PilotenFliegender Wechsel
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60.000 Euro für die Ausbildung

Angst sollten Piloten auch nicht haben. »Wenn man Angst hat, dann soll man besser etwas anderes machen, vielleicht studieren gehen«, sagt Jürgen Raps. Seitdem er fliegt, hat es nie eine wirklich gefährliche Situation gegeben. Zweimal musste er ein Triebwerk wegen technischer Defekte abschalten. Precautionary Shutdown. Ab und zu hatte er Ärger mit Passagieren, die im Flugzeug pöbelten. Unruly Passengers.

Eine Airline Transport Pilot License, wie sie Marie Klaus erworben hat, oder eine Multi Pilot License, wie die Lizenz neuerdings heißt, kostet bei privaten Anbietern zwischen 70.000 und 100.000 Euro. Bei der Lufthansa müssen die Piloten 60.000 Euro für ihre Ausbildung zahlen. Die Lizenz finanziert das Unternehmen zwar vor, aber für die Lebenshaltungskosten müssen die Schüler während der zweijährigen Ausbildung selber aufkommen. Spätestens nach dem vierten Gehalt müssen die Piloten mit der Rückzahlung beginnen: mindestens 300 Euro im Monat.

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In Palermo angekommen, läuft Marie Klaus um den A319 herum. Outside-Check. Sie fasst ins Triebwerk, greift hinter eine Schaufel und schaut, ob sich alles problemlos drehen lässt. Dann sieht sie nach, ob es irgendwo am Flugzeug tropft, in welchem Zustand die Turbinen sind, sie überprüft die Reifen und schaut sich die Bremsstangen an. Der Outside-Check gehört zu den Aufgaben der Co-Piloten. »Buon giorno«, sagen die italienischen Flughafenmitarbeiter. Sie wollen wissen, wie viel Treibstoff Klaus für den Rückflug nach München braucht. Dafür muss die Pilotin gut kalkulieren, das Gewicht des Flugzeugs berücksichtigen, Wind, Wetter, Wirtschaftlichkeit und Sicherheit. Für den Rückflug nach München bestellt sie 58 Tonnen Treibstoff, eine Tonne kostet derzeit, je nachdem, wo die Fluggesellschaften es kaufen, um die 1.000 US-Dollar. Die Sonne knallt auf die Landebahn. Eine halbe Stunde hat Marie Klaus für den Outside-Check, dann geht es zurück nach München.

Einen Tag vor seinem letzten Flug, vor der letzten Reise in ein Leben ohne Dienstpläne und ohne Uniform, verabschiedet sich Jürgen Raps von seiner Crew mit einer Segeltour auf einem Boot. Raps steht an Deck, vor ihm schimmert die Golden Gate Bridge durch den Nebel, und irgendwo hinter ihm liegt Alcatraz in der San Francisco Bay.

»Er ist ein warmherziger Mensch, jemand, dem Hierarchieebenen egal sind, der sich um seine Crew kümmert«, sagt Blossom D’Zousa, eine Kollegin von Raps. Auf dem Flughafen hätten die Kollegen oft Wetten auf Raps abgeschlossen, wie schnell er das Flugzeug in die Luft bekomme. »Nach dem Pushback, nachdem das Flugzeug aus der Parkposition gelöst wurde, brauchte Jürgen Raps zehn bis zwölf Minuten, um das Flugzeug abheben zu lassen, andere Kapitäne benötigen meist 20 Minuten.« Er sei mit Abstand der Schnellste gewesen. Viele sind traurig, dass Raps geht.

In zwei Tagen wird Marie Klaus zu ihrer nächsten Tour aufbrechen, erst nach Tallinn, von dort nach Barcelona. Wenn alles nach Plan läuft, wird sie in drei bis fünf Jahren Langstrecke fliegen und zum Senior Flight Officer befördert sein. In zwölf Jahren kann sie es zur Kapitänin schaffen. »Wollen wir links oder rechts an der Zugspitze vorbei?«, fragt Marie Klaus kurz vor München. »Links«, sagt der Kapitän, dann habe sie einen besseren Blick. In diesen Momenten liebt die junge Pilotin ihren Job besonders.

Vor Jürgen Raps liegt nun nur noch sein letzter Flug, zurück nach Frankfurt. Das Kabinenpersonal lässt nach dem Start ein Gästebuch für ihn herumgehen, und mitten in der Nacht, irgendwo über dem Atlantik, klebt ein Steward Fotos aus San Francisco in ein Album. Für diesen Flug konnte sich Raps seine Crew selbst zusammenstellen. Eine halbe Stunde vor der Landung ist er nachdenklich, kämpft gegen die Sentimentalität, gegen die Tränen. »Es wird meine letzte Landung als aktiver Kapitän sein«, sagt er durch das Mikrofon. Dieser Satz hat wehgetan.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

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Leserkommentare
    • oernd
    • 10. November 2011 13:31 Uhr

    sehen, wenn es Leute schaffen, dass der Beruf zur Berufung wird! Wenn sie körperlich weiter fähig sind ihren Beruf sicher auszuüben, warum es verbieten?

    • ihg
    • 10. November 2011 15:27 Uhr

    bei dem Versuch 58t Treibstoff in einen A319 einzufüllen!

    • walex
    • 10. November 2011 15:47 Uhr

    Lesenswerter Artikel.
    So für Zwischendurch.

