Irgendwann, wenn die Ratlosen von morgen die Schuldigen von heute beim Namen nennen, wenn sie aufzählen, wem alles Europa gleichgültig geworden war, bevor es fast in Trümmer fiel, wenn sie mit den Fingern auf die tollen Ökonomen zeigen, die an der Börse »Staaten versenken« gespielt hatten, wenn sie mit posthumer Bestürzung all die Politiker Revue passieren lassen, die Front gegen Europa machten – irgendwann, ganz am Schluss, bevor der Letzte das Licht ausmacht, wird die Rede auf eine seltsame Spezies kommen, nämlich auf die Intellektuellen . Wo waren sie eigentlich, als Europa die Luft ausging? Erinnert sich jemand? Warum schlugen sie sich in die Büsche, als es brenzlig wurde? »Europa? Nö, muss gerade die Fahnen meines neuen Buches lesen.« Warum fiel dem Gewerbe zu Europa in der Regel nichts ein, und wenn ihm etwas einfiel, dann Standardphrasen mit der stilistischen Anmut einer Packungsbeilage – leblose Textflächen, geboren unter großen grammatischen Schmerzen und für alle Ewigkeit begraben in der dunklen Gruft von Sammelbänden?

Nein, Europa hat unter den Intellektuellen keine Leidenschaft hervorgebracht, keine sprühende politische Fantasie, nur ein apartes Phlegma auf mittlerem Niveau. Denn Europa »hatte man sicher«, es war die alte Tante am Kaffeetisch, zu der man nett ist, weil man weiß, dass sie auch in hundert Jahren noch dort sitzt. Europa war eine Gewohnheit, und über Gewohnheiten schreibt man entweder schlecht oder gar nicht. Jene, bei denen es anders war, kann man an zwei Händen aufzählen: Jürgen Habermas , Klaus Harpprecht, Robert Menasse , Hauke Brunkhorst oder Ulrich Beck . Auch Hans Magnus Enzensberger lässt, wenngleich in der Gegenrichtung, nicht locker, er macht sich über Gurkenkrümmungswinkelverordnungen lustig, aber gemessen an den wahren Problemen, ist Enzensbergers Euro-Gurke nicht einmal ein Radieschen.

Warum ist das so? Warum ist Europa das Stiefkind der intellektuellen Eliten? Weil sich diese Eliten, so schreibt der Soziologe Ulrich Beck in der Zeitschrift Cicero , nach dem Mauerfall 1989 renationalisiert haben, weil sie – langsame Heimkehr – erst einmal das eigene, so lange geteilte Land wiederentdecken wollten. Auf den ersten Blick hat Beck recht. Viele Dichter und Denker sonnten sich im nostalgisch vergoldeten Glanz der wiedergewonnenen Souveränität und betrieben strenge nationale Selbstfindung. Nicht einmal von ihrem Gegenspieler Günter Grass wird man sagen können, er habe pausenlos für Europa die Trommel gerührt. Andere beerdigten mit Arnulf Baring die alte BRD und hissten die Fahne der »Berliner Republik«, sie träumten von der schlagenden Verbindung aus Kunst und Macht oder kämpften für das Berliner Stadtschloss wie für den erlösenden Gral. Wieder andere zogen mit Martin Walser die deutschnationale Karte und verlangten schamlos einen »befreienden« Schlussstrich unter Auschwitz, sie entdeckten mit Friedrich Nietzsche den deutschen Herrenmenschen, mit Stefan George den deutschen Geist, mit Botho Strauß die deutsche Tragik und mit Peter Sloterdijk den deutschen Leistungsträger.

Sogar Zeitschriften, die das Schmuckwort »europäisch« im Untertitel trugen, ließen den Kontinent links liegen. Mit heldenhaftem Eifer, aber doch irgendwie komisch bekämpften sie liberale Dekadenz, ungekämmte 68er und den mentalen Müll der Bundesrepublik. Dafür gab es zur Abwechslung ein neues Tabu, nämlich die Ökonomie. Über sie sollte kurioserweise nicht geredet werden, denn der Kapitalismus hatte ja den Kommunismus kleingekriegt, er war der Weltsieger, er hatte den Ritterschlag der Geschichte erhalten und brachte endlich wieder die sozialen Standesunterschiede hervor, die man in der egalitären Hölle der BRD so schmerzlich vermisst hatte.

Das Projekt hieß »Deutschland«, es hieß nicht »Europa«, denn Europa war geistiges Kassengift, ein Gutmenschen-Ideal und eine politisch korrekte Wärmestube für alle, die noch nicht in der harten Realität angekommen waren. Im Vergleich zu den blühenden Landschaften des Nationalen war Helmut Kohl allerdings ein wahrer Dialektiker: »Deutschland ist unser Vaterland, und Europa ist unsere Zukunft.«

Damit kein Missverständnis entsteht: So ermüdend die nationalen Suchbewegungen und Selbstversöhnungen auch waren – nach der historischen Sensation des Mauerfalls waren sie einfach fällig, sie mussten sein, und niemand wird behaupten, er habe dabei nichts gelernt. Im Übrigen, und auch das sollte gesagt werden, war nicht nur die neunationale Befangenheit schuld daran, dass das intellektuelle Herz mit Europa nicht warm wurde: In der alten Bundesrepublik hatte die politische Macht eine feste Adresse, nämlich Bonn, die urbane Provinz, und mit einigem Recht durften sich die Intellektuellen einbilden, ihre Argumente könnten die Öffentlichkeit beeindrucken.

Aber welche Adresse hat Europa? Brüssel ist wie eine Realfiktion, eine gigantische Blackbox, ein schalltoter Raum, eine insulare Macht der Absorption ohne den geringsten diskursiven Charme. Brüssel ist solitärer Beton, und Beton entmutigt. Wortmeldungen bleiben durchschlagend wirkungslos, und auch wenn es, anders als ein Gerücht behauptet, durchaus eine intellektuelle europäische Öffentlichkeit gibt, zum Beispiel die Zeitschrift Lettre oder die Magazinrundschau des Perlentauchers – die Themen fokussieren sich nicht, sie finden kein Gehör, es bleibt beim Stimmengewirr. Wer sich – »Ach, Europa« – über die EU erregt, der kann sich ebenso bei den Sternen über das Wetter beklagen.