Muammar Gadhafi Die Grüne Internationale

Otto Schily und andere Politiker der Grünen reisten vor 30 Jahren neugierig zu Gadhafi, dem Verfasser des "Grünen Buchs". Der Revolutionär schlug ihnen eine grüne Weltordnung vor. Ein Besuch bei den Pilgern von damals

Ein libyscher Bürger zerstört eine Kopie von Muammar al-Gadhafis "Grünem Buch"

Ein libyscher Bürger zerstört eine Kopie von Muammar al-Gadhafis "Grünem Buch"

Otto Schily sitzt im Berliner Büro seiner Kanzlei und versucht, sich zu erinnern. Wie war das, als man damals, 1982, nach Libyen flog, um Gadhafi zu besuchen? Es ist lange her, und es war ja auch skurril, aber irgendwie scheint es ihn, den Strengen, den Hochmütigen, nun doch zu amüsieren, sich diese Reise noch einmal vor Augen zu führen und darüber zu staunen, was das damals für bunte Zeiten waren. Immer wieder verdreht er beiläufig die Augen: Man möge das bitte nicht zu ernst nehmen. Tatsächlich sind es vor allem die komischen und bizarren Details dieser Reise, an die sich Schily erinnert.

Zum Beispiel an Roland Vogt, den Friedensmann und Mitbegründer der Grünen. Als Friedenspapst habe er es wie Papst Johannes Paul II. halten wollen: nach der Landung erst einmal die Erde küssen. Nur war am Flughafen von Tripolis natürlich alles Beton, und so habe es eine Weile gedauert, bis Vogt endlich ein Stückchen Erde rund um ein verkrüppeltes Bäumchen gefunden habe, an dem er niedergehen und die Erde küssen konnte.

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Woran sich Otto Schily nicht richtig erinnern kann, ist, mit welcher Absicht man Gadhafi besuchte. Es sei wohl Neugier auf das Exotische gewesen. »Terrorgeschichten«, sagt Schily, »waren damals noch kein Thema. Es gab noch nicht Lockerbie und noch nicht das Attentat auf die Berliner Diskothek La Belle.«

Begonnen hatte alles mit einem Treffen in Wien, das Bruno Kreisky, der große Sozialdemokrat und österreichische Bundeskanzler, initiiert hatte. »Gadhafi«, erinnert sich Schily, »galt als Ziehsohn von Bruno Kreisky. Kreisky hatte an ihm Gefallen gefunden, vermutlich als Vertreter der Blockfreiheit. Kreisky war damals sehr populär, jedenfalls bei mir persönlich, und das gab Gadhafi ein positives Image.« In Wien im Hotel Imperial habe man auf Gadhafi gewartet, der dann tatsächlich mit wehendem weißem Mantel erschienen sei und einen eineinhalbstündigen Monolog gehalten habe. Anschließend habe er die bunt gemischte Truppe in sein Land eingeladen.

So landete man schließlich in Libyen. Im Juli 1982. Es war eine heterogene Gruppe. Der italienische Linksintellektuelle und Begründer von Lotta Continua, Adriano Sofri, war dabei, wie der Südtiroler Alexander Langer, der die Grünen in Italien mitbegründete. Der Friedensaktivist Alfred Mechtersheimer reiste mit, ebenso wie Gertrud Schilling, die von September 1982 bis April 1985 für die Grünen im Hessischen Landtag saß. Und eben Otto Schily und Roland Vogt. Man war keine Delegation, reiste ohne Auftrag, trotzdem hatte man natürlich irgendwelche Vorstellungen vom Zweck dieser Reise. Und gewiss hatte sich auch Gadhafi genau überlegt, wofür er sein Geld ausgibt.

1982 war das Jahr der Friedensdemonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss. Gadhafi galt als Hauptfeind der USA. Das machte ihn für die linksalternative Friedensbewegung zu einer interessanten Figur. Er war ein junger Revolutionsführer, der die Monarchie in seinem Land besiegt hatte. Wer sich im Kalten Krieg in der Ost-West-Konfrontation nicht für eine Seite entscheiden wollte, dem bot er einen dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Und natürlich war da sein Grünes Buch, das die Themen Ökologie, Volksbewegung, Antikolonialismus und Islam verband. Deshalb rief der Revolutionsführer gegenüber seinen Besuchern eine Grüne Internationale aus. Dass der Mann schon damals Blut an den Fingern hatte und zum Beispiel oppositionelle Libyer im Ausland ermorden ließ, wusste man, es musste aber im Eifer des Gefechts und angesichts der Aggressivität des US-amerikanischen Imperialismus zurückgestellt werden...

