SystemkritikKapitalismus in der Reichtumsfalle

Mehr Schulden statt mehr Wohlstand – das Wirtschaftssystem, wie wir es kennen, funktioniert nicht mehr gut. Warum es sich lohnt, nach Alternativen zu fragen. von 

Unter Reichen: Der "Rolls-Royce Hamptons Brunch" im US-amerikanischen Watermill

Unter Reichen: Der "Rolls-Royce Hamptons Brunch" im US-amerikanischen Watermill  |  © Michael Loccisano/Getty Images

Viele Tausend Jahre vor Beginn der großen Finanzkrise lebte in der Wüste Kalahari in Südwestafrika das Volk der !Kung*. Zähe, klein gewachsene Männer und Frauen waren das, die Antilopen und Zebras mit vergifteten Pfeilen töteten. Bevor sie das Fleisch aßen, verteilten sie es. Die Beute des einen gehörte auch den anderen, so war das bei den !Kung.

Anfang der 1980er Jahre lebten die !Kung noch immer in der Kalahari. Auch sonst hatte sich dort wenig verändert. Der Rest der Welt hatte das Auto, die Atombombe und den Aktienhandel erfunden. Die !Kung schossen noch immer ihre Pfeile ab. Noch immer waren sie es gewohnt, zu teilen. Aber nicht mehr lange.

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Wenig später meldete ein amerikanischer Anthropologe gravierende Neuigkeiten aus den Dörfern der !Kung. Die Jäger blieben zu Hause, die Hütten standen jetzt so, dass die Nachbarn nicht mehr hineinsehen konnten, fast jede Familie hatte sich eine Kiste angeschafft, in der sie ihr Eigentum aufbewahrte. An den Kisten hingen Schlösser.

Was genau war geschehen?

Nicht viel. Die Regierung von Botswana hatte begonnen, Handel mit den !Kung zu treiben. Die Marktwirtschaft war in die Kalahari gekommen, ein kleines, bis dahin überaus genügsames Volk hatte Gefallen am Eigentum gefunden, das war alles.

Für die !Kung war es der Anfang vom Kapitalismus . Für uns war es der Anfang vom Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen.

Infografik Wirtschaftssystem
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Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Um das zu verstehen, hilft es, ein Bild heranzuziehen, das der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter im Jahr 1942 kreierte, um das Wesen des Kapitalismus zu beschreiben. Es ist das Bild der Maschine. Ein durchaus passendes Bild, war der Aufstieg der Marktwirtschaft doch untrennbar mit technischen Erfindungen verknüpft, mit Dampfmaschinen, Lokomotiven, Hochöfen, Fließbändern. Da liegt es nahe, das ganze System als eine einzige große Maschine zu begreifen. Eine Maschine, die Dinge erzeugt, immer mehr davon, von Jahr zu Jahr.

Der Durchschnittsdeutsche von heute besitzt: Fernseher, Bücher, Möbel, Digitalkamera, Elektroherd, Waschmaschine, Mobiltelefon, Auto, Computer. Insgesamt: 10.000 Gegenstände. Die Maschine war ziemlich erfolgreich.

Damit sie weiterlaufen kann, damit die Unternehmen weitere, neue Dinge produzieren, brauchen sie Menschen, die sie ihnen abkaufen. In diesem Sinne bekam die große Maschine Ende der achtziger Jahre neuen, ungeahnten Schwung. Nach dem Mauerfall breitete sich der Kapitalismus rund um die Welt aus, bis in den letzten Winkel Osteuropas, Asiens, Afrikas, und überall fand er: neue Märkte. Er kam zu den Ukrainern und Rumänen, Indern und Chinesen, Vietnamesen und Kambodschanern. Und zu den !Kung.

Seit seiner Entstehung in den Industrieländern Europas und Nordamerikas hat sich der Kapitalismus in mehreren Schüben um den Globus verbreitet. Immer waren diese Expansionsphasen mit hohem Wirtschaftswachstum verbunden. Nun, da die Marktwirtschaft endgültig gesiegt hatte, war es keine Überraschung, dass die kapitalistische Maschine in den Industrieländern erneut auf Hochtouren lief. Dass die Wirtschaft so stark wuchs wie nie zuvor.

Besser gesagt: Es wäre keine Überraschung gewesen. Aber es ist nicht geschehen. Das Gegenteil ist eingetreten, etwas Seltsames, völlig Unerwartetes: Die kapitalistische Maschine der großen Industrieländer funktioniert nicht mehr richtig.

Leserkommentare
    • Xdenker
    • 13. November 2011 17:34 Uhr

    Es gibt Situationen, in denen Menschen auf das Bitterste erfahren müssen, etwas verloren zu haben, von dem sie nicht wussten, dass sie es besaßen.

    Der wertvollsten "Güter" ist man sich oft am wenigsten bewusst. Irgendwie schade.

    (Komisch. Jetzt kommt mir gerade wieder das Wort von der spätrömischen Dekadenz in den Kopf.)

