Sterbebegleitung"Liebevolles Unterlassen fällt Ärzten schwer"

Ein Gespräch mit dem Arzt und Autor Gian Domenico Borasio über die richtige Begleitung Sterbender von 

DIE ZEIT: Ihr neues Sachbuch trägt den Titel Über das Sterben . Klingt nicht gerade nach einem Bestseller...

Gian Domenico Borasio: Warten wir’s ab. Es ist als eine Hilfsschrift gedacht und behandelt Fragen, mit denen sich jeder irgendwann auseinandersetzen muss. Zum Beispiel Familien, die einen sterbenden Angehörigen begleiten, das sind immerhin zu jedem gegebenen Zeitpunkt weit über eine Million Familien hierzulande. Ich verbinde besonders eine Hoffnung mit diesem Buch: nämlich die bei uns in Deutschland weitverbreitete Angst vor dem Lebensende ein paar Millimeter herunterzubringen.

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ZEIT: Wie stellen Sie sich das vor? Die Angst vor dem Sterben ist doch etwas vollkommen Kreatürliches.

Borasio: Selbstverständlich. Hinzu kommt aber vor allem die Angst davor, ausgeliefert zu sein, und vor qualvollen Symptomen in der Sterbephase. Das Buch versucht, diese Ängste durch Informationen und praktische Tipps zu reduzieren.

ZEIT: Was sind Ihrer Meinung nach denn die schlimmsten Fehler in der Behandlung Sterbender?

Borasio: Ein einfaches Beispiel ist, dass Sterbenden reflexhaft Flüssigkeit und Sauerstoff gegeben werden, um zu verhindern, dass sie »verdursten und ersticken«, wie es heißt. Falsch! Dabei wird genau das Gegenteil erreicht. Stellen Sie sich einen Augenblick lang einen im Bett liegenden Sterbenden vor, der nicht mehr kommunizieren kann. Wie liegt er da?

ZEIT: Wahrscheinlich steht sein Mund offen.

Borasio: Genau. Und der Sauerstoff, über eine Nasenbrille verabreicht, geht aus dem Mund wieder heraus. Das trocknet die Mundschleimhäute aus und verursacht Durstgefühl. Das lässt sich aber zum Beispiel mit konsequenter Mundpflege oder auch kleinen Eiswürfeln gut beheben. Die künstlich zugeführte Flüssigkeit hingegen kann in der Sterbephase nicht ausgeschieden werden, weil die Nieren ihre Funktion einschränken. Dann lagert sich die Flüssigkeit in der Lunge ein und verursacht Atemnot.

ZEIT: Weshalb wird die Atemnot so gefürchtet?

Borasio: Es ist dasjenige Symptom, das schwerste existenzielle Ängste auslöst, und diese Angst verstärkt noch die Atemnot, wodurch sich wiederum die Angst vergrößert – ein Teufelskreis. Das wirksamste Medikament dagegen ist das Morphin. Davor haben aber Ärzte Angst, wegen der atemdämpfenden Wirkung von Morphin, obwohl wir seit 1993 wissen, dass Morphin das beste und sicherste Medikament bei Atemnot ist. Angesichts der vorhandenen Daten stellt die Nichtbehandlung einer terminalen Atemnot mit Morphin eindeutig einen Kunstfehler dar.

ZEIT: Abgesehen von Atemnot haben die meisten von uns aber wohl die größte Angst vor Schmerzen.

Borasio: Schmerzen machen etwa nur ein Drittel der physischen Symptome am Lebensende aus, und sie sind in der Regel beherrschbar. Die Symptomkontrolle in der modernen Palliativmedizin ist inzwischen so weit ausgereift, dass die Menschen keine Angst mehr haben müssen, aufgrund von nicht therapierbaren Symptomen qualvoll zu sterben. Die Sorge, dass die Gabe von Morphin oder verwandten Medikamenten bei Schwerstkranken Sucht auslösen oder den Tod beschleunigen könnte, ist längst von der Wissenschaft widerlegt.

ZEIT: Haben Ärzte verlernt, hochbetagte Menschen auf natürliche Weise sterben zu lassen, wie es früher doch offenbar die Regel war?

Borasio: In den vergangenen Jahrzehnten wurden Ärzte zunehmend in einer Weise sozialisiert, die es ihnen schwer macht, das durchzuführen, was ich das liebevolle Unterlassen am Lebensende nenne. Dazu gehört manchmal auch Mut, dazu müssen innere Schranken überwunden werden. Denn wenn der Arzt handeln kann, fühlt er sich wohler, er tut ja etwas. Inzwischen regen sich allerdings zunehmend Zweifel, ob das alles so richtig ist. Denn beim Sterben ist es wie bei der Geburt: In den meisten Fällen läuft es am besten ab, wenn es nicht von außen gestört wird.

