Grundregel Nummer eins für Background-Sängerinnen im Popgeschäft: Dem Star um Gottes willen bitte niemals die Show stehlen, nicht mal ein bisschen. Auch sonst ist ihr Job seit einem halben Jahrhundert klar definiert. Die Hauptaufgaben: Der Stimme des Stars etwas mehr Volumen verleihen, sexy aussehen, sich synchron zur Musik bewegen. Verstanden? Gut, dann würden wir jetzt erst mal mit ein paar Tanzschritten anfangen.

Ein Vokaltrio namens Mountain Man, derzeit mit der kanadischen Popgöttin Leslie Feist auf Welttournee, versteht den Job offenbar anders, es hält sich nicht mal an die erste Grundregel. Von herkömmlichen Hintergrundsängerinnen unterscheidet die drei jungen Damen schon ihr Äußeres: Natürlich sehen auch sie verdammt gut aus, nur eben auf etwas andere Weise als die singenden Models und modelnden Sängerinnen, die sonst gern für diese Rolle engagiert werden. Als die drei jungen Frauen, an der Seite von Feist, vor ein paar Wochen ihren ersten großen Auftritt im US-Fernsehen hatten, in David Lettermans Late Show, war Feist zwar cool und charismatisch wie immer – völlig unfassbar aber waren ihre drei Mitsängerinnen: weibliche Supernerds, wie man sie sonst im Fernsehen nicht zu sehen kriegt, eng umschlungen, gekleidet in Jeans, deren Hosenbeine irritierend identisch gebleicht waren (nämlich exakt bis zum – wie nennt man das? – Schritt). Vor allem aber sangen sich die drei die Seele aus dem Leib und brachten dabei Harmonien zustande, die den tiefsten Quellen amerikanischer Folksongs zu entspringen schienen, vielleicht rauschten sie aber auch herab von den höchsten Gipfeln der Rocky Mountains, in denen einst die wirklichen mountain men als Jäger und Fallensteller harte Pionierarbeit geleistet hatten. Jedenfalls blieb dieses Background-Trio nicht im Hintergrund, es fiel auf. Und das an der Seite einer Popgöttin.


So auch zwei Wochen später in Berlin, bei Feists einzigem Deutschlandkonzert. Diese drei wunderschön singenden, gelegentlich unkontrolliert herumhopsenden Vordergrundsängerinnen waren die Überraschung des Abends. Und so fragen sich in diesen Wochen Tausende Konzertbesucher, Stadt für Stadt entlang der Tourstrecke von Berlin nach New York, Los Angeles, Melbourne, Sydney: Wer oder was sind Mountain Man? Und wie sind die drei so plötzlich mitten in der Musikindustrie gelandet?

Es ging alles ziemlich schnell. Im Frühjahr 2009, in Bennington, einem idyllischen College-Städtchen im US-Staat Vermont, sang die damals 20-jährige Molly Erin Sarle im Studentenwohnheim The Dog Song vor sich hin, ein Lied, das sie selbst geschrieben hatte. Eine andere Studentin, Amelia Randall Meath, kam vorbei und sang einfach mit. »Wir hatten vorher nie miteinander geredet«, sagt Molly. »Amelia zwang mich dann, den Song zwölfmal hintereinander zu spielen, bis sie ihn auswendig konnte.« Amelia wiederum brachte ihn einer weiteren Kommilitonin bei, Alexandra Sauser-Monnig. Kurz darauf sangen sie alle drei zum ersten Mal zusammen.

»Dieses Erlebnis«, sagt Molly, »war anders als alles, was ich jemals zuvor empfunden hatte. Es war...« – und sie sagt nicht etwa »super« oder »toll«. Molly sagt: »Es war Yūgen.«

"Es ist ziemlich genau so wie im Teenagertraum"

Bitte, wie? Es hilft, zu wissen, dass sich die Studienfächer von Molly, Amelia und Alexandra aus diversen Kombinationen der Begriffe Theater, Gender, Literatur, Performance zusammensetzen. »Yūgen«, erklärt Molly geduldig, sei ein Begriff aus der japanischen Ästhetik und habe mit Erfahrungen von Tiefe und Transzendenz zu tun.

Nach dieser ersten Offenbarung im Studentenwohnheim dachten die drei sich ein Dutzend weitere A-cappella-Songs aus, studierten ein paar Coverversionen ein, gaben sich den irreführenden Namen Mountain Man – der natürlich gendertheoretisch fundiert ist, aber das führt jetzt zu weit –, und sie organisierten eine Reihe von Auftritten. Einige ihrer Lieder sangen sie in einen Laptop hinein und brannten sie auf CDs. »Mit denen wollten wir auf unserer Minitour etwas Benzingeld verdienen«, sagt Amelia. Um zwei Ecken herum landeten die Aufnahmen beim einflussreichen Musik-Blog Pitchfork. »Und plötzlich«, sagt Molly, »fand das Internet unsere Musik aufregend.« Die britische Plattenfirma Bella Union meldete sich und nahm Mountain Man unter Vertrag. In anderthalb Tagen wurde das Debütalbum Made the Harbor aufgenommen, es erschien im Juni 2010. »Wir haben nie geprobt für diese Platte. Wir sangen einfach hintereinanderweg alle Songs, die wir hatten.«

Es ist ein zauberhaftes Album. Man könnte es leicht mit einer alten, kostbaren Folkplatte verwechseln oder mit Feldaufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert (inklusive Grundrauschen und Hintergrundgeräuschen), es gibt hier tatsächlich Songs über Büffel, Bäume, Bienen, Berge. Sie könnten jahrhundertealt sein, wenn da nicht Textpassagen und merkwürdige Harmonien wären, die eher nach 2011 klingen (und nach Swing, Punk, bulgarischen Frauenchören und anderem mehr). Den Gesamteffekt dieser Aufnahmen könnte man durchaus als Yūgen bezeichnen.

Kein Wunder, dass die Frau mit der aufregendsten Popstimme der Welt auf Mountain Man aufmerksam wurde. »Als Leslie Feist uns vor drei Monaten fragte, ob wir mit ihr auf Tour gehen wollten«, sagt Amelia, »hat mich das so aufgewühlt, dass ich Krämpfe im Nacken bekam.« Das Problem war nur: Alexandra war mitten in einem Umzug, Molly wollte unbedingt ihr Studium fertig kriegen. Beide beschlossen, dass sie leider auf gar keinen Fall mitkommen könnten. Dann taten sie es doch. Warum? »Weil wir Amelia lieben«, sagt Molly.

Wie fühlt es sich denn an, plötzlich Abend für Abend vor so großem, begeistertem Publikum zu singen? »Es ist ziemlich genau so wie im Teenagertraum«, sagt Amelia. »Du kommst auf die Bühne, und alle jubeln und bewundern dich, noch bevor du irgendwas gemacht hast. Die Energie, die da vom Publikum kommt, ist absolut elektrisierend.«

Und was wird nach der elektrisierenden Welttournee aus Mountain Man? »Wir wollen für unsere zweite Platte eine richtige Band zusammenstellen«, sagt Molly, und plötzlich kreischt die sanfte Folksängerin: »Yeah, Rock and Roll!!!«

Für ihre künftigen Begleitmusiker hat Amelia schon das Stellenprofil entworfen: »Es wird auf jeden Fall eine Band aus lauter gut aussehenden, dünnen Männern.«