Das Grüne Buch schlug dagegen einen Ton an, der gut zusammenging mit dem Misstrauen der linken Bürgerbewegungen gegen die Mechanismen der repräsentativen Demokratie. Dass der Parlamentarismus, wie Gadhafi erklärte, nur Scheindemokratie betreibe und die Parteien in Wahrheit das Volk um die Macht betrogen hätten, das musste den Kindern der Außerparlamentarischen Opposition vertraut vorkommen. Gertrud Schilling schrieb denn auch nach der Rückkehr aus Libyen: »Die Grünen haben sich zum Ziel gesetzt, die Parlamente abzuschaffen, das heißt, direkte Demokratie zu praktizieren. Was die Kritik am Parlamentarismus betrifft, haben die Gruppen, meine ich, viel gemeinsam mit dem ersten Kapitel des Grünen Buches.«

Wenn man sich heute mit dieser Libyen-Reise befasst, kommt man sich vor wie in einer Zeitmaschine. Man landet in einem Museum vergangener Mentalitäten und Weltanschauungen, in dem alle Denkrituale und Verhaltensreflexe der alten Bundesrepublik wie in einem schrillen Albtraum vereint sind. Seltsam nur, dass es ausgerechnet ein vermutlich geistesgestörter Massenmörder war, um den alle tanzten: damals die Linke, später Jörg Haider, am Ende die Staatschefs von Berlusconi bis Sarkozy.

Leser-Kommentare
  1. "Es sei der Zweck dieser Reise gewesen, Gadhafi von einer gewaltsamen Reaktion abzubringen."

    scheint mir stimmig zu sein, wenn ich mich an die Bemühungen jener Zeit erinnere, den Verrückten davon abzubringen, noch mehr Unheil anzurichten.

  2. und sich auf die Grünen beschränken, um sich zu erinnern wie unsere und andere aktuelle Politikgrößen den Oberst hofierten.
    Auch wenn ich Schily nicht verteidigen mag, aber da springt der Artikel gewaltig zu kurz.

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    • TDU
    • 13.11.2011 um 16:50 Uhr

    Es ging ja hauptsächlich um die Reise, deswegen sei das verziehen. Scholl Latour war, wie er selbst sagt, beeindruckt von seinem Charme andere Männer und Frauen aus der Politik auch. Die Zeit war eben so. Ich war zwar für den Dopplebschluss, aber die Debattenkultur von damals würde man sich heute manchmal wünschen. Und dazu gehörte auch mit dem "Feind" zu reden, von dem man meinte, man könnte das.

    Ein thumber Mensch wie andere Gewaltherrscher war er ja auch nicht. Und m. E. man kann nicht alles rückwirkend betrachten und die Leute, die guten Willens waren, mit Hinblick auf die Entwicklung pauschal verurteilen. Herr Vogt ist halt den Machtkämpfen erlegen wie andere z. B. Rudi Dutschke auch.

    • TDU
    • 13.11.2011 um 16:50 Uhr

    Es ging ja hauptsächlich um die Reise, deswegen sei das verziehen. Scholl Latour war, wie er selbst sagt, beeindruckt von seinem Charme andere Männer und Frauen aus der Politik auch. Die Zeit war eben so. Ich war zwar für den Dopplebschluss, aber die Debattenkultur von damals würde man sich heute manchmal wünschen. Und dazu gehörte auch mit dem "Feind" zu reden, von dem man meinte, man könnte das.

    Ein thumber Mensch wie andere Gewaltherrscher war er ja auch nicht. Und m. E. man kann nicht alles rückwirkend betrachten und die Leute, die guten Willens waren, mit Hinblick auf die Entwicklung pauschal verurteilen. Herr Vogt ist halt den Machtkämpfen erlegen wie andere z. B. Rudi Dutschke auch.