ZEIT: Sicher haben Ärzte immer wieder auch die Sorge vor rechtlichen Konsequenzen, wenn sie nicht handeln.

Borasio: Maßnahmen, die für den Patienten in seiner aktuellen Situation wirkungslos oder sogar schädlich wären, wie die oben erwähnten, dürfen vom Arzt nicht angeordnet werden. Das ist keine passive Sterbehilfe, sondern nur gute Medizin. Der Bundesgerichtshof hat 2010 im Fall Putz im Übrigen eindeutig festgestellt, dass das Unterlassen oder Beenden einer begonnenen Behandlung gerechtfertigt ist, wenn dies dem Patientenwillen entspricht.

Leserkommentare
  1. "Liebevolles Unterlassen!"

    Was für eine aufbereitende Verschönsalbung des Wortes "Sterbehilfe", richtig formuliert für eine völlig verweichlichte und dauerverängstigte Bevölkerung.

    Der Tod gehört zum Leben. Wir müssen uns langsam wieder angewöhnen, daß es sich durchaus lohnt, für einige Dinge zu sterben. Freiheit und Selbstbestimmung, wären hier ein Beispiel, ohne diese beiden Faktoren mangelt es den Menschen an Stolz und Rückgrat.

    Und genau dieses Rückgrat braucht man dann, wenn ein Mensch unwürdig lebt, und man das Menschsein daran erkennt, daß dieser unmenschliche Status beendet wird.

    Was mit sauer aufstößt, diese Diskussion kam nicht auf, als uns suggeriert wurde, wir hätten noch genug Geld, diese Diskussion wird derzeit intensiviert aus Kostengründen geführt, und deshalb wird diese abartig.

  2. "wie man die Angst vorm Tod verringern kann."

    Das kann man nicht: Wer stirbt, stirbt. So einfach ist das.
    Da helfen keine tröstenden Worte.

    Da selbst die angeblich Stärksten, welche sich oft im Leben als die Stärksten gebärdet haben, auf dem Totenbett flatternde Hosen bekommen, gibt es keine Hilfe beim Sterben. Wer das im Sterben realistisch sieht, weiß, er stirbt.

    Da der Mensch aber schwach ist, hat man den Menschen jahrtausendelang per Religion eingeredet, dass man das Sterben leichter ertragen könne, weil es danach noch etwas gäbe.

    Es gibt aber nichts danach. Keinen Himmel und keine Hölle. Einfach gar nichts. Tot ist tot und da hilft auch keine Religion der Welt. Es ist einfach aus.

    Die Menschen wissen heute mehr als früher, dass mit dem Tod alles vorbei ist und dass danach nichts mehr kommen wird.
    Das macht vielen das Sterben schwerer.

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    • Yulivee
    • 11. November 2011 13:50 Uhr

    "Es gibt aber nichts danach. Keinen Himmel und keine Hölle. Einfach gar nichts. Tot ist tot und da hilft auch keine Religion der Welt. Es ist einfach aus."

    Ich bin auch nicht spirituell und glaube nicht an Himmel oder Hölle, aber ausschließen kann es niemand, nicht mal Sie.

    • Gerry10
    • 11. November 2011 14:16 Uhr

    ...nicht weiter existieren, unterschreibe ich Ihren Kommentar gerne.
    Aber Energie kann niemals verloren gehen, sondern nur von einer Energieform in eine andere transformiert werden.
    Damit würde ich nicht ausschließen, dass etwas nach dem Tod passiert.
    Mein Leben würde aber deshalb nicht ändern oder gar darauf hoffen, und schon garnicht Angst vor dem Tod haben, weil das sowieso nichts bringt.
    Dem entkommt man ja schließlich nicht.

    Das es vielleicht lange dauert und dementsprechend Schmerzhaft sein könnte, davor muß ich gestehen, fürchte ich mich schon.

    Eins ist sicher, eines Tages finden wir es alle heraus.
    Oder, sollten Sie recht haben, auch nicht :-)

    • Yulivee
    • 11. November 2011 13:50 Uhr

    "Es gibt aber nichts danach. Keinen Himmel und keine Hölle. Einfach gar nichts. Tot ist tot und da hilft auch keine Religion der Welt. Es ist einfach aus."

    Ich bin auch nicht spirituell und glaube nicht an Himmel oder Hölle, aber ausschließen kann es niemand, nicht mal Sie.

    Antwort auf "Es ist einfach aus"
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    Was ist tod? Mit was identifizieren wir uns? Mit dem Körper, mit dem Geist usw.
    Wichtiger ist das WIE! Wie sterben wir? Bewusst oder unbewusst? Können wir unser sterben - wenn möglich - so bewusst und würdevoll gestalten? Gibt es Hilfe?
    Ich wünsche mir einen bewussteren und würde volle Sterbebegleitung für jeden der es will!!!

