärkt nach Asien, in die Vereinigten Arabischen Emirate oder nach Südamerika, sagt Anne-Katrin Schulz vom BDAE. Und sie legen sich oft nicht mehr nur auf ein Ziel fest. »Die Auswanderer von heute sind moderne Nomaden.«

Wie Lina Marie Baden, die umherzieht, aber dabei versucht, die Erinnerungen festzuhalten. Bei jedem Umzug hat sie ihre kleine chinesische Pralinenschachtel dabei, darin liegen viele Halsketten. An der einen hängt etwa ein Haifischzahn aus Australien, an einer anderen ihr Tierkreiszeichen in chinesischer Schrift. Jeder Anhänger stammt aus einem ehemaligen Zuhause.

Nach der Uni wollte die Bühneningenieurin eine Auszeit in Australien einlegen. Ein Jahr später bekam sie eine Stelle beim Cirque du Soleil und ging nach Macao, um dort die Beleuchtung für das Akrobatikspektakel zu installieren. »Für China musste ich mein Gepäck auf 20 Kilo reduzieren. Also habe ich vor der Abreise viele meiner Sachen verkauft«, sagt sie.

Lina Marie Badens Koffer steht mittlerweile in Paris, wo sie seit acht Monaten als technische Produktionsleiterin an der Opéra Bastille arbeitet. Bedrückend am Länderhopping findet die 30-Jährige, »dass der Kontakt zu Freunden im Heimatland schwer zu halten ist«. Ohne Freunde seien Stressphasen schwierig, weil niemand da sei, der einen auffange, erzählt sie. Auf der anderen Seite erlebt sie immer wieder euphorische Momente. Etwa wenn sie das Gefühl hat, in mehreren Sprachen zu Hause zu sein. Sie wird nie vergessen, wie sie zum ersten Mal auf einem chinesischen Markt die Preise verstand.

Drei Viertel aller Auswanderer kehren in den ersten zwei Jahren wieder heim

Aus den Erzählungen der Auswanderer hört man heraus, wie die häufigen Länderwechsel ihr Verständnis von Heimat verändern. Heimat muss kein einzelnes Land mehr sein, sondern wird transnational. Die modernen Nomaden verorten sich immer wieder neu und bekommen dabei ganz unterschiedliche Sichtweisen auf ihr Herkunftsland. Und auf sich selbst. Was früher fremd war, wird das Eigene.

Leserkommentare
  1. Ich bin vor 2Jahren nach Schweden ausgewandert. Erst im Ausland erkennt man, wie gut man es in der Heimat eigentlich hatte und wie sehr man selbst eigentlich von der Mentalität her von Deutschland geprägt ist. Wenn sich die erste Euphorie des Auswanderns ersteinmal gelegt hat, macht sich schnell Ernuechterung breit. Nächste Woche habe ich wieder ein Vorstellungsgespräch in Deutschland...

    • Gjalp
    • 12. November 2011 10:59 Uhr

    Entfernt. Bitte achten Sie auf eine neutrale Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vn

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    • Gjalp
    • 12. November 2011 11:12 Uhr

    ...dass ich das Wort "Kulturbereicherer" verwendet habe, Entschuldigung.

    [...]

    Gekürzt. Kritik an der Moderation können Sie gerne an community@zeit.de richten. Danke. Die Redaktion/vn

    • Gjalp
    • 12. November 2011 11:12 Uhr

    ...dass ich das Wort "Kulturbereicherer" verwendet habe, Entschuldigung.

    [...]

    Gekürzt. Kritik an der Moderation können Sie gerne an community@zeit.de richten. Danke. Die Redaktion/vn

    Antwort auf "Fachkräftemangel..."
  2. Ich möchte nächstes Jahr nach Frankreich oder in die Schweiz auswandern. Ich glaube nicht, dass ich jemals zurückkomme. Ich habe schon öfters einige Zeit im Ausland gelebt (Frankreich, Schweiz, Australien, Israel) und es hat mir immer besser gefallen als in Deutschland.

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  3. Ich bin ausgewandert ohne es im vorhinein geplant zu haben. Aber mit einem abgeschlossenem Studium und offenen bzw. neugierigen Blick haben sich Karriere, Beziehung und ein neuer Blickwinkel auf sich selbst und die Welt entwickelt. Inzwischen bin ich Australischer Staatsbuerger und zurueck in Dtl. da meine Verlobte hier zu Hause ist. Dabei ist doch das zu Hause dort wo man willkommen ist. Ich sage, nur Mut!

