Schweizer BankerNew Yorker Verlockungen

Wie die Schweizer Banker sich selbst demontierten. Die Geschichte eines Wahns von Ralph Pöhner

Was hat dieser Kerl nicht alles angestellt! Er spekulierte das britische Pfund zu Boden, er half den Sowjets, sich in US-Konzerne einzukaufen, er verwaltete den Schatz der algerischen Befreiungsbewegung FLN, er versteckte Gelder der Mafiaorganisationen von New York und Sizilien, er bunkerte das Gold von Juden wie von Nazis, er diente Spionen und Diktatoren aus aller Welt. Sein Wirken wurde oft beschrieben und verfilmt, einmal hätte er sogar fast James Bond übertölpelt, aber natürlich nur fast.

Und jetzt muss man ihn bemitleiden. Der Schweizer Bankier, eine der tollsten Figuren der Nachkriegszeit, ist nicht mehr die Spinne in den globalen Netzen des Geldes. Er ist zum Gejagten geworden. Und er, dessen Wünsche im Bundeshaus oft brav erfüllt wurden, duckt sich: Wann sah man ihn zuletzt in einer Talkshow streiten? In welchen Industriekonzern darf er noch einen Verwaltungsrat entsenden? Wo ist er in der Politik?

Anzeige

Vorbei die Zeiten des Zutrauens. Mehrere Umfragen der letzten Zeit belegen, wie sehr sich die Schweizer und ihre Banker entfremdet haben. 90 Prozent der Bevölkerung verlangen eine härtere Kontrolle der Banken, über 90 Prozent bezweifeln, dass die Branche aus der Krise gelernt hat, ein Viertel hat eine »negative Einstellung« zu den Finanzhäusern. Die Zahl der Banken sank seit 1990 von 495 auf 355, und in diesen Tagen trudeln dauernd Entlassungsmeldungen ein. Gut 140.000 Menschen arbeiten derzeit im Schweizer Bankensektor, ihre Zahl dürfte in den kommenden Monaten um etwa ein Zehntel kleiner werden: Auch damit sinkt die Bedeutung einer Figur, die lange als spezifischer Ausdruck helvetischen Wirtschaftens galt, so typisch wie der Uhrmacher, der Hotelier, der Senn oder der Skilehrer. Weg der Stolz.

»Wenn ich in den achtziger Jahren durch die Bahnhofstrasse lief, dachte ich: Hier möchte ich mal arbeiten«, sagt einer, der in die unabhängige Vermögensberatung gewechselt hat. »Das würde mir heute nicht mehr in den Sinn kommen.«

»Jeder Bankangestellte muss sich heute seine Freundschaften verdienen«, sagt einer, der im Kader einer ausländischen Bank arbeitet. »Denn jeder hat Bekannte, die wütend auf die Banken sind.«

»Mehr Schein als Sein: Das wurde wichtig in der ganzen Branche«, sagt einer, der im Prozessmanagement einer Bank arbeitet. »Aber nun musste man merken: Es funktioniert nicht mehr.«

Mehr Schein als Sein? Natürlich, der Swiss banker wurde seit dem Weltkrieg ins Mythische überhöht – aber in zwei Aspekten ragte er wirklich heraus. In keinem anderen Land lagert auch nur annähernd soviel Auslandskapital. Und die Schweizer Großbanken hatten es tatsächlich geschafft, kraftvolle Player im Fegefeuer der Hochfinanz zu werden. Jetzt aber ist das Land als Schwarzgeldhafen unter Dauerbeschuss. Und die Abenteuer im Investmentbanking zerstörten ein Grundvertrauen: Die Marmorbauten unserer Banken, so der erschütternde Eindruck in der Bevölkerung, sind auf Spekulationssand gebaut.

Vom Geldverwalten ins Borderline-Banking, vom Bankier zum Banker – diese Veränderung zog sich übers letzte Vierteljahrhundert. Wie weit sie ging, wird erst im Rückblick klar. Man erinnere sich nur, wie UBS-Konzernchef Marcel Ospel im April 2002 erstmals sein Gehalt offenlegte: Die Schweiz war richtiggehend geschockt – und dies wegen 12,5 Millionen Franken. In der heutigen UBS, die sich so geläutert gibt, erhält bereits der Chef der Investmentbank mehr, und es wird kaum noch debattiert. Zahlreiche weitere Details belegen den kompletten Stilwandel. Wer sich Anfang der neunziger Jahre noch Prokurist oder Vizedirektor nannte, schleppt nun Wortungetüme wie Associate Director Wealth Planning Projects auf der Visitenkarte herum – auch in Traditionshäusern. Wer damals zum Ziel hatte, mit den Kunden eine Beziehung aufzubauen, suchte bald nur noch den Deal. Wer sich früher zum Jahresende freute, wenn die Gratifikation (so das Wort) einen doppelten Monatslohn ausmachte, ist heute enttäuscht, falls der Bonus nicht sechsstellig ist. Wer früher mit viel Fleiß allmählich aufstieg, strebt jetzt Karrieresprünge durch Firmenwechsel an. »Wenn jemand mehr als hundert Millionen an Kundengeldern mitbringt, nimmt ihn heute jede Bank«, resümiert Markus Lasek, der seit den neunziger Jahren in der Branche arbeitete und momentan an der Universität Zürich die Ursachen der Finanzkrise erforscht. »Früher achteten die Schweizer Banken noch genau darauf, ob jemand auch zum Stil des Hauses passte.«

