Seit Monaten verfolge ich die Nachrichten über die Euro-Wirtschafts-Schuldenkrise . Ich lasse keine Talkshow aus. Ich lese jeden Artikel. Inzwischen ist mir klar, dass es mir Spaß macht. Es macht mir Spaß, mir vorzustellen, dass eine Monsterinflation kommt, dass alles zusammenbricht, dass wir vor einem Armageddon der Weltwirtschaft stehen. Ich war richtig enttäuscht, als die Staatschefs sich über den Schuldenschnitt für Griechenland geeinigt haben. Ich las: "Börsen feiern Happy End für den Euro." Ich dachte: Irgendwie schade.

Die moralische Verwerflichkeit meiner Gefühle ist mir klar. Der Mensch ist offenbar nicht von Natur aus gut. Ich habe es immerhin im Griff, ich würde, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, nicht auf den Auslöserknopf für den Zusammenbruch der Weltwirtschaft drücken. Vermutlich nicht. Aber ich würde denken: Irgendwie schade.

Der Fachbegriff lautet "Angstlust". Der Mensch braucht Angst, wie Essen und Trinken. Angst sorgt dafür, dass man wegläuft, wenn ein Tiger oder ein Tsunami sich nähert. Nach meiner privaten Theorie funktioniert die Angst wie ein Muskel, sie muss von Zeit zu Zeit trainiert werden. Sonst würde die Angst nicht funktionieren, sie wäre so schlapp wie eine seit Wochen nicht gegossene Zimmerlinde, wenn man sie wirklich einmal braucht. Und damit man die Angst fleißig trainiert, muss die Angst wohl auch ein bisschen Spaß machen.

Ich gehöre zu einer Generation, der nie Schlimmes zugestoßen ist. Aber ich habe prächtige Ängste miterleben dürfen. Die Angst vor dem Atomkrieg – ein Superknaller. Den Film The Day After lasse ich bei keiner Wiederholung im Fernsehen aus. Die Angst vor der Ökokatastrophe gibt es ja in den verschiedensten Varianten, Waldsterben, Klima, Seuchen. Die Angst vor Terrorismus. Die Angst vor einer Wiederkehr der Nazis. Die Angst davor, durch Lebensmittel vergiftet zu werden. Die Angst vor den Atomkraftwerken war eine der schönsten Ängste, ich habe bei Menschenketten mitgemacht, Hunderte von Resolutionen unterschrieben, Tausende von alten Hippies in Parkas umarmt und tatsächlich Anti-Atom-Lieder mitgesungen, so gut war ich drauf.

Wenn ich an Winterabenden am Kamin sitze und zurückdenke: Die schönsten und sensibelsten Frauen gab es eigentlich in der Anti-Atomkraft-Bewegung, kraftvoll, stark, die haben ihre Angst eins zu eins in Sinnlichkeit umgesetzt. Die Frauen in der Friedensbewegung waren oft ein bisschen schluffig, oder verhuscht, auf Patschuli stehe ich nicht so. Es gibt eine Angst, die etwas Meerschweinchenhaftes hat, total unsexy, und es gibt die Angst des in die Enge getriebenen Raubtiers. Ah, diese Angst vergöttere ich, sie macht vital, sie ist pure Leidenschaft, und die Menschen lieben sich, als sei es das letzte Mal.

Die Angst vor dem Islam hat bei mir nicht gezündet, leider. Aber bei der Inflationsangst bin ich wieder voll dabei. Ich habe einen Garten gekauft und experimentiere mit Gemüseanbau. Das einzige Gemüse, das dort prächtig gedeiht, ist Kürbis. Wenn die Inflation kommt, werde ich monatelang Kürbis essen. Wir werden singen, wir werden uns an den Händen fassen, wir werden uns lieben, und wir werden Kürbis in wildem Honig essen. Sicher, eines Tages passiert wirklich mal was, dann stirbt man, irgendwie, irgendwo, irgendwann. Dann möchte ich sagen können, dass ich ein Leben voller Ängste gelebt habe, eine einzige Orgie der Angstlust. Und es war jede Sekunde wert.

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