    • cirkus
    • 12. November 2011 11:39 Uhr

    "Aus den Erzählungen der Auswanderer hört man heraus, wie die häufigen Länderwechsel ihr Verständnis von Heimat verändern. Heimat muss kein einzelnes Land mehr sein, sondern wird transnational. Die modernen Nomaden verorten sich immer wieder neu und bekommen dabei ganz unterschiedliche Sichtweisen auf ihr Herkunftsland. Und auf sich selbst. Was früher fremd war, wird das Eigene."

    Das kann ich nach nun 14 Jahren USA und Asien nur unterschreiben... Da wird der oberschwachsinninge Diskssion über "Integration" in Deutschland vielleicht mal das Maul gestopft.

    Ausländer haben nicht ihre Heimat verlassen, sie sind aber auch keine wirklichen Bürger ihrer neuen Länder. Vielmehr haben sie zu ihrer alten Heimat eine neue hinzugewonnen. Und diese Tatsache schlägt einem Einwanderer als Neid von der einheimischen Bevölkerung entgegen. Hat mich eine ganze Weile gebraucht das zu begreifen.

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    Sie haben nur teilweise recht, und zwar mit dem Teil zu dem Integrationsgeschwafel. Wer meint in DE gäbe es Ausländerfeindlichkeit, der möge sich mal im Rest der Welt umschauen....

    Die Probleme, die man mit xenophoben Menschen in anderen Ländern hat, das sollte man auch nicht leugnen, die werden in erster Linie durch eigenes Verhalten verursacht. Es ist DEREN Land... diese Banalität darf man zwar in DE nicht laut aussprechen, political correctness rules!, aber wenn man im Rest der Welt lebt, hilft es sich dessen bewusst zu sein.

    Das einzige Land der Erde in dem ich gelebt habe, und wo sich eine Mehrheit selber als Ausländer bezeichnet und deshalb keine Fremdenfeindlichkeit zeigt, war Autralien. Ein wunderschönes Gefühl in dem Land, das die höchste Lebensqualität aller halbwegs entwickelten Länder hat....

  4. Ich bin vor 28 JAhren nach Spanien ausgewandert. Auswander ist schon und bereichert man wirft alte traditionelle Denk- und Verhaltensweisen von Bord und nimmt die neune in sich auf wie z.B. die deutsche Kälte und die spanische Wärme und Offenheit in den Beziehungen. Andere DEnk- und VErhaltensweisen die wir früher nicht so wichtig sahen fangen wir an zu ehren und zu respektieren wie z.B. Direkt Pünktlich oder PrÄzise zu sein. Dieses Ablegen alter WErte macht uns zu anderen MEnschen, die weder in eine Gesellschaft noch in die anderen voll und ganz integrieren lässt und bringt uns sowohl Freude als auch grossen Frust. ICh verstehe durchaus den Architekten wenn er sich sagt "das wÄre bei uns nicht passiert." Ich habe inzwischen eine 24 jährige Tochter der ich rate auszuwandern um bessere und grössere LEbenserfahrungen zu sammeln. Es ist und bbleibt eine Bereicherung. ICh Würde es wieder machen. Bleiben werde ich wohl. Mal sehen ob ich ein bisschen die spanische MentalitÄt Ändern kann

  5. Wenn man das Auswandern als eine Zugewinnung einer neuen Heimat sehen kann, ist es sicher eine Bereicherung. Ich lebe seit 25 Jahren in den USA und habe die deutsche und die amerikanische Staatsbuergerschaft. Es war mir wichtig meine deutsche Staatsbuergerschaft nicht abzugeben und deshalb habe ich bis 2004 gewartet, als es moeglich war die deutsche beizubehalten.
    Ich stimme der Meinung zu, dass man Heimweh hat und doch sehr viele Dinge und Umgehensarten vermisst nachdem man einige Zeit im Ausland gelebt hat. Obwohl ich aus dem Ruhrpott komme, trinke ich jetzt auch gerne Weissbier und esse Weisswurst auf den hiesigen Oktoberfesten...und ich gehoere einem deutschen Klub an. Das haette ich sicher nicht gedacht, als ich mit 25 Jahren in die USA gezogen bin, der Liebe wegen...Es ist nicht so einfach, als Euopaer in den USA zu leben oder besser als Deutsche, da unser Bildungsstand im allgemeinen so viel hoeher ist als der der Amerikaner. Man kann sich eben schlecht ueber wichtige Dinge unterhalten, weil die Allgemein bildng auf niedrigem Niveau liegt. Das aendert sich auch an den Universitaten nicht. Auf der anderen Seite ist die Mentalitaet sehr viel freundlicher und waermer als in Deutschland unter Fremden. Das Fremdsein ist dabei das Wichtige, da die Amerikaner zu Fremden im Allgemeinen sehr viel freundlicher sind, egal ob im Laden oder an der Tankstelle.

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  • Schlagworte Architekt | Auslandssemester | Schweden | Australien | Chile | Niederlande
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