Maybrit Illner "Wir werden irrsinnig gut unterhalten"

Euro-Krise, Atomkrise, Parteienkrise – Maybrit Illner muss jede Woche den Weltuntergang moderieren. Wie, bitte, geht das?

DIE ZEIT: Frau Illner, wissen Sie eigentlich, wie viele Gäste Sie in 500 Sendungen hatten?

Maybrit Illner: Da muss ich mal rechnen, 500 mal im Schnitt fünf.

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ZEIT: Das sind wie viele Fragen?

Illner: Jetzt wird’s akrobatisch: 500 mal fünf mal fünf – oder mal acht oder mal zehn?

ZEIT: Und Sie ermüden nie?

Illner: Wir hatten jedenfalls noch keinen Talk-out! (lacht) Wir sind in den letzten zwölf Jahren, hässlich formuliert, irrsinnig gut unterhalten worden durch diese Welt. Es ist immer so viel passiert, dass wir nie ohne Gesprächsstoff, nie ohne Thema, nie ohne Gäste waren, an die wir Fragen hatten. Die Welt hat uns nicht enttäuscht.

Maybrit Illner

Am Freitag, dem Tag nach ihrer 498. Sendung, empfängt die Moderatorin Interviewer lieber ohne Fotografen. Vier Stunden Schlaf mussten reichen, da kann man auf Blitzlicht gut verzichten. Die Redaktionsbüros unweit des ZDF-Studios Berlin sind verwaist. Kein Assistent, keine Sprecherin begleitet Maybrit Illner, den Kaffee für sich und die Gäste zapft sie selber aus dem Automaten in der Hinterhofküche. 

Die 500. Sendung

Am 17. November um 21.45 Uhr läuft ihre 500. Sendung. Als sie 1999 mit ihrer Polit-Runde »Berlin Mitte« begann, war Hans Eichel Finanzminister, und es gab noch eine Gewerkschaft namens ÖTV. Längst heißt die Sendung wie ihr Star – und der pflegt eine Aura lässiger Bodenständigkeit. Dabei ist Illner neben Kanzlerin Merkel wohl die sichtbarste Ostdeutsche im Land. 1965 in Berlin geboren, machte sie ihr Volontariat in der Sportredaktion des DDR-Fernsehens. Ihr Aufstieg im ZDF begann 1992 beim »Morgenmagazin«. Damals musste sie um halb drei aufstehen, heute kommt sie um die Uhrzeit erst ins Bett

ZEIT: Seit gefühlt 200 Sendungen machen Sie Talkshows über Krisen, die Finanzkrise, die Guttenberg-Krise, die FDP-Krise, die Atomkrise, die Euro-Krise. Können Sie eigentlich noch ohne?

Illner: Wir sind auch ohne Krise schon ganz gut zurechtgekommen. Aber klar, die permanenten Krisen verändern auch uns.

ZEIT: Wenn es einen Trend gibt in diesen zwölf Jahren, welcher ist das?

Illner: Die große Linie wäre: Die Auseinandersetzungen der Parteien untereinander sind immer unwichtiger geworden. Vor zwölf Jahren bestand unser Ehrgeiz noch darin, fünf bedeutende Politiker in der Sendung zu versammeln – das war spannend genug in rot-grünen Zeiten. Heute ist das »altes Denken«. Heute diskutieren wir über viel extremere, vielfältigere Ansichten, einfach weil die Gäste nicht mehr alle aus dem Polit- und Funktionärsmilieu kommen. Es gibt ja auch Nebenöffentlichkeiten oder außerparlamentarische Bewegungen: von Stuttgart 21 bis Occupy!

ZEIT: Dafür sitzen aber doch immer noch ziemlich viele altbekannte Gesichter da.

Illner: Das wird immer so gesagt. Aber wir haben einfach auch richtige Entdeckungen gemacht, Leute, die vorher kein Schwein gekannt hat.

