Martenstein"Es macht Spaß, mir vorzustellen, dass alles zusammenbricht"

Harald Martenstein über die Ängste, die wir lieben von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Seit Monaten verfolge ich die Nachrichten über die Euro-Wirtschafts-Schuldenkrise . Ich lasse keine Talkshow aus. Ich lese jeden Artikel. Inzwischen ist mir klar, dass es mir Spaß macht. Es macht mir Spaß, mir vorzustellen, dass eine Monsterinflation kommt, dass alles zusammenbricht, dass wir vor einem Armageddon der Weltwirtschaft stehen. Ich war richtig enttäuscht, als die Staatschefs sich über den Schuldenschnitt für Griechenland geeinigt haben. Ich las: "Börsen feiern Happy End für den Euro." Ich dachte: Irgendwie schade.

Die moralische Verwerflichkeit meiner Gefühle ist mir klar. Der Mensch ist offenbar nicht von Natur aus gut. Ich habe es immerhin im Griff, ich würde, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, nicht auf den Auslöserknopf für den Zusammenbruch der Weltwirtschaft drücken. Vermutlich nicht. Aber ich würde denken: Irgendwie schade.

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Der Fachbegriff lautet "Angstlust". Der Mensch braucht Angst, wie Essen und Trinken. Angst sorgt dafür, dass man wegläuft, wenn ein Tiger oder ein Tsunami sich nähert. Nach meiner privaten Theorie funktioniert die Angst wie ein Muskel, sie muss von Zeit zu Zeit trainiert werden. Sonst würde die Angst nicht funktionieren, sie wäre so schlapp wie eine seit Wochen nicht gegossene Zimmerlinde, wenn man sie wirklich einmal braucht. Und damit man die Angst fleißig trainiert, muss die Angst wohl auch ein bisschen Spaß machen.

Ich gehöre zu einer Generation, der nie Schlimmes zugestoßen ist. Aber ich habe prächtige Ängste miterleben dürfen. Die Angst vor dem Atomkrieg – ein Superknaller. Den Film The Day After lasse ich bei keiner Wiederholung im Fernsehen aus. Die Angst vor der Ökokatastrophe gibt es ja in den verschiedensten Varianten, Waldsterben, Klima, Seuchen. Die Angst vor Terrorismus. Die Angst vor einer Wiederkehr der Nazis. Die Angst davor, durch Lebensmittel vergiftet zu werden. Die Angst vor den Atomkraftwerken war eine der schönsten Ängste, ich habe bei Menschenketten mitgemacht, Hunderte von Resolutionen unterschrieben, Tausende von alten Hippies in Parkas umarmt und tatsächlich Anti-Atom-Lieder mitgesungen, so gut war ich drauf.

Wenn ich an Winterabenden am Kamin sitze und zurückdenke: Die schönsten und sensibelsten Frauen gab es eigentlich in der Anti-Atomkraft-Bewegung, kraftvoll, stark, die haben ihre Angst eins zu eins in Sinnlichkeit umgesetzt. Die Frauen in der Friedensbewegung waren oft ein bisschen schluffig, oder verhuscht, auf Patschuli stehe ich nicht so. Es gibt eine Angst, die etwas Meerschweinchenhaftes hat, total unsexy, und es gibt die Angst des in die Enge getriebenen Raubtiers. Ah, diese Angst vergöttere ich, sie macht vital, sie ist pure Leidenschaft, und die Menschen lieben sich, als sei es das letzte Mal.

Die Angst vor dem Islam hat bei mir nicht gezündet, leider. Aber bei der Inflationsangst bin ich wieder voll dabei. Ich habe einen Garten gekauft und experimentiere mit Gemüseanbau. Das einzige Gemüse, das dort prächtig gedeiht, ist Kürbis. Wenn die Inflation kommt, werde ich monatelang Kürbis essen. Wir werden singen, wir werden uns an den Händen fassen, wir werden uns lieben, und wir werden Kürbis in wildem Honig essen. Sicher, eines Tages passiert wirklich mal was, dann stirbt man, irgendwie, irgendwo, irgendwann. Dann möchte ich sagen können, dass ich ein Leben voller Ängste gelebt habe, eine einzige Orgie der Angstlust. Und es war jede Sekunde wert.

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Leserkommentare
  1. Ach haben Sie es gut Herr Martenstein, bei mir funktionieren all diese Ängste nicht. Ich bin noch keine 30 und schon so abgestumpft. So viele Katastrophen jedes Jahr und alles so weit weg. Falls doch irgendwann etwas bei mir passiert, hoffe ich der Zaun zu ihrem Kürbisgarten ist nicht zu hoch.

    • longely
    • 10. November 2011 10:16 Uhr

    in die Angstgesellschaft.
    Welch eine Entwicklung.Nur ist die Angst unten sicher grösser, als ganz oben.

    • Kometa
    • 10. November 2011 10:32 Uhr

    Das Glossieren im Dunkel des Denkens. Emotionales Hopping: Angst-Palaver!

    • Nest
    • 10. November 2011 17:00 Uhr

    ...ich werde mich von Jalapenos ernähren müssen =(

    • Meykos
    • 11. November 2011 9:48 Uhr

    Solang der Kühlschrank