Reenactment in Minden : "Jeder Knopf stimmt"

In Minden hat sich einiges abgespielt – auch eine große Schlacht. Jetzt wird sie von Laiendarstellern penibel in Szene gesetzt. Stefanie Hahlbohm erklärt korrektes "Reenactment"
Mindener Alltag anno 1761 – nachgespielt 2011. © Minden Marketing

DIE ZEIT: Frau Hahlbohm, wie spricht man Sie korrekt an, wenn Sie bei der Arbeit sind?

Stefanie Hahlbohm: Freifrau Luise Sophie Wilhelmine von der Horst.

ZEIT: Oha!

Hahlbohm: Die Freifrau ist eine Adelige, die im 18. Jahrhundert hier in dieser Gegend um Minden in Westfalen gelebt hat – und mein Alter Ego beim Reenactment. Es gibt eine große, internationale Szene von Leuten, die sich in ihrer Freizeit treffen, um Szenarien aus unterschiedlichen Geschichtsepochen möglichst authentisch nachzuspielen.

ZEIT: Wie sind Sie selbst dazu gekommen?

Hahlbohm: Ich habe Geschichte studiert und jahrelang im Preußenmuseum Minden Besucher herumgeführt. Gleichzeitig liebe ich es, vor Publikum aufzutreten und mir selbst Kleider zu schneidern. Reenactment ist eine perfekte Kombination aus diesen drei Leidenschaften. Und vor einem Jahr habe ich mein Hobby dann zum Beruf gemacht.

Stefanie Hahlbohm

Laiendarstellerin Stefanie Hahlbohm (41) alias Freifrau Luise Sophie Wilhelmine von der Horst.

ZEIT: Wie kam das?

Hahlbohm: Die Stadt Minden organisiert unter dem Titel »Geschichte neu erleben in NRW – Minden 2011–2014« eine ganze Reihe von Veranstaltungen, von inszenierten Stadtführungen über Märkte bis zu großen Darstellungen historischer Ereignisse. Wir wollen, dass Besucher die Geschichte der Stadt auf diese Weise noch unmittelbarer nachempfinden können, in einer Art lebendigem Museum.

ZEIT: Und wo kommen Sie ins Spiel?

Hahlbohm: Meine Aufgabe ist es, die Verbindung zwischen Stadtmarketing und Reenactment-Szene herzustellen – immerhin sind an Rekonstruktionen wie der berühmten Schlacht bei Minden im Jahr 1759 mehr als 800 Laiendarsteller beteiligt.

ZEIT: Im Siebenjährigen Krieg sind bei dieser Schlacht rund 50.000 Soldaten gestorben. Ist es nicht geschmacklos, ein solches Gemetzel zum Familienevent zu machen?

Hahlbohm: Nein, wieso? Es fließt kein Blut, nicht einmal Kunstblut, es wird auch niemand vom Pferd gestoßen, obwohl Pferde natürlich mitspielen. Man hört Kanonendonner, Rauch steigt auf, das schon. Und trotzdem blenden wir die brutale Realität des Krieges nicht aus. In einem Lazarettzelt kann man sich anschauen, wie Verletzungen damals behandelt wurden. Geschichte ist eben nicht nur eitel Sonnenschein.

ZEIT: Werfen Sie sich als Freifrau denn auch mit einem Schwert ins Gefecht?

Hahlbohm: Nein, Luise kämpft nicht. Im Übrigen wird die Schlacht erst in drei Jahren aufgeführt, bisher gab es nur einen Testlauf. Unterdessen bespielen wir die Mindener Altstadt zu verschiedenen Anlässen mit Alltagsszenen. Besucher werden Zeuge, wie sich die Marktweiber um den besten Standplatz streiten, wie ein Barbier mit seinem herrschaftlichen Kunden über den Preis einer neuen Perücke feilscht. Im August haben Handwerker aus ganz Europa hier vor dem Rathaus Kleider, Schmuck, Bücher, Rüstungen, Geschirr und Möbel aus unterschiedlichen Epochen verkauft. Akrobaten und Jongleure sind aufgetreten...

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

ohne Titel

"Der Hang zu Historienspielen ist sehr ausgeprägt. Das zeigt die Probleme der Menschen mit Ihrer aktuellen Situation umzugehen."

Wirklich? Das ist die einzig mögliche Erklärung? Können Sie das irgendwie belegen oder wenigstens einleuchtend begründen?

Ich wohne übrigens 450 Kilometer von Minden weg und habe schon häufiger von dieser Veranstaltung gehört. Dass die Stadt nicht zu empfehlen sei, ist Ihre subjektive Meinung. Das hätten Sie durchaus etwas deutlicher markieren können. Ich finde jedenfalls, dass der Dom und die Altstadt sehr sehenswert sind.

Warum die Bezeichnung für die Beschäftigung mit einer Epoche zwingend aus ebenjener Epoche stammen müsse, hab ich ehrlich gesagt nicht ganz verstanden. Meine Vermutung ist, dass viel mehr als kurzsichtige und reflexartige Anglizismuskritik wohl nicht dahinterstecken wird.

Minden an sich ....

ist eine relativ altbackene "Beamtenstadt", allerdings mit dem Vorteil, dass der Stadtkern wegen seiner Bedeutungslosigkeit vom 2. WK realtiv verschont blieb.

Die City ist mittlerweile leer, es werden unnütze und teure Projekte gestartet, die dann doch wieder verworfen werden, während die Leerstände immer mehr zunehmen.

Sicherlich gibt es für Touristen ein paar Punkte, die man sich ansehen kann, zum wohnen und einkaufen ist Minden aber wie gesagt nicht zu empfehlen. Ist aber mein subjektiver Standpunkt.