ZEIT: Zum Beispiel?

Illner: Nehmen Sie den Steuerberater in Passau, der beschlossen hat, keine Steuern mehr zu zahlen, um so gegen den Rettungsschirm zu protestieren. Oder wir haben zu einer Pflegesendung eine 100-Jährige aus der Eifel eingeladen. Die hatte von ihren zwei 70-jährigen Söhnen gerade einen Computer geschenkt bekommen. Und dann sagt die 100-Jährige: Ins Altenheim werde sie nie gehen, da werde ja immer nur über die Vergangenheit geredet! Wir laden Alleinerziehende ein, Wissenschaftler mit neuen Ideen, Bürgermeister mit alternativen Plänen, die sie längst umsetzen. Da ist wirklich die bunte Republik Deutschland in unserer Sendung.

ZEIT: Ist Ihr Job leichter geworden, weil es in komplizierten Zeiten darauf ankommt, wieder die einfachen Fragen zu stellen?

Illner: Ja, meine Rolle wurde klarer dadurch: Ich musste nicht mehr in die Verästelungen parteipolitischer Debatten einsteigen. Ich kann jetzt sagen: Das habt ihr als Politiker gewollt, hier sitzt das Volk und sagt euch mal, wie eure guten Absichten bei denen ankommen, für die sie gedacht sind.

ZEIT: Und im gleichen Maße, wie die Arbeit für Sie als Moderatorin leichter geworden ist, haben es Politiker heute schwerer?

Illner: Absolut. Ich glaube, von den Politikern ist niemand zu beneiden. Sie sind Getriebene von Prozessen, die sie nicht mehr bis zum Ende übersehen können. Insofern ist die Verantwortung der Politiker überproportional gewachsen im Vergleich zu ihren nationalen Möglichkeiten. Und die Klugen unter ihnen machen daraus keinen Hehl, weil es ohnehin jeder sehen kann.

Leser-Kommentare
  1. " Maybrit Illner: Da muss ich mal rechnen, 500 mal im Schnitt fünf.
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    ZEIT: Das sind wie viele Fragen?
    Illner: Jetzt wird’s akrobatisch: 500 mal fünf mal fünf – oder mal acht oder mal zehn? "

    [...]

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  2. Entfernt. Bitte setzen Sie sich argumentativ mit den Inhalten des Artikels auseinander statt Verdächtigungen und Spekulationen anzustellen. Danke. Die Redaktion/mo.

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    Antwort auf "500 x 8 ?"
  3. Top, die Frau.

    • jagu
    • 16.11.2011 um 3:22 Uhr

    Da wird dem Bürger vorgespiegelt, als würde in staatlichen Medien heute offen diskutiert werden dürfen.

    Gegenprobe: Man braucht sich nur ansehen, welche Moderatoren dieses Spiel nicht mitmachen wollten und warum.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Talkshows entsprechen den Mustern der Propaganda und der Volksverdummung. Das gibt es in allen Systemen.

    Wenn das Volk so etwas annimmt oder zuläßt, muss es auch die Folgen tragen.

    Manches Mal sind diejenigen am besten für Propganda geeignet, welche in Sachen Propganda auf Erfahrungen verweisen können.

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    Warum sprechen Sie es nicht aus? Vielleicht versteht ja nicht jeder, dass Sie auf Maybrit Illners ostdeutsche Vergangenheit anspielen. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

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  5. Warum sprechen Sie es nicht aus? Vielleicht versteht ja nicht jeder, dass Sie auf Maybrit Illners ostdeutsche Vergangenheit anspielen. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

  6. dann hätten wir eine Behörde weniger in Deutschland.

    Müssen wir uns nach einem Arbeitstag nur von solchen
    Talk-Show-Verblödungen bedudeln lassen.

  7. Ihre Überschrift bringt es auf den Punkt: Es geht um Entertainment, nicht um Information.

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