Geschätzte 8.000 bis 12.000 Euro, das ist viel Geld für das Bild eines Sonnenuntergangs, zumal niemand weiß, wer der Maler ist. Auf Bütten wurde es gemalt, es ist kleiner als eine DIN-A4-Seite und stammt nicht etwa aus Renaissance oder Barock, sondern aus dem Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts. Deutsche Malerei aus dieser Zeit wird, verglichen mit der französischen Malerei und erst recht mit der zeitgenössischen Kunst , nicht gerade hoch gehandelt. Das möchte nun Florian Illies, ehemals Mitarbeiter der ZEIT , jetzt Mitgesellschafter des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach, dringend ändern. Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts, vor allem die Dresdner Romantik, soll endlich höher geschätzt werden – auch im Preis.

In den vergangenen Monaten hat Illies viel Zeit damit verbracht, den Maler des oben genannten Sonnenuntergangs zu finden. Ein Mann mit Zylinder und Gehstock steht einsam auf einer Anhöhe und schaut in eine wahrhaft malerische Landschaft, Büsche, Bäume und Berge rahmen ihn ein, die Sonne geht am Horizont hinter schmal gezogenen Wolken unter: Das Bild lässt an die Dresdner Romantiker denken, an Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus oder Johan Christian Dahl. Oder zumindest an deren Umfeld. Illies hat die Literatur befragt und ist zu den einschlägigen Kunsthistorikern gereist, um das Bild einem der namhaften Künstler zuschreiben zu können. Es ist ihm bisher nicht gelungen, und dennoch prangt das Bild von dem einsamen Wanderer in der sich verdunkelnden Landschaft jetzt auf dem Cover des Katalogs für die allererste Auktion , die das Auktionshaus Grisebach für die sogenannte »Kunst des 19. Jahrhunderts« veranstalten wird (am 23. November).

Bisher war Grisebach vor allem auf die Künstler der klassischen Moderne, auf das frühe 20. Jahrhundert, spezialisiert. Und auch in der Abendauktion vom 24. November, mit der das Auktionshaus übrigens sein 25-jähriges Bestehen feiert, gibt es wieder Gemälde von Kirchner, Pechstein und Schmidt-Rottluff im Angebot – zu den teuersten Losen zählen ein recht langweiliges Sonnenblumenbild von Nolde (untere Taxe: 1,2 Millionen Euro) und eine Zirkusszene mit einem hinreißend seinen Rüssel schwenkenden Elefanten von Max Beckmann (700.000 Euro).

Da spielt die Kunst in der Auktion zum 19. Jahrhundert in einer anderen Preisliga, einer Liga mit bis zu drei Stellen weniger vor dem Komma. Ein Franz Ludwig Catel zugeschriebenes »Künstlerbildnis« um 1810 soll etwa 14.000 Euro kosten, ein fein gearbeitetes Panorama des Forum Romanum (1830) von Friedrich Nerly wird auf 50.000 Euro geschätzt. Noch günstiger sind die zahlreichen reizvollen Landschaftsstudien, die Illies zusammengetragen hat und die zum Charakteristikum dieser neuen Auktionssparte bei Grisebach werden könnten. Da ist etwa Carl Blechens winzige, knapp acht mal neun Zentimeter große Ansicht von Terracina, mit Öl anscheinend recht rasch, aber mit Strahlkraft aufs Papier gepinselt. Verkaufen ließ sich ein solches Format zu Lebzeiten des Künstlers wohl schwer, wahrscheinlich, so mutmaßt der Experte, verschenkte Blechen solche Miniaturen. Ein Blick über abendliche Felder auf ein Gehöft von Carl Gustav Carus soll immerhin 60.000 Euro kosten, eine Bayerische Voralpenlandschaft von Johann Georg von Dillis 9.000 Euro und eine Baumstudie von Christian Friedrich Gille 8.000 Euro. Zu den erstaunlichsten Losen gehört eine Ölstudie des bisher nicht übermäßig bekannten Carl Hummel: Der Weimarer Künstler hat eine Baumgruppe skizziert und dann auch fein das Blätterwerk gemalt, doch ist die Studie unvollendet, abrupt bricht die Farbe ab, knapp die Hälfte der Leinwand bleibt weiß. Hatte der Mann keine Lust mehr? Hatte er ein besseres Motiv gefunden? Das »infinito« lässt das Bild jedenfalls weitaus moderner, rätselhafter und stärker wirken als die ausgemalten Ölgemälde Hummels.

Es sind nicht viele kapitale Stücke versammelt in dieser ersten Auktion – das Dorotheum in Wien etwa, das sich schon seit Langem einen Sammlerkreis für das 19. Jahrhundert aufgebaut hat, versteigerte im Oktober ein großformatiges Gemälde von Catel für gut 300.000 Euro und eine neapolitanische Szene von Carus für 150.000 Euro (beides inklusive Aufgeld). Und bei Lempertz in Köln gibt es am 19. November eine auf 200.000 Euro geschätzte Gewitterstimmung (1836) von Ludwig Richter zu ersteigern.

Wohltuend und geschmacksbildend wirkt allerdings bei Grisebach der weitgehende Verzicht auf biedere Genredarstellungen, auf die im Teich schwimmenden Enten und den religiösen Kitsch, der die Kataloge von so manch anderem Auktionshaus bevölkert. Auch der Camp der akademischen Malerei fehlt fast vollkommen – mit einer Ausnahme: Carl Gussows fast schon fotorealistisch gemalte Frau vor blauem Himmel, eine Bronze-Figur haltend von 1877 (12.000 Euro). Mutig ist der Verzicht auf all das, weil sich die Enten und die steif lächelnden Bäuerinnen normalerweise recht gut verkaufen lassen. Der Verzicht ist so couragiert wie die Schätzung von 8.000 Euro für das unsignierte Bild eines Sonnenuntergangs.