ReputationDas Zitat... und Ihr Gewinn

Jean Paul sagt: Wer den kleinsten Teil seines Geheimnisses hingibt, hat den anderen nicht mehr in der Gewalt. von 

Eigentlich hätte ich mich freuen müssen: Eine Leserin bekräftigte den Tenor meines Buches Ich arbeite in einem Irrenhaus . Dieser ganze »Murks« in deutschen Firmen erinnere sie fatal an ihren eigenen Arbeitgeber. Der Haken an der Sache: Sie verkündete das in einer Leserrezension bei einem Online-Buchhändler – unter ihrem Realnamen, wie eine Plakette versicherte. Jeder, der ihren Namen googelt, stößt auf diese Abrechnung. Auch ihr Chef. Hat die Frau das bedacht?

Das Internet ist ein Ort geworden, an dem immer mehr Menschen beruflichen Selbstmord begehen, ohne es zu bemerken. Über Xing verkünden sie, dass sie eine »neue Herausforderung« suchen – zum Entsetzen des alten Arbeitgebers, der mitliest. Bei Facebook sind sie naiv genug , ihren Chef mit einem »Freund« zu verwechseln – auch wenn er nun Fotos begutachtet, die ihre Einsatzfreude auf fachfremden Feldern belegen, etwa beim Kampftrinken oder Abtanzen. Welche Schlüsse er dann wohl zieht, wenn der Mitarbeiter immer wieder montags krank ist? Und bei YouTube präsentieren sie in Filmchen, wie sie sich mit dem Motorrad in die Kurve legen – ohne Rücksicht darauf, dass ein Arbeitgeber sie nicht als Sportskanonen, sondern nur als potenzielle Gipsarme wahrnimmt.

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Martin Wehrle
Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher und gibt jede Woche Karrieretipps in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn".

Frei nach Jean Paul: Wer im Internet ein winziges Geheimnis verrät, sagt schon zu viel. Daraus folgt?

Headhunter lesen zwischen den Zeilen

Erstens: Gehen Sie bei allem, was Sie unter Ihrem Namen schreiben, davon aus, dass es nicht nur von gewünschten Adressaten gelesen wird (etwa einer neuen Firma), sondern auch von unerwünschten (etwa Ihrer jetzigen Firma). Bei Xing kann es klüger sein, optimistisch darüber zu schreiben, was Sie in Ihrem jetzigen Job herausfordert – als über »neue Herausforderungen«, die völlig davon abweichen. Ein Headhunter liest zwischen den Zeilen.

Zweitens: Bedenken Sie bei Botschaften aus Ihrem Privatleben, mit welchen Augen ein Chef schaut – Ihr neues Eigenheim, von dem Sie schwärmen, kann für eine 150 Kilometer entfernte Firma ein Grund sein, Sie nicht einzustellen, weil Sie möglicherweise ewig pendeln würden.

Und drittens: Machen Sie die Not zur Tugend! Wer bei einem Online-Buchhändler unter seinem Namen ein Fach- oder Führungsbuch mit Verstand und Wortwitz rezensiert, betreibt Selbst-PR vom Feinsten – statt seinen Kopf in die virtuelle Schlinge zu stecken.

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Leserkommentare
    • Infamia
    • 13. November 2011 12:05 Uhr
    1. Mythos

    Nun ist es ja ein anscheinend nicht totzukriegender Mythos, dass Arbeitgeber, egal ob bestehender oder potentieller, nichts besseres zu tun hätten, als nach ihren Schäfchen zu googlen. Es mag sie geben, die dies tun, die Mehrheit hat aber gar keine Zeit, das Netzt nach Mitarbeitern und deren Privatleben abzusuchen. Und dann ist es ja auch so. Ich bin ich, ich habe ein Leben, ein Hobby, eine politische Einstellung. Die wird nicht jedem gefallen. Aber wenigstens habe ich etwas. Und wer ein Problem damit hat, dass ich ein sportliches Hobby pflege, für den bin ich wohl nicht der richtige Mann. Aber vielleicht dafür für einen anderen.

    Sprich, der eine hat ein Problem damit, wenn jemand einen Marathon läuft, der andere sieht dies als Zeichen für Disziplin, Durchhaltevermögen, Ehrgeiz.

    Sicher, man muss nicht alles ins Netz stellen. Aber es komplett zu ignorieren könnte einem auch als mangelndes Interesse an neuen Technologien und ihren Möglichkeiten ausgelegt werden. Sie sehen, Herr Wehrle, man kann es so, aber eben auch so sehen. Und für meine politischen Ansichten gibt es ja immer noch Pseudonymen, unter denen ich meine Meinung vertreten kann.