    • HSCHEID
    • 10. November 2011 18:11 Uhr

    Ich wollte als Kind natürlich auch immer Flugkapitän werden. Nun hat ein junger Verwandter die Zulassung zur Ausbildung bestanden. Ich bin stolz auf ihn und bewundere den Beruf und die Piloten.

    • Morrrk
    • 10. November 2011 18:27 Uhr

    Wie Benutzer "ihg" schon anmerkte -- 58 Tonnen Treibstoff für einen A319 kann nicht sein. Selbst wenn der Tank ausreichte, dürfte der Airbus mit dem damit erreichten Gewicht gar nicht erst starten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Hallo ihg und Morrrk,

    danke für Ihre Hinweise. Wir haben Sie an die Autorin mit der Bitte zum Gegencheck weitergeleitet.

    mit freundlichen Grüßen aus der ZON-Redaktion,

    Tina Groll

  1. Dieser Artikel bietet einen Anlass über einen Vergleich zu einem anderen Artikel hier auf der Zeitonline heute nachzusinnen, wo über den Zuwachs an MINT Fächern und in Folge auch über den Anteil von Studentinnen in sogenannten "Mannerdomänen" wie Maschinenbau etc. berichtet wird.

    Sind es denn auch im Maschinenbau, Informatik so .ca 15-20% Studentinnen? Ist dieser Prozentsatz die reale also unforcierte Schnittmenge "weiblich" und "technisch interessiert" von der Gesamtpopulation im aufgeklärten Europa? Wenn ja warum 15% und nicht sagen wir mal 5% oder 30% , was sind die Trigger?

    • DrIce
    • 11. November 2011 6:01 Uhr

    A319 Operating empty 39,884kg (87,930lb), standard max takeoff 64,000kg (141,094lb) or optionally 75,500kg (166,450lb)!

  2. 15 Arbeitstage, 60.000€ für einen Azubi und Rente ab 60.

    Wahrlich diese armen Pilotengeschöpfe haben allen Grund streiken zu lassen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ..hätten auch Sie Pilot werden können...nur kein Neid.

    • dav93
    • 11. November 2011 15:13 Uhr

    15 Arbeitstage * 12 Stunden = 180 Stunden
    Das entspricht ca. 45 Stunden pro Woche, mehr als der Durchschnitt.

    Außerdem: 60.000 € als Co-Pilotin, nicht als Azubi :)

    • Chris_7
    • 11. November 2011 16:39 Uhr

    Wenn man überlegt, dass der Berufsanfänger erst mal mit 60 T€ Schulden startet. Das schafft sonst außer Absolventen von Privatunis keiner. Bei einer Tilgung von 300€ p.M. (wie geschildert) dauert (bei Zinsfreiheit) es schlappe 17 Jahre bis er schildenfrei ist. Und für 300€ p.M. finanziert sich ein anderer Berufanfänger in der Zeit ein schönes Auto oder eine 1-Zimmer Wohnung.

    Selbst wenn jemand studiert, wegen mit 12 Semester und an einer öffentlichen Uni 1 T€ Studiengebühr pro Semester zahlt (Kosten des normalen Lebens sind ja gleich, denn die kommen auf die 60T€ beim Pilotenschüler noch oben auf), hat de Student weniger Schulden als ein Pilotenschüler. Und er verdient als Anfänger (zumindest bei einer sinnvolle Fächerauswahl) auch nicht so viel weniger als der Piloten-Anfänger.

    Und bei der Verantwortung mit den Arbeitszeiten (unregelmäßig, Langstrecke auch mal 10h (und etwas mehr) ), den Zusatzkosten (wie Versicherung gegen Lizenzverlust) bleibt da im Schnitt pro Stunde nicht mehr über, als bei einem gut bezahlten Facharbeiter hier bei eine großen süddeutschen Automobilhersteller. Und der muß "nur" dafür sorgen, dass Autos hergestellt werden können, die nachher fahren. Nicht, dass mehrere hundert Passagiere überleben.

    Die Ausbildung kostet 60.000 €; die Auszubildenden bekommen kein Geld. Die junge Dame verdient erst nach ihrer Ausbildung
    ca. 60.000€ (vermutlich brutto), muss davon aber noch ihre Ausbildungskosten abbezahlen.
    Netto kommt sie so eventuell auf 3000€ monatlich.
    Das kann man ihr gönnen, denke ich.

    15 Arbeitstage zu wesentlich mehr als 8 h und meist in verschiedenen Zeitzonen. An 15 Tagen zu je 12 Stunden hat man mehr gearbeitet als an 20 Tagen zu 8 Stunden.

    60'ooo Euro kostet diese Ausbildung und der "Azubi" bekommt das Geld nur geliehen. Letzen Endes zahlt er diese Ausbildung selber. Wer bezahlt noch seine Ausbildung selber?

    Rente ab 60? Das ist derzeit noch leider durch Richtlinien vorgeschrieben. Das Durchschnitts-Renteneintrittsalter in Deutschland liegt allerdings irgendwo zwischen 55 und 58!

    Und natürlich gehen auch manche Berufspiloten früher in Rente. Nämlich wenn sie den 3-monatigen Medical Check nicht bestehen. Bluthochdruck, Blutzucker, zu starke Brillen usw können jeden treffen.

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