Wer in seinem Leben auch nur drei Hollywood-Western gesehen hat, kennt diese Szene: Ein paar Reiter galoppieren durch die Landschaft, gelangen an einen Fluss, bleiben zögernd am Ufer stehen. Aber nur für einen Moment. Schon im nächsten schlagen sie Stiefel und Sporen in die Flanken der Pferde, treiben sie ins Wasser. Der klassische Westernheld bezwingt die Natur. Und eine Banalität wie das grässliche Gefühl, fortan in klatschnassen Kleidern auf dem Pferd zu sitzen, kommt in der heroischen Episode gar nicht vor.

Jedoch in Meek’s Cutoff, dem neuen Film von Kelly Reichardt. Er spielt in Oregon im Jahr 1845 und erzählt die Geschichte von drei Siedlerfamilien, die sich mit ihren Planwagen, Rindern und Pferden von einem großen Treck getrennt haben, um eine Abkürzung über die Hochebene der Cascade Mountains zu nehmen, und sich heillos in der Felsenwüste verirren. Er besteht aus sensationellen Gegenbildern, aus Gegenepisoden zu jenem amerikanischen Eroberungs- und Überlegenheitsmythos, der sich bis heute aus der Pionierepoche ableitet. Meek’s Cutoff zeigt etwas ganz anderes, nämlich den harten, ja erbärmlichen Alltag, das mühselige Handwerk der Besiedlung und die Ohnmacht von Menschen, die von der Natur bezwungen werden, bis sie zuletzt jedes Zeit- und Raumgefühl verlieren, wie in Trance, halb verdurstet, mit rissigen Lippen und leeren Blicken durch die Landschaft wanken.


Kelly Reichardt zeigt dies alles aus der Perspektive der Frauen, die im klassischen Western immerzu an den Türen einer Ranch stehen und den davonreitenden Helden nachwinken oder bei Schießereien zitternd die Hände vors Gesicht schlagen. Ihrem elementaren, heroischen Anteil an der Frühgeschichte der USA ist Meek’s Cutoff gewidmet, buchstäblich von der ersten Szene an. Denn was wir in dieser ersten Szene sehen, ist: eine Flussdurchquerung. Inszeniert nicht als rasanter Ritt durch aufspritzende Gischt, sondern als minutenlange Prozession zu Fuß. Bis zur Brust stehen die drei Siedlerinnen im Wasser, schweigend, mit langsamen Bewegungen gehen sie nacheinander voran. Man spürt ihre Furcht, ins Leere zu treten, ihre Anstrengung, sich gegen die Strömung aufrecht zu halten und gleichzeitig auf dem Kopf die Körbe zu balancieren, in denen sich Decken und Vorräte befinden. Eine Frau trägt eine Voliere mit einem piepsenden Vögelchen auf dem Kopf. Als sie aus dem Fluss steigt und die Uferböschung hinaufklettert, stockt sie fast unmerklich unter der Last ihrer mit Wasser vollgesogenen, bodenlangen Baumwollröcke. Zwei, drei Kilo mehr als vor dem Gang durch den Fluss hat die Frau um den Leib.

Kelly Reichardts gleichsam empirische Sachlichkeit, die Betonung der praktischen Vorgänge des Lebens, der Blick auf das Alltägliche im Dramatischen, erzeugt alles andere denn entzauberte oder nüchterne Bilder. Im Gegenteil. Von einer Horizonttotalen zur nächsten, von Nachtaufnahmen, in denen der Schein eines Windlichts die Figuren auf ihren magisch flackernden Umriss reduziert, bis zu perfekt durchgestalteten Bildkompositionen ist Meek’s Cutoff große Leinwandpoesie, geschult an der impressionistischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Es gibt ein spezielles Kelly-Reichardt-Geheimnis, und bei all ihren Filmen – zuletzt bei dem Roadmovie Wendy und Lucy aus dem Jahr 2008 – fragt man sich, worin es eigentlich liegt. Warum man als Zuschauer so aufgewühlt wird, wenn die obdachlose Wendy durch die Ränder einer Kleinstadt läuft und nach ihrem Hund Lucy ruft. Warum man vor Spannung die Luft anhält, wenn die Siedler ihre Planwagen vom Gipfel eines steilen Hügels nach unten abseilen.

Natürlich vollzieht sich in Meek’s Cutoff auch ein existenzielles Drama. Es geht für die drei Familien, die nicht wissen, wo und ob sie auf ihrem Irrweg je wieder an Wasser gelangen, schließlich um Leben und Tod. An dieses Drama knüpft sich zudem eine nicht weniger dramatische Binnenhandlung. Meek, ein Trapper, der von den Siedlern angeheuert wurde, um sie über den unmarkierten Bergweg zu führen, erweist sich als dubioser, verdächtiger Charakter. Mehr und mehr befürchten die Siedler, dass Meek sie absichtlich in die Irre lenkt. Vor allem eine Frau misstraut ihm, Emily. Dargestellt wird sie von der Schauspielerin Michelle Williams, die hier nach Wendy und Lucy erneut mit Kelly Reichardt zusammenarbeitet. Keine andere verkörpert momentan weiblichen Eigensinn so überzeugend wie sie. Die Skepsis in ihrem Gesicht ist so stark ausgeprägt, dass sie dessen Schönheit bisweilen überwiegt. Man glaubt diesem Gesicht, dass Emily als Einzige den Überblick bewahrt und eisernen Überlebenstrotz behält, dass sie die heimliche Autorität über den Treck übernimmt. Als Meek unterwegs einen Indianer gefangen nimmt und ihn wie ein Tier abknallen will, steht Emily urplötzlich mit einem geladenen Gewehr neben ihm und zielt auf seinen Kopf. Auch diese übers Eck gehende Parallelbedrohung kennt man bestens aus Hollywood-Western – wenn auch ohne weibliche Heldenrolle. Geradezu revolutionär an Reichardts Antiwestern ist allerdings die Aufwertung eines Indianers, von dessen Ortskenntnis das Leben der Siedler schließlich abhängt, zur erzählerischen Zentralfigur. Eines Indianers, der insofern realistisch ist, als er von der Sprache der Siedler kein Wort versteht und diese keines von ihm.

Viel geredet wurde in Kelly Reichardts Filmen nie, nach Möglichkeit gar nicht. Wendy machte nur für das Allernötigste den Mund auf. In dem völlig stummen Kontakt zwischen Emily und dem Indianer aber ist Reichardts Filmphilosophie ganz bei sich. Die beiden können sich nur mit Gesten und Blicken verständigen. Und sie benötigen das emphatische Vertrauen darauf, dass diese Codes genügen, um eine ganze Geschichte zu erzählen. Eben darauf beruht Kelly Reichardts eigensinniger, wunderbarer Stil. Zwei Stunden dauert Meek’s Cutoff, zwei Stunden Schönheit und klasse Frauen.