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    • TDU
    • 13. November 2011 17:36 Uhr

    Ohne Wachstum gibt es keine dauernde Versorgung. Denn kommt jemand dazu, wäre man aufs Teilen angewiesen. Bei gleichbleibender Menge würde das zu Teilende immer kleiner, bis nichts mehr zu verteilen wäre.

    • xy1
    • 13. November 2011 18:21 Uhr

    "die Menschen durch die Landschaft laufen konnten ohne das alles voll war von Zäunen, Straßen, Fabriken und Bürokraten"
    Wenn Sie nur mit einem Fell bekleidet durch die Gegend laufen wollen, mit der Gefahr dass Ihnen jemand dieses rauben will - bitte schön - ist Ihre Wahl.
    Ich fühle mich besser wenn mich das Gesetz einigermassen schützt und ich in einer warmen Wohnung sitzen kann.
    Heine war ein hervorragender Lyriker, hier hat er leider Unrecht. In einem späteren Werk (weiss nicht mehr welches) schreibt er " Metternich hat mir wohl das Porzellan in den Schrank gestellt, weshalb ich mich jetzt vor Revolutionen fürchte" (Zitat aus dem Gedächtnis).

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    aber das war nicht mein Punkt. Mein Punkt war auch nicht der andere Schwachsinn den Sie mir unterstellen. Ich wollte lediglich sagen, dass es damals freiheitlicher war. Das können Sie nicht ernsthaft bestreiten. Ob es damals BESSER war darüber habe ich bewusst nichts gesagt das kann ich auch gar nicht wissen, weil ich da noch nicht gelebt habe die Lebenserwartung war jedenfalls kürzer :)
    Auch Heine hat nicht gesagt, dass es besser war sondern er hat nur zu Recht dargestellt, dass auch unser modernes Zivilrecht einen Preis hat.
    Sie sollten sich auch darüber im klaren sein, dass wir auch ohne Gesetze nicht frei von Regeln, Mitgefühl etc leben würden, genau wie es bei Tieren auch Regeln gibt zB ist es sehr ungewöhnlich, wenn Mitglieder derselben Art sich gegenseitig töten da ist der Mensch eher die negative Ausnahme (aber man kann sich natürlich darüber streiten woran das liegt). Menschen sind durch die Evolution zu extrem sozialen Wesen geworden weil das unsere einzige Chance zu überleben war und aus meiner Sicht ist es so, dass unser Herrschafts- und Rechtssystem seit Jahrtausenden (Sesshaftigkeit/Eigentum) unser Sozialverhalten untergraben hat. Damit will ich aber nicht sagen, dass wir unser Rechtssystem abschaffen sollten. Ich bin selbst Jurist und lebe davon. Alles im Leben hat seinen Preis auch vermeintliche (!) Sicherheit, Eigentum und das ganze Rechtssystem aber vielen ist gar nicht klar was der Preis ist aber man sollte ihn kennen, wenn man bessere Lösungen finden will.

  1. 300. Bevor wir

    den Kapitalismus verteufeln, sollten wir ihn vielleicht erst einmal ausprobieren. Zur Zeit leben wir in einer Kleptokratie.

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    • Xdenker
    • 13. November 2011 18:29 Uhr

    "Über den Kapitalismus könnte man ganze Abhandlungen schreiben, um seine Gefährlichkeit aufzuzeigen. Es gibt aber Literatur, Bücher und Medienberichte en masse zur Schädigung der Völker durch den Kapitalismus - hat es was genützt?"

    Der Kapitalismus ist, was entsteht, wenn man den Menschen die Freiheit des Wirtschaftens lässt.

    Leider gibt es immer Menschen, die Freiheit für gefährlich halten. Deshalb trachten sie mit aller Gewalt danach, die Freiheit der Anderen einzuschränken. Entweder aus purem Egoismus oder aus "tief empfundener Sorge" um die Menschheit, weil die sich ja was Schlimmes antun könnte, wenn sie, die selbsternannten Retter und Freiheitsräuber, sie nicht davor behüteten.

    Ja, Freiheit ist unbequem. Sie bedeutet, sich entscheiden zu dürfen (ein Ent_Scheiden von der Vormundschaft), aber auch Verantwortung übernehmen zu müssen (mag nicht jeder). Sie bedeutet, aktiv sein zu dürfen, aber auch selbständig handeln zu müssen (mag auch nicht jeder). Und es gibt eine Menge Leute, die ihre Freiheit missbrauchen (ist menschlich). Ich kann daher sehr gut akzeptieren, dass Freiheit Spielregeln und Grenzen braucht. Aber ich werde niemals hinnehmen, wenn Menschen versuchen, die Freiheit anderer abzuwürgen - z.B. weil sie selbst nichts damit anzufangen wissen.

    Übrigens, weil Ihnen sowas offenbar wichtig erscheint: Zu "Freiheit" finden Sie bei Google ungefähr 39,8 Millionen Verweise.

