Ein Polizist watet durch das Hochwasser in Bangkok. © Nicolas Asfouri/AFP/Getty Images

Es gibt Menschen, die an die Kraft von Strohhalmen glauben. Oder an die Wirksamkeit anderer vermeintlicher Rettungsgeräte. Um es kurz zu machen: In puncto Klimaschutz besteht für solchen Glauben kein Anlass. Der Kampf gegen die gefährliche Erderwärmung geht verloren, vermeiden könnte das nur noch ein Wunder – oder ein radikaler politischer Schwenk, der allerdings nicht in Sicht ist. So viel Ehrlichkeit muss sein, auch wenn sie wehtut.

Es gibt eigentlich nichts, was Optimismus rechtfertigt. Das zeigt schon der Umgang der Politik mit einer anderen, derzeit akuten Herausforderung. Bei der Bekämpfung der Finanz-, Staatsschulden- und Euro-Krise , die momentan ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht, blicken die Regierungen seit Langem in den Abgrund – und haben sich bisher dennoch nicht auf eine Lösung verständigen können. Die Klimakrise ist nicht nur wesentlich komplizierter als die Finanzkrise, obendrein erscheint den meisten politischen Akteuren der Handlungsdruck auch geringer. Der Meeresspiegel steigt schließlich langsamer als der Zins für Staatsanleihen. Das nährt den Irrglauben, Klimaschutz sei nicht so dringend.

Was sich dieser Tage in Bangkok abspielt , in Nizza oder Genua, wird deshalb Alltag werden. Verrücktes Wetter, aus den Statistiken der Versicherer geht das hervor, liegt im Trend. An überraschende Wetterkatastrophen – an Fluten, Hitze, Stürme – werden Mensch und Natur sich gewöhnen müssen. Schwerste Verwüstungen werden sich nicht vermeiden lassen.

Der ruhige Herbst, den viele Deutsche derzeit genießen, trügt. Auch Deutschland ist nicht gefeit vor der neuen Normalität. Im vergangenen Jahr tobte bereits ein Tornado durchs Münsterland, im August stieg der Pegel der Neiße dramatisch an, das Unwettertief Cathleen ließ in Niedersachsen und Nordrhein Westfalen Keller volllaufen.

Der Verdacht, von den Warnern würde mal wieder gnadenlos übertrieben, ist unbegründet. Tatsächlich liefert eine unverdächtige Quelle den akuten Anlass, sich mit dem Katastrophenszenario anzufreunden – eine Quelle, die jedenfalls nicht geschaffen wurde, um Sand ins Getriebe der globalen Wirtschaftsmaschinerie zu streuen. Es ist die Internationale Energie Agentur (IEA), jener Klub, den die Industrieländer 1973 gründeten, um gemeinsam gegen die Ölkrise vorzugehen. Die gerade präsentierte jüngste Version ihres Weltenergieausblicks, eine Art Bibel für Energiemanager und -politiker, beginnt mit der Feststellung, es gebe wenig Anzeichen dafür, »dass der dringend notwendige Kurswechsel bei den weltweiten Energietrends eingeleitet wurde«.

Das klingt nüchtern, ist aber eine fast apokalyptische Aussage. Tatsächlich sorgt die Menschheit laut IEA ohne Rücksicht auf Verluste dafür, dass die mittlere Temperatur auf der Erde über kurz oder lang ein Plus von 3,5 Grad erreichen könnte, womöglich sogar von 6 Grad oder mehr. Warum? Weil sie ständig mehr Kohle, Öl und Gas verbraucht – und dementsprechend die Menge an Kohlendioxid wächst, die in der Erdatmosphäre landet und dort die Voraussetzungen für die extremen Verhältnisse auf der Erde schafft. Deren Konsequenzen: Schlimmstenfalls ein langfristig um mehrere Meter ansteigender Meeresspiegel – Städte wie Hamburg und Bremen wären dann unbewohnbar.

Dass solche ungemütlichen Zeiten näher rücken, ist schon länger bekannt. Vor knapp 20 Jahren verpflichteten sich praktisch alle Staats- und Regierungschefs der Welt dazu, eine »gefährliche Störung des Klimasystems« zu verhindern. Umso alarmierender ist, dass weiter das Gegenteil geschieht. 2010 erreichte der weltweite CO2-Ausstoß einen neuen Rekord. Gleichzeitig war 2010 das wärmste Jahr seit 1880, gleichauf mit 1998 und 2005.

Bei Licht betrachtet, ist es für wirksamen Klimaschutz fast schon zu spät. Wird in den nächsten paar Jahren das Ruder nicht radikal – wirklich radikal! – herumgerissen, dann werden laut IEA allein die bis zum Jahr 2017 gebauten energieerzeugenden und -verbrauchenden Fabriken, Kraftwerke und Gebäude ausreichen, all jene Emissionen zu verursachen, die gerade noch verkraftbar wären, soll die Erwärmung zwei Grad nicht übersteigen. Zwei Grad ist der Temperaturzuwachs, der laut Beschluss des Klimagipfels von Cancún nicht überschritten werden sollte. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste die Menschheit umgehend weniger Energie verbrauchen. Oder nach 2017 keine zusätzlichen Strommeiler, Gebäude und Fabriken errichten.

Zu rechnen ist weder mit dem einen noch mit dem anderen. Ein Jahr nach dem Gipfel von Cancún gibt es kaum Anlass zur Hoffnung. Bei der nächsten Weltklimakonferenz im südafrikanischen Durban , die in Kürze beginnt, wird es aller Voraussicht nach ebenso wenig einen Durchbruch geben. Mit anderen Worten: Die internationale Politik ist nicht mehr Herr der Lage.

Die Finanzkrise beweist, wie verhängnisvoll es ist, die Dinge treiben zu lassen. Klimapolitiker in Deutschland und anderswo müssten daraus schnell Konsequenzen ziehen, anstatt weiter an Wunder zu glauben.

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