Durch sein Fenster sah der Architekt Michael Bier lange Zeit den Stephansdom und die Fußgängerzone von Wien. Schaut er heute hinaus, sieht er auf der einen Seite den schimmernden Pazifik und auf der anderen den Aconcagua, Südamerikas höchsten Berg. Vor fast zwei Jahrzehnten ist der 53-Jährige ausgewandert, nach Valparaíso, eine Hafenstadt in Chile. Die weiten Landschaften lockten ihn; aber der eigentliche Magnet sei die Wohnungsnot der Bevölkerung gewesen. »Ich hatte das Gefühl, als Architekt gebraucht zu werden. Ein Haus für jemanden zu bauen, der vorher in einer Wellblechhütte gewohnt hat, das gibt meiner Arbeit noch mehr Sinn.« Michael Bier arbeitet in Valparaíso als selbstständiger Architekt im sozialen Wohnungsbau.

Es hat sich nach seiner Auswanderung keineswegs alles gleich so entwickelt, wie er es sich vorgestellt hatte. »Heimweh ist immer da. Und bei Problemen neige ich dazu, zu sagen, das wäre zu Hause nicht passiert.« Wenn Lieferungen zu spät kommen zum Beispiel, oder wenn beim Bau getrödelt wurde. Ein herber Schlag war es, feststellen zu müssen, dass er ohne Beziehungen keine Aufträge bekam. Der Arbeitsalltag gestaltete sich wesentlich härter als in seinen allzu romantischen Vorstellungen. »Eigentlich hatte ich mir ausgemalt, nur am Vormittag zu arbeiten und nachmittags am Strand zu sitzen«, sagt Bier. Stattdessen steht er um sechs Uhr auf und arbeitet bis Mitternacht.

Doch die schönen Seiten überwiegen. Nach nur drei Monaten lernte der Österreicher seine Frau kennen, eine chilenische Architektin, mit der er heute drei Kinder hat. Und das Land eröffnet dem Hobbypiloten ganz neue Möglichkeiten: Wenn er eine Auszeit braucht, setzt er sich in seine Propellermaschine. Dann fliegt er eine halbe Stunde über die Ausläufer der Anden und landet in einer kargen Buschlandschaft. »Endlich allein«, denkt er in solchen Augenblicken.

Wie Michael Bier zieht es immer mehr Menschen ins Ausland. Allein in Deutschland melden sich jährlich bis zu 175.000 Menschen bei den Einwohnermeldeämtern ab, Tendenz seit zehn Jahren steigend. Derzeit leben laut Bund der Auslands Erwerbstätigen (BDAE) etwa drei Millionen Deutsche im Ausland. Täglich rufen bei dieser Einrichtung 20 bis 30 Leute an, meist haben sie Fragen, wie sich Auswanderer ummelden oder versichern müssen.

Hauptzielländer sind die Schweiz, die USA, Österreich und die Niederlande. Leute bis Mitte 30 allerdings wollten verstärkt nach Asien, in die Vereinigten Arabischen Emirate oder nach Südamerika, sagt Anne-Katrin Schulz vom BDAE. Und sie legen sich oft nicht mehr nur auf ein Ziel fest. »Die Auswanderer von heute sind moderne Nomaden.«

Wie Lina Marie Baden, die umherzieht, aber dabei versucht, die Erinnerungen festzuhalten. Bei jedem Umzug hat sie ihre kleine chinesische Pralinenschachtel dabei, darin liegen viele Halsketten. An der einen hängt etwa ein Haifischzahn aus Australien, an einer anderen ihr Tierkreiszeichen in chinesischer Schrift. Jeder Anhänger stammt aus einem ehemaligen Zuhause.

Nach der Uni wollte die Bühneningenieurin eine Auszeit in Australien einlegen. Ein Jahr später bekam sie eine Stelle beim Cirque du Soleil und ging nach Macao, um dort die Beleuchtung für das Akrobatikspektakel zu installieren. »Für China musste ich mein Gepäck auf 20 Kilo reduzieren. Also habe ich vor der Abreise viele meiner Sachen verkauft«, sagt sie.

Lina Marie Badens Koffer steht mittlerweile in Paris, wo sie seit acht Monaten als technische Produktionsleiterin an der Opéra Bastille arbeitet. Bedrückend am Länderhopping findet die 30-Jährige, »dass der Kontakt zu Freunden im Heimatland schwer zu halten ist«. Ohne Freunde seien Stressphasen schwierig, weil niemand da sei, der einen auffange, erzählt sie. Auf der anderen Seite erlebt sie immer wieder euphorische Momente. Etwa wenn sie das Gefühl hat, in mehreren Sprachen zu Hause zu sein. Sie wird nie vergessen, wie sie zum ersten Mal auf einem chinesischen Markt die Preise verstand.

Drei Viertel aller Auswanderer kehren in den ersten zwei Jahren wieder heim

Aus den Erzählungen der Auswanderer hört man heraus, wie die häufigen Länderwechsel ihr Verständnis von Heimat verändern. Heimat muss kein einzelnes Land mehr sein, sondern wird transnational. Die modernen Nomaden verorten sich immer wieder neu und bekommen dabei ganz unterschiedliche Sichtweisen auf ihr Herkunftsland. Und auf sich selbst. Was früher fremd war, wird das Eigene.