Noch 1987 warnte Robert Holzach, Präsident der SBG, in einem Aufsatz vor »ertragserpichten Händlernaturen ohne irgendwelche berufsethische Verpflichtung«, und er schrieb den prophetischen Satz: »Die Vorstellung der Bank, die auf dem ganzen Globus alle Dienstleistungen und erst noch zugunsten von jedermann erbringt, mag zunächst bestechend sein. Sie hält näherem Zusehen indessen nicht stand.« Aber da hatte der Wind schon gedreht. Die SBG hatte sich kurz zuvor selber bei einem großen Broker in London eingekauft, zwei Jahre danach übernahm Credit Suisse (CS) die Mehrheit der Investmentbank First Boston; der Bankverein folgte mit einer Investmentbank in Chicago. Es war die Zeit, als die Wirtschaftsherde die »Globalisierung« entdeckte, und die Finanzprofis glaubten jenen weltweiten Anspruch nur erfüllen zu können, indem sie sich ins Investmentbanking und an der Wall Street einkauften. »Durch den Ausbau des Investmentbanking gerieten die Schweizer Banken in eine Sparte, die bei den Erträgen sehr volatil ist, im Gegensatz zum ertragsstabilen Vermögensverwaltungsgeschäft«, sagt Robert U. Vogler, der frühere Chefhistoriker der UBS. »Die Frage des Maßes verlor indessen an Bedeutung.«

Arbeiteten 1998, im Fusionsjahr, noch zwei Drittel der UBS-Angestellten in der Schweiz, ist es heute noch ein Drittel. Erzielte die CS in jenem Jahr noch 90 Prozent ihrer Erträge im Heimmarkt, so sind es jetzt knapp 30 Prozent. Und während die Herren Generaldirektoren bis in die neunziger Jahre im Kommerzgeschäft groß werden mussten, also in der Finanzierung der Industrie, wurde danach der Umweg über London oder New York zum must fürs Amt des CEO. Wenn etwas beinahe alle Großbankchefs des letzten Jahrzehnts verbindet, so ihre Lehrjahre in einer angelsächsischen Investmentbank; die zwei einzigen Ausnahmen – Lukas Mühlemann und Peter Wuffli – holten sich den nötigen Stempel bei McKinsey.

Der Glaube an angelsächsische Lohn- und Loyalitätssysteme, Titel, Abläufe und die entsprechende Nahhorizont-Denke breitete sich branchenweit aus. Auch Privatbanken erlagen dem Reiz, eher Produkte zu verkaufen, als langfristige Beziehungen zu pflegen. Und dass ein Staatsinstitut wie die ZKB – so das bekannte Beispiel – unfreundliche Attacken auf Schweizer Traditionsunternehmen mit Derivaten unterstützte, zeigt klar, wie sich die Wahrnehmung verschoben hatte.

Man mag das moralisch beurteilen. Doch weit führt das kaum. Die traditionellen Swiss bankers fuhren vielleicht eher im Tram als im Porsche zur Arbeit, aber sie bunkerten Diktatorengelder und betrieben Geschäfte, die heute als Insiderei oder Geldwäscherei geächtet sind. Die Kritik daran kam lange nur von links. Erst die Krisenjahre seit 2008 erschütterten den Glauben an die Integrität der Branche. Seither aber nährt die Krise stetig den Verdacht, dass die berühmten Schweizer Banker gar nicht recht wissen, was sie tun. »Sind Papageien die besseren Banker?«, lautete eine Schlagzeile der NZZ im Sommer 2009. Und fast zeitgleich fragte das Wall Street Journal in einem Leitartikel: »Does the World Still Need the Swiss?« Denn sichtbar war nun, dass sich der Finanzplatz Schweiz gar nicht so sehr abhob von der Konkurrenz: Er hatte vor allem vom Bankgeheimnis gezehrt.

So hielt sich die Branche in diesen Krisenjahren zwar gar nicht so schlecht, besser gar als die Konkurrenz in anderen Ländern. Dennoch, das Selbstverständnis wurde in der Schweiz besonders getroffen. Wenn nämlich etwas das traditionelle Swiss banking ausmacht, so der Anspruch, dass man seinen Kunden Stabilität bietet – den Hoffnungsschein des sicheren Hafens. Das wäre jetzt, in einem perfekten Sturm, vielleicht wieder das beste Erfolgsprogramm.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte UBS | Credit Suisse | Investmentbanking | James Bond | Schweiz | Swiss
    Service