    • Gerry10
    • 11. November 2011 14:16 Uhr

    ...nicht weiter existieren, unterschreibe ich Ihren Kommentar gerne.
    Aber Energie kann niemals verloren gehen, sondern nur von einer Energieform in eine andere transformiert werden.
    Damit würde ich nicht ausschließen, dass etwas nach dem Tod passiert.
    Mein Leben würde aber deshalb nicht ändern oder gar darauf hoffen, und schon garnicht Angst vor dem Tod haben, weil das sowieso nichts bringt.
    Dem entkommt man ja schließlich nicht.

    Das es vielleicht lange dauert und dementsprechend Schmerzhaft sein könnte, davor muß ich gestehen, fürchte ich mich schon.

    Eins ist sicher, eines Tages finden wir es alle heraus.
    Oder, sollten Sie recht haben, auch nicht :-)

    Antwort auf "Es ist einfach aus"
  3. Und einen guten Tod gibt es durchaus.
    Und es ist auch sehr befriedigend zu wissen, dass man seinen Teil dazu beigetragen hat.

    Kurz vor ihrem 95. Geburtstag wurde meine Mutter mittags zum mal Durchchecken ins Krankenhaus eingeliefert. Nichts schlimmes, aber seit 14 Tagen so allgemeines Unwohlsein.

    Sie war lebensmüde im wörtlichen Sinne: müde von einem langen, ereignisreichen Leben. Wie in Fontanes Effi Briest: ja, bei der Gesellschaft kam noch dies und das, aber eigentlich nichts wichtiges mehr. Da klebt man nicht mehr am Leben und Angst hat man nicht vor dem Tod, sondern vor dem Sterben. Vor Schmerzen, insbesondere aber - vor der Entwürdigung durch die Apparatemedizin. Natürlich hatte Oma eine Patientenverfügung unterschrieben.

    Zwei, drei Stunden, nachdem meine Tochter uns' Oma mit Besorgungsaufträgen verlassen hatten, rief uns das Krankenhaus: kritischer Zustand. "Sie liegt schon im Koma, sie merkt nichts mehr" versicherten Arzt und Schwester - nein, das stimmte nicht. Eine Erfahrung, die Sterbebegleiter mir danach auch bestätigten: der Sterbende merkt im Zweifel alles. Sie schaute meine Tochter mit dem üblichen freudigen Ausdruck an, und als ich ihre Hand nahm und ihren Kopf hielt - "jetzt lass uns ihr gut hinüber helfen" - entspannte sie sich sicht- und fühlbar und die vorherige Schnappatmung machte ruhigen, flachen Atemzügen Platz. Nur als meine Tochter und ich uns abwechselten, war, sekundenlang ohne eine Hand, leichte Unruhe spürbar, die sofort wieder schwand.

  4. Das dauerte vielleicht 2 1/2 Stunden, entspannt und in völligem Frieden, bis sie, kurz und undramatisch, einen letzten heftigen Atemzug tat, schlicht und einfach friedlich eingeschlafen.

    So etwas muss man wirklich nicht fürchten.

    Händchenhalten? Oh ja, das ist das Wichtigste überhaupt. Denn alles was stirbt, ob Mensch oder Tier, ist vollkommen hilflos und jeder Tierarzt weiß, dass der einzuschläfernde Hund nichts mehr braucht als die Sicherheit und Geborgenheit bei Herrchen oder Frauchen; dann ist für ihn alles in Ordnung.

    Bei unseren Hunden ist uns das selbstverständlich. Und bei unseren Angehörigen meinen wir, das sei nicht so wichtig?

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    @Otla Pinnow: Vielen Dank für Ihre Stimme mit Herz, zwischen all den verkopften und wütenden Stimmen, die zu diesem Thema laut werden.

    Rappelkopf

  5. Gutes Gespräch!
    Palliativmedizin sollte mehr im Alltag präsent sein. Wenn wir uns mehr über Sterben und den Tod auseinandersetzen, werden wir uns automatisch mit unserem Leben bzw. wie wir leben, auseinandersetzen. Respekt vor dem Leben und dem Tod wird vordergründiger und ich hoffe, wichtiger!

  6. Was ist tod? Mit was identifizieren wir uns? Mit dem Körper, mit dem Geist usw.
    Wichtiger ist das WIE! Wie sterben wir? Bewusst oder unbewusst? Können wir unser sterben - wenn möglich - so bewusst und würdevoll gestalten? Gibt es Hilfe?
    Ich wünsche mir einen bewussteren und würde volle Sterbebegleitung für jeden der es will!!!

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