    • cargath
    • 13. November 2011 12:15 Uhr

    In unserer Gesellschaft muss sich langsam mal grundsätzlich etwas ändern. Zur Not per Gesetz. Es kann doch nicht sein, dass man sein Privatleben möglichst geheim halten muss, weil eigentlich alles was man macht dem Chef nicht gefallen könnte. Zumal es völlig klar ist, dass man mal einen über den Durst trinkt und Sport macht, niemand sitzt nach der Arbeit apathisch zuhause um sich vor dem nächsten Arbeitstag bloß keinen unnötigen Risiken auszusetzen. Und ist der Haushalt nicht Gefahrenquelle Nummer eins? Wer daheim bleibt ist nicht mehr tragbar, weil er sich beim Kochen verbrühen könnte. Sollen wir alle in Gummizellen leben? Ich glaub es hackt. Genau aus diesem Grund werden immer noch ungern Frauen eingestellt, und wenn verdienen sie weniger als ihre männlichen Kollegen, denn dem Chef passt es nicht, dass sie eines Tages schwanger werden könnte.

    In solch einem Unternehmen möchte ich gar nicht arbeiten, das Betriebsklima würde mich krank machen. In meiner Freizeit mache ich was ich will, das muss erlaubt sein, und es muss erlaubt sein das öffentlich zu tun.

    Übrigens der Typ der immer Montags nach einem Saufgelage krank ist wird nicht wegen der Partyfotos entlassen, sondern weil der Chef mitbekommt, dass er nicht wirklich krank ist und eigentlich unentschuldigt fehlt. Die Entlassung ist gerechtfertigt, wer saufen kann kann auch arbeiten.

  1. So mancher Idealist hat wohl geglaubt, dass nach der Wende die Zeit von Stasi und Partei vorbei wäre?

    Gewaltiger Irrtum:

    Diese Gesellschaft (West) ist in vielen Dingen noch viel schlimmer:

    Man braucht hier keine Stasi, hat man doch jetzt das Internet und die Auswahl, mehreren Parteien zum Mund reden zu müssen, um Karriere zu machen.

    Diese Gesellschaft ist noch viel verlogener als die, der wir im Osten den Rücken gekehrt haben.

    Wer heute aufmuckt, der hat nur die wahl zwischen Krankheit oder ALG II.

    Vor über 22 Jahren konnte man wenigstens entweder den Stasi-Knast oder die Flucht nach dem Westen wählen.

    Damals wie heute war dies aber auch nur ein Trugbild - es sei denn man hatte die richtige Connection!

    • -CKV-
    • 13. November 2011 12:44 Uhr

    Absolut überflüssiger Artikel über ein Thema, dass schonx-mal durchgekaut wurde - und genauso oberflächlich, wie man's von Herrn Wehrle gewohnt ist ...

    • Iktomi
    • 13. November 2011 15:23 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Iktomi
    • 13. November 2011 15:47 Uhr

    Und ich würde mich über Artikel freuen, die einen Erkenntnisgewinn bringen und nicht ledigleich bereits tausendfach besprochenes Allgemeinwissen wiederkäuen und obendrein auch noch als Infomercial-Ummantelung für das "Selbst-PR" des Herrn Wehrle dienen.
    Danke, ihr Leser.

    • Iktomi
    • 13. November 2011 15:47 Uhr

    Und ich würde mich über Artikel freuen, die einen Erkenntnisgewinn bringen und nicht ledigleich bereits tausendfach besprochenes Allgemeinwissen wiederkäuen und obendrein auch noch als Infomercial-Ummantelung für das "Selbst-PR" des Herrn Wehrle dienen.
    Danke, ihr Leser.

    Antwort auf "[...]"
  2. Ein Problem beleuchtet Herr Wehrle (wenn das sein richtiger Name ist) nicht:

    Kollegen haben mehr Zeit, im Internet herumzugraben und "Belastendes" an den Chef zu schicken. Damit sichert man sich das eigene Fortkommen oder zumindest Verbleiben in der Firma.

  3. Erfahrene und souveräne Chefs mit Menschenkenntnis versuchen nicht, mit Geheimdienstmethoden Schwachstellen im Privatleben ihrer künftigen Mitarbeiter auszugraben.
    Diese Methoden sind kein Beispiel von Professionalität oder Cleverness, sondern ein Armutszeugnis.

    Aber das ist wohl die unvermeidliche Folge, wenn Chef-Karrieren nicht mehr im Ergebnis von Leistung, sondern durch Networking (von Papa?) oder durch potemkinsche Dörfer entstanden sind.

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