    Eine Leserempfehlung
  2. Wie Herr Schäuble sagte, darf jede/r darein investieren worein er will. Das könnte eines der Systemprobleme sein. Gemessen an Ressourcenknappheit, Energieverbrauch, CO2-Ausstoß, Populationszuwachs, Nahrungsmittelbedarf und Erhaltung von Wäldern wird sich die Produktionslandschaft drastisch umstellen müssen. Die Frage ist also nicht mehr ob konsumiert wird sondern was, wo und wie das organisiert wird. Langfristig wird es umfassende politische Konsequenzen geben, denke ich und daher kann ich nur empfehlen jetzt schon mal die Konzepte zu entwickeln, wie das aussehen mag, auszurechnen welche Maßnahmen wo ergriffen werden und zu überlegen wie das regional jeweils organisiert wird. Dementsprechend finde ich die Homogenisierung von Rechts- und Wirtschaftsräumen wie der EU nicht unwichtig und am besten in Abstimmung mit den weiteren Wirtschaftsräumen. Und irgendwann könnte das auch dazu führen, dass sogar der Individualverkehr komplett anders organisiert ist und sogar Flüge teurer werden.

  3. >>Die Frage ist im Grunde einfach zu beantworten, wenn es um die Grundbedürfnisse Essen und Wärme (im Norden wichtiger) geht und beides nur an der Mangelgrenze befriedigt wird.<<

    Etwas über der Mangelgrenze sollte es schon sein ;-)
    Aber, Ja: generell müssen wir unterscheiden zwischen Bedürfnissen, Notwendigkeiten und dem ganzen Rest, das wäre dann meistens sinnloser Konsumschrott.

    Da wären also Kleidung und Nahrung (in ausreichender Menge und Qualität). Ein Dach über dem Kopf, das man beheizen kann und durch das es nicht reinregnet.
    Kostenfreie(!) Gesundheitsversorgung auf einer technisch angemessenen Stufe, Verfügbarkeit kostenloser(!)Bildung bis einschließlich zur akademischen Stufe. Denn nur gesunde Menschen sind auch potentiell glücklich und nur gebildete Menschen werden dabei helfen können, eine neue Gesellschaft aufzubauen und dabei weniger Kinder bekommen.
    Das wäre die menschliche Grundversorgung, wie ich sie mir vorstelle. Alles weitere fällt entweder unter nützlich oder eben nicht, kommt drauf an. In einer Stadt mit entsprechenden Nahverkehrssystemen z.B. ist ein individuelles Transportmittel sinnloser Luxus.

    >>Es fragt sich, ob diese Konsumgüter vom allgemeinen Wirtschaftskreislauf getrennt gesehen werden können.<<

    Wir müssen es getrennt sehen. Alles andere ist indiskutabel. Niemand 'braucht' 20 Autos, 10 Häuser in 10 Bundesstaaten oder 8 Luxusyachten. Wir brauchen auch keine 15 Sorten dramatisch unterschiedlicher Cornflakes im Supermarktregal. Das ist Nippes.

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    • Xdenker
    • 13. November 2011 19:53 Uhr

    Aber keiner soll es müssen.

    Leute, die meinen, selbstherrlich bestimmen zu dürfen oder gar zu müssen, was andere zu brauchen oder nicht zu brauchen haben, sind mir suspekt. Vielleicht vermissen sie nur etwas ...

    Der Asket

    Im Hochgebirg vor seiner Höhle
    Saß der Asket;
    Nur noch ein Rest von Leib und Seele
    Infolge äußerster Diät.
    Demütig ihm zu Füßen kniet
    Ein Jüngling, der sich längst bemüht,
    Des strengen Büßers strenge Lehren
    Nachdenklich prüfend anzuhören.
    Grad schließt der Klausner den Sermon
    Und spricht: »Bekehre dich, mein Sohn!
    Verlaß das böse Weltgetriebe.
    Vor allem unterlaß die Liebe,
    Denn grade sie erweckt aufs neue
    Das Leben und mit ihm die Reue.
    Da, schau mich an. Ich bin so leicht,
    Fast hab' ich schon das Nichts erreicht,
    Und bald verschwind' ich in das reine
    Zeit-, raum- und traumlos Allundeine.«
    Als so der Meister in Ekstase,
    Sticht ihn ein Bienchen in die Nase.
    Oh, welch ein Schrei!
    Und dann das Mienenspiel dabei.
    Der Jüngling stutzt und ruft: »Was seh' ich?
    Wer solchermaßen leidensfähig,
    Wer so gefühlvoll und empfindlich,
    Der, fürcht' ich, lebt noch viel zu gründlich
    Und stirbt noch nicht zum letztenmal.«
    Mit diesem kühlen Wort empfahl
    Der Jüngling sich und stieg hernieder
    Ins tiefe Tal und kam nicht wieder.
    (Wilhelm Busch)

    • Xdenker
    • 13. November 2011 18:46 Uhr

    Alles, was ich Ihnen dazu zu schreiben habe, habe ich geschrieben.

    Antwort auf "So einfach ist das?"

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