    • TDU
    • 13.11.2011 um 16:37 Uhr

    Respekt Herr Vogt. Die fehlende Erinnerung von Herrn Shily ist "normal". Bei der Verteidigung von Baader und Co. hat er geübt für seinen Marsch in die Institutionen.

    • TDU
    • 13.11.2011 um 16:50 Uhr

    Es ging ja hauptsächlich um die Reise, deswegen sei das verziehen. Scholl Latour war, wie er selbst sagt, beeindruckt von seinem Charme andere Männer und Frauen aus der Politik auch. Die Zeit war eben so. Ich war zwar für den Dopplebschluss, aber die Debattenkultur von damals würde man sich heute manchmal wünschen. Und dazu gehörte auch mit dem "Feind" zu reden, von dem man meinte, man könnte das.

    Ein thumber Mensch wie andere Gewaltherrscher war er ja auch nicht. Und m. E. man kann nicht alles rückwirkend betrachten und die Leute, die guten Willens waren, mit Hinblick auf die Entwicklung pauschal verurteilen. Herr Vogt ist halt den Machtkämpfen erlegen wie andere z. B. Rudi Dutschke auch.

  3. gehören auch in diesen schrägen Zoo, von dem Iljoma Mangold am Ende seines durchaus geistreichen Artikels so verächtlich spricht.

    Sie hat ja eine lange Tradition, diese Schwärmerei des westlichen Menschen für die "Edlen Wilden". An ihrem Anfang steht Tacitus, der in "Germania" und "Agricola" für die von der Zivilisation noch nicht angekränkelten germanischen und keltischen Barbaren aus der damaligen Dritten Welt schwärmt und ihren Widerstand gegen den römischen Imperialismus preist, wobei ihn nicht störte, dass es bei ihnen Menschenopfer gab. Und Karl Mays Winnetou-Mythos gehört zur deutschen Seele, um die es kürzlich in einem ZEIT-Artikel ging. Wären Tacitus und Karl May ca. 1940 in Deutschland geboren, wären sie sicher 68er geworden, die für die Edlen Wilden in Vietnam kämpften und hätten bei der Libyen-Reise, um die es in dem Artikel geht, mit von der Partie sein können.

    Für Wuzeln, die man in diesem "schrägen Zoo" hat, muss man sich nicht schämen.

    • xy1
    • 13.11.2011 um 17:52 Uhr

    Es ist lehrreich zu sehen wie blinder Antiamerikanismus vielen Leuten den Verstand geraubt hat. Bezeichnend auch
    "Feindbild Nato".
    Es gibt auch jetzt genügend Beispiele für dieses Verhalten.

  4. 7. na ja

    und wie hat sich libyen in den dreißig jahren entwickelt?
    kein thema. der schrille gaddafi zur ablenkung.

    wir sollten mal gaddafi auf der einen und das land und seine soziale entwicklung auf der anderen seite lassen. libyen ist an anderen afrikanischen staaten beispielhaft vorbeigezogen.

    dank NATO sind sie jetzt wieder irgendwo in der nähe von zurück auf los.

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    • josi95
    • 13.11.2011 um 18:14 Uhr

    Libyen ist ins Mittelalter zurückgebombt worden. Marodierende Milizen terrorisieren die Bevölkerung oder bekämpfen sich gegenseitig, wie inzwischen auch einige Medien zugeben müssen:

    http://www.net-tribune.de...

    Un in der NATO, die ja so furchtbar stolz auf ihren sauberen Krieg ist, regen sich jetzt Befürchtungen, wegen Kriegsverbrechen belangt zu werden:

    http://www.focus.de/polit...

    Die schlimmsten Verbrechen am libyschen Volk wurden nach meiner Wahrnehmung gewiß nicht von Gaddafi und seinem Anhang verübt, sondern von seinen Widersachern ...

    Wenn Libyen an anderen afrikanischen Ländern vorbeizog lag das schlicht und einfach an seinen Ölvorkommen, die mit westlicher Technik ausgebeutet wurden. Auch die geringe Anzahl Libyer spielen in diesem Zusamenhang eine Rolle. Pro Kopf bleibt bei gegebenem Volkseinkommen einfach mehr übrig.

