Mainstream Der Sog der Masse

Er beherrscht Medien, treibt Minister aus dem Amt und wechselt alle paar Jahre die Richtung: Der Mainstream hat gewaltige Kraft – er ist der Geist der Mehrheit. Aber hat er deshalb recht? Ein Essay

Guido Westerwelle...? Normalerweise schreibe ich Kolumnen im ZEITmagazin, seit Menschengedenken. Vor ein paar Monaten wollte ich unbedingt eine Kolumne über Guido Westerwelle schreiben. Besser gesagt, eine Hymne auf Guido Westerwelle. Ich wollte erklären, warum er ein sehr guter Politiker ist, zumindest einer der besseren in Deutschland.

Ich dachte nicht wirklich so. Trotzdem habe ich mir gesagt: Das muss jetzt geschrieben werden. Manchmal schreibe ich Sachen, die ich nicht wirklich denke. Mehr so aus dem Bauch heraus. Wenn alle das Gleiche sagen, bekommt man Lust, dagegenzuhalten. Dann sagt man sich: Alle sind sich einig, hey, da stimmt doch was nicht.

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Damals haben alle auf Westerwelle herumgehackt. Jeder drittklassige Kabarettist hat Westerwelle-Witze im Programm gehabt, und das kam mir so billig, so vorhersehbar, so ungerecht vor, auch gemein, das hat mich an die Schulzeit erinnert, an diese miesen Momente, in denen alle gemeinsam auf einen Außenseiter losgehen.

Die Westerwelle-Kolumne ist nie geschrieben worden. Ich hab’s nicht geschafft. Stattdessen schreibe ich jetzt ein Lob der Reaktanz. Denn mir ist klar geworden, dass ich reaktanzgesteuert bin, zumindest teilweise. Anderen geht es genauso, das habe ich recherchiert. Reaktanz ist eine gute Sache.

Den Begriff »Reaktanz« hat 1966 ein gewisser Jack W. Brehm erfunden, ein Sozialpsychologe. Reaktanz bedeutet, vereinfacht gesagt, dass wir Menschen auf eine Überdosis von psychischem Druck oder auch auf Verbote sehr häufig in folgender Weise reagieren: Wir tun genau das Gegenteil von dem, was von uns erwartet wird. Reaktanz ist ein typisches Abwehrverhalten gegen jede Art von Einschränkung, Druck und Verboten.

Das berühmteste Experiment dazu geht so: Versuchspersonen sollen die Qualität von Schallplatten bewerten. Zur Belohnung darf sich jeder eine der getesteten Platten aussuchen. Nach dem Probehören und den Bewertungs-Interviews betritt der Versuchsleiter den Raum und teilt bedauernd mit, dass eine der Platten nicht mehr vorrätig sei. Sofort steigt die Attraktivität der vergriffenen Platte bei allen Versuchsteilnehmern. Sie wird, in einer zweiten Befragung, plötzlich viel besser bewertet. Weil sie nicht mehr zu haben ist.

Oft beweist einem die Wissenschaft ja das, was man sowieso schon zu wissen glaubte. Das Verbotene wird attraktiver, weil es verboten ist. Deswegen musste in den USA das Alkoholverbot, die Prohibition, kläglich scheitern. Nie haben die Leute mehr getrunken. Deswegen will der Fuchs die Trauben haben, die zu hoch für ihn hängen. Deswegen haben sich Romeo und Julia ineinander verliebt, es war strengstens verboten. Ich kenne Leute, darunter mich selber, die unter anderem deswegen immer noch rauchen, die Verteufelung der Raucher ist einfach too much. Deswegen tun geschickte Verkäufer so, als wäre ihre Ware knapp.

In der Politik funktioniert es ebenfalls, auch dazu gibt es Experimente. Wenn man ankündigt, dass es ab morgen verboten sein wird, auf die Straße zu spucken, dann werden sehr viele von uns plötzlich ein starkes Spuckbedürfnis spüren. Selbst die notorischen Nichtspucker.

Das Gleiche passiert mir, wenn ich ununterbrochen mit der gleichen Meinung beschallt werde. Wenn alle auf einer bestimmten Person oder Personengruppe herumhacken, werde ich reaktant, tut mir leid.

Die Reaktanz ist ein naher Verwandter des Trotzes. Reaktanz ist gut, weil sie eine Einheitsgesellschaft mit Einheitsmeinungen verhindert. Reaktanz ist – ausnahmsweise werde ich pathetisch – der Beweis dafür, dass wir zur Freiheit geboren sind.

Na ja. »Zur Freiheit geboren«, ganz so toll sind wir auch wieder nicht. Wir sind schon irgendwie Herdentiere. Neben der edlen Veranlagung zur Reaktanz, die jeder in sich trägt, gibt es ja auch den Hang zum Konformismus. Unsere Vorfahren haben in Horden gelebt. Ich will dazugehören. Jeder will das.

Das Gegenteil von Reaktanz heißt Mainstream. Das Gute am Mainstream ist, dass man nicht groß nachdenken muss. Man wirft sich einfach hinein in den Strom und lässt sich gemütlich treiben.

