DIE ZEIT: Es gibt alarmierende neue Strahlenwerte rund um Fukushima. Im Reaktor 2 soll es in diesen Tagen wieder Anzeichen für eine unkontrollierte Kernspaltung geben. Sagt Japans Regierung auch heute, acht Monate nach der Nuklear-Katastrophe, den Menschen noch immer nicht die Wahrheit?

Kenichi Mishima: Die radioaktive Belastung der Menschen hat ein unvorstellbares Ausmaß. Die Regierung – beziehungsweise die Ministerialbürokratie, die de facto Japan regiert – hat noch nicht den Mut aufbringen können, selbst der Wahrheit ins Gesicht zu blicken.

ZEIT: Ist das Vertrauen in die Regierung erschüttert?

Mishima: Ja, das Vertrauen ist stark beschädigt. Bei der einfachen Bevölkerung allerdings gibt es immer noch ein gewisses Vertrauen in den Staat. Die Leute erwarten vom Staat beispielsweise Zahlen zur Strahlenbelastung: Wie viel Becquerel, wie viel Millisievert darf man abbekommen? Statt dass sie selber recherchieren. Es gibt ja genug Informationen; in der Zeitung, im Internet, überall kann man nachgucken.

ZEIT: Wie autoritätsgläubig ist die Mehrheit der Japaner?

Mishima: Richtig kritisch im deutschen pädagogischen Sinn ist ein Großteil der Nation nicht. Aber so autoritätsgläubig, wie man früher in Deutschland war, sind die Japaner auch nicht. Es gibt eher so ein Misstrauen, eine Intuition, dass sich der Staat um die Interessen der Bürger nicht richtig kümmert. Dass am Ende immer nur eine schmale Elite oben bleibt. Dieses Misstrauen gegenüber der Obrigkeit geht einher mit einem gewissen Fatalismus: Wir sind auf uns selbst angewiesen, wir müssen uns letztendlich allein durchschlagen. Unmerklich schleicht sich ein Rehabilitierungsdiskurs für die Kernenergie ein.

ZEIT: Welche Rolle spielten die Medien?

Mishima: Da muss man differenzieren, je nach Zeitung, nach Fernsehkanal, nach einzelnen Artikeln und Programmen. Wenn man unsere Süddeutsche Zeitung, die linksliberale Asahi Shimbun, beim Morgenkaffee von der ersten bis zur letzten Seite las, dann konnte man vom ersten Tag an alles über Fukushima erfahren – trotz des beschwichtigenden Tenors auf der ersten Seite. Auch im Internet. Schlimm war das Fernsehen, vor allem der staatliche Sender NHK.

ZEIT: Gibt es in Japan eine Debatte über das, was Ulrich Beck die Risikogesellschaft genannt hat?

Mishima: Nein, der Begriff Risikogesellschaft hat sich bei uns nicht durchgesetzt, obwohl Ulrich Beck schon seit Jahren in Übersetzung vorliegt. Das Vertrauen in die Großtechnologie ist bei uns aus traditionellen Gründen größer als in Deutschland. Das ist wie bei den Franzosen, die haben auch eine gewisse Wissenschaftsgläubigkeit, wie zum Beispiel bei Condorcet. Die deutsche Aufklärung, die teilweise verbunden war mit der protestantischen Theologie, war von Anfang an modernisierungsskeptisch. Diese Tradition hat es bei uns natürlich nicht gegeben; Japan hat sich im 19. Jahrhundert verhältnismäßig spät dem Westen angeschlossen. Dabei ging es von Anfang an nicht so sehr um Demokratie und Menschenrechte, sondern um Kanonen und Kanonenboote, also um eine militärische Modernisierung.