    Dies alles ist keine Leistung Gaddafis sondern existiert unabhängig von ihm. Es gibt einen Grund hier herumzujammern, wie das einige Foristen tun, was für ein Verlust sein Ableben für die irdische Menschheit sein soll.

    Ein irrer Diktator ist tot, das war nicht das erste Mal und wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ein Volk sich eines Despoten entledigt. So sollen sie auch sterben , alle Tyrannen dieses Planeten!

    • josi95
    • 13.11.2011 um 18:14 Uhr

    Libyen ist ins Mittelalter zurückgebombt worden. Marodierende Milizen terrorisieren die Bevölkerung oder bekämpfen sich gegenseitig, wie inzwischen auch einige Medien zugeben müssen:

    http://www.net-tribune.de...

    Un in der NATO, die ja so furchtbar stolz auf ihren sauberen Krieg ist, regen sich jetzt Befürchtungen, wegen Kriegsverbrechen belangt zu werden:

    http://www.focus.de/polit...

    Die schlimmsten Verbrechen am libyschen Volk wurden nach meiner Wahrnehmung gewiß nicht von Gaddafi und seinem Anhang verübt, sondern von seinen Widersachern ...

    Wenn Libyen an anderen afrikanischen Ländern vorbeizog lag das schlicht und einfach an seinen Ölvorkommen, die mit westlicher Technik ausgebeutet wurden. Auch die geringe Anzahl Libyer spielen in diesem Zusamenhang eine Rolle. Pro Kopf bleibt bei gegebenem Volkseinkommen einfach mehr übrig.

    Dies alles ist keine Leistung Gaddafis sondern existiert unabhängig von ihm. Es gibt einen Grund hier herumzujammern, wie das einige Foristen tun, was für ein Verlust sein Ableben für die irdische Menschheit sein soll.

    Ein irrer Diktator ist tot, das war nicht das erste Mal und wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ein Volk sich eines Despoten entledigt. So sollen sie auch sterben , alle Tyrannen dieses Planeten!

    • josi95
    • 13.11.2011 um 18:14 Uhr

    Libyen ist ins Mittelalter zurückgebombt worden. Marodierende Milizen terrorisieren die Bevölkerung oder bekämpfen sich gegenseitig, wie inzwischen auch einige Medien zugeben müssen:

    http://www.net-tribune.de...

    Un in der NATO, die ja so furchtbar stolz auf ihren sauberen Krieg ist, regen sich jetzt Befürchtungen, wegen Kriegsverbrechen belangt zu werden:

    http://www.focus.de/polit...

    Die schlimmsten Verbrechen am libyschen Volk wurden nach meiner Wahrnehmung gewiß nicht von Gaddafi und seinem Anhang verübt, sondern von seinen Widersachern ...

    Antwort auf "na ja"
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    Das war ein Territorialkonflikt zwischen ansonsten unbeschäftigten ehemaligen Freiheitskämpfern einer Stadt und der umgebenden Landbevölkerung. Auf Druck der mit Truppen vor Ort eingetroffenen Übergangsregierung wurden die städtischen ehemaligen Freiheitskämpfer von ihrem Oberkommando zurück gezogen.

    Und sagen Sie nicht, ich hätte davon keine Ahnung.
    Der fand nämlich genau in UNSEREM REVIER statt und ich war vier Tage lang auch in direktem Kontakt zu meinen betroffenen Angehörigen damit beschäftigt.

    Also: versuchen Sie nicht, daraus propagandistisches Kapital zu schlagen, weil - ich weiß dat besser.

    Das war ein Territorialkonflikt zwischen ansonsten unbeschäftigten ehemaligen Freiheitskämpfern einer Stadt und der umgebenden Landbevölkerung. Auf Druck der mit Truppen vor Ort eingetroffenen Übergangsregierung wurden die städtischen ehemaligen Freiheitskämpfer von ihrem Oberkommando zurück gezogen.

    Und sagen Sie nicht, ich hätte davon keine Ahnung.
    Der fand nämlich genau in UNSEREM REVIER statt und ich war vier Tage lang auch in direktem Kontakt zu meinen betroffenen Angehörigen damit beschäftigt.

    Also: versuchen Sie nicht, daraus propagandistisches Kapital zu schlagen, weil - ich weiß dat besser.

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