Leser-Kommentare
  1. gibt es noch genug Leute, die Harald nicht mögen, weshalb ich ihn ganz ohne "Reaktanz" weiterhin genießen kann.

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    Das absolut positive an Harald ist, dass er uns immer wieder daran erinnert, dass positves Denken machbar ist. Der in Deutschland vorhandene Mainstream heißt "Meckersyndrom" und kann überall beobachtet werden. Erst mal meckern, in Krümeln suchen, jammern und negativ bewerten und gar nicht erst nachdenken, findet man hier auch in vielen Kommentaren.

    Ich betrachte Harald persönlich als biologisch völlig unbedenkliche Medizin.

    Das absolut positive an Harald ist, dass er uns immer wieder daran erinnert, dass positves Denken machbar ist. Der in Deutschland vorhandene Mainstream heißt "Meckersyndrom" und kann überall beobachtet werden. Erst mal meckern, in Krümeln suchen, jammern und negativ bewerten und gar nicht erst nachdenken, findet man hier auch in vielen Kommentaren.

    Ich betrachte Harald persönlich als biologisch völlig unbedenkliche Medizin.

  2. nur die Erklärung für den Schwarm, immer in die Mitte, mit niemanden zusammenstoßen, usw... das erklärt das Phenomen des Schwarms bei weiten nicht, finde ich.

  3. Die von wenigen Eliten bezahlten Medien machen den Mainstream dem die unmündig gemachten Menschen folgen.

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    Entschuldigung, aber die "unmündig gemachten" Menschen? Wer versteckt sich denn dahinter? In welchem Medium wird gesagt, denkt nicht selber nach, sonst gibts was mit dem Ohrenstäbchen!? Von gemacht kann keine Rede sein. Eher ist es so, dass die Denkfaulheit von vielen wohlwollend akzeptiert wird, dann muss man sich als Medienvertreter nicht so anstrengen, die anderen schreiben doch schließlich das gleiche.

    Danke aber für dieses Dossier, Herr Martenstein, hatte mein Wochenende gerettet, ganz unpathetisch jetzt.

    Entschuldigung, aber die "unmündig gemachten" Menschen? Wer versteckt sich denn dahinter? In welchem Medium wird gesagt, denkt nicht selber nach, sonst gibts was mit dem Ohrenstäbchen!? Von gemacht kann keine Rede sein. Eher ist es so, dass die Denkfaulheit von vielen wohlwollend akzeptiert wird, dann muss man sich als Medienvertreter nicht so anstrengen, die anderen schreiben doch schließlich das gleiche.

    Danke aber für dieses Dossier, Herr Martenstein, hatte mein Wochenende gerettet, ganz unpathetisch jetzt.

    • Gjalp
    • 14.11.2011 um 11:12 Uhr

    ...ist nicht aufgrund der Massen des Bürgers zurückgetreten geworden.

    Wir leben in einer desportischen Kapitalfaschismusdiktatur - und diese bestimmen den Mainstream.

    Aber das hat alles nichts mit Wahrheit zu tun, selbst Journalisten folgen lieber dem Mainstream als der Wahrheit, oder?

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    na da bin ich ja beruhigt, ich hatte schon befürchtet der Sozialismus ist in Deutschland ausgebrochen, aber so ist es ja nicht so schlimm. Daher schreien auch alle nach einem NPD-Verbot und das einzige am Bundeshaushalt was auch mal gekürzt statt immer weiter aufgebläht wird, ist der Verteidigungshaushalt. "desportischen Kapitalfaschismusdiktatur" in Reinkultur halt, genau wie man sie kennt und schätzt...

    na da bin ich ja beruhigt, ich hatte schon befürchtet der Sozialismus ist in Deutschland ausgebrochen, aber so ist es ja nicht so schlimm. Daher schreien auch alle nach einem NPD-Verbot und das einzige am Bundeshaushalt was auch mal gekürzt statt immer weiter aufgebläht wird, ist der Verteidigungshaushalt. "desportischen Kapitalfaschismusdiktatur" in Reinkultur halt, genau wie man sie kennt und schätzt...

  4. Im Mainstream mitzuschwimmen, kann nach den im Beitrag geschilderten Experimenten bedeuten, sein eigenes Urteilsvermögen an der Garderobe abzugeben und sich dem Urteil der Masse anzuschließen, sei es auch noch so absurd.
    Rektant verhält man sich dann, wenn das Massenurteil und der Konsens irgendwann eine solche Penetranz entwickeln, dass man sich genötigt fühlt, dagegen zu argumentieren - gleichermaßen ein Reflex.
    Genau darin scheint mir bei aller oberflächlicher Gegensätzlichkeit die Gemeinsamkeit zwischen schwärmendem Nachplappern und ausschwärmendem Dagegenhalten zu bestehen. Beides ist ein Reflex und kein autonomes Urteil, dass sich von dem, was gerade Konsens ist, frei macht.
    Der Gedanke auf das Eingangsbeispiel angewendet nährt dann die Vermutung, dass Westerwelle als Außenminsiter wirklich einfach überfordert war und ungeschickt aggiert hat. Und wenn ich dagegenhalte, weil 99 Prozent all derer, die sich öffentlich dazu äußern, derselben Meinung sind, ist das auch nur ein Reflex auf den Mainstream, so wie das reflexhafte Urteil, zwei unterschiedliche lange Linien seien gleichlang.

  5. Das absolut positive an Harald ist, dass er uns immer wieder daran erinnert, dass positves Denken machbar ist. Der in Deutschland vorhandene Mainstream heißt "Meckersyndrom" und kann überall beobachtet werden. Erst mal meckern, in Krümeln suchen, jammern und negativ bewerten und gar nicht erst nachdenken, findet man hier auch in vielen Kommentaren.

    Ich betrachte Harald persönlich als biologisch völlig unbedenkliche Medizin.

    Antwort auf "Gott sei Dank..."
    • PALVE
    • 14.11.2011 um 11:35 Uhr

    ...braucht man weder den Mainstream noch das "Gegenhalten".
    Entweder man ist mit vielen einer Meinung oder muss sich halt auch mal gegen die vielen stellen.
    Das eine wie das andere hängt nur von den gerade sichtbaren Schnittmengen ab.

    Ich halte nicht partout dagegen, weil viele dafür sind.
    Und ich bin auch nicht partout dafür, weil es gerade viele sind.

  6. war die Verachtung der Massen, die in die gewünschte Richtung gebracht werden müssten. Goebbels und Hitler haben sich nicht umsonst auf dessen Theorien bezogen.
    Hitler:

    "Das «deutsche Volk», das er verführen und das ihn gross machen sollte, bestehe aus Dickschädeln, Querköpfen und Dummköpfen. Deshalb müsse auch das Angriffsziel einer Rede nicht der Intellekt, sondern die Emotionalität eines Publikums sein. Ein guter Redner passe sich dem Niveau des Publikums an, liefere also möglichst primitive und deutliche Erklärungen für Probleme."

    http://bazonline.ch/kultu...

    Zur Manipulation der Massen eignen sich die Massenmedien hervorragend. Was Konsens ist, bestimmen die Medienbesitzer, die unaufhörlich ihre Dogmen wiederholen. Z. B. die Religion der Arbeit, und dass "Arbeit sich lohnen muss" (während das Gegenteil getan wird mit asozialen Gesetzen)

    Der von Martenstein bedauerte Funktionär der angeblich freien liberalen Partei ist ein Verdreher.

    "das kam mir so billig, so vorhersehbar, so ungerecht vor, auch gemein"

    Das, lieber Herr Martenstein müssten Sie über Westerwelle sagen, denn er war es, der auch noch die Opfer seiner Politik, die Erwerbslosen beschimpfte, nachdem er Hotelerben noch weitere Milliarden zugeschanzt hatte, als Gegenleistung für eine Million Bestechungsgeld.

    Verdrehungen gehören zur Massenmanipulation. Spätrömische Dekadenz gehört zu selbstherrlichen Herrschern wie ihm.

    11 Leser-Empfehlungen
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    • ascola
    • 17.11.2011 um 14:10 Uhr

    Sie haben nicht verstanden, was Martenstein mit Reaktanz meint. Niemand sagt, dass Westerwelle diese verurteilungswürdigen Dinge nicht getan hätte. Darum geht es nicht. Gleichwohl ist er der erste schwule Außenminister Deutschlands, und er hat es wirklich nicht leicht, weil der mainstream nun gegen ihn ist (wobei er ungeschickterweise dauernd selbst neuen Stoff gegen sich lieferte, weil er selbst mainstream zu sein versuchte, aber es nicht ist).
    Auch, dass Hitler sich auf LeBon bezogen haben soll sowie dessen Haltung zur Masse, spricht nicht gegen dessen Theorie - eher dafür.
    Und die Medien hält Martenstein eher für Vervielfältiger als für Meinungsfüher. Die Zeiten haben sich auch geändert und darin die Medienrolle. Und genau das sagt er ja auch.

    • ascola
    • 17.11.2011 um 14:10 Uhr

    Sie haben nicht verstanden, was Martenstein mit Reaktanz meint. Niemand sagt, dass Westerwelle diese verurteilungswürdigen Dinge nicht getan hätte. Darum geht es nicht. Gleichwohl ist er der erste schwule Außenminister Deutschlands, und er hat es wirklich nicht leicht, weil der mainstream nun gegen ihn ist (wobei er ungeschickterweise dauernd selbst neuen Stoff gegen sich lieferte, weil er selbst mainstream zu sein versuchte, aber es nicht ist).
    Auch, dass Hitler sich auf LeBon bezogen haben soll sowie dessen Haltung zur Masse, spricht nicht gegen dessen Theorie - eher dafür.
    Und die Medien hält Martenstein eher für Vervielfältiger als für Meinungsfüher. Die Zeiten haben sich auch geändert und darin die Medienrolle. Und genau das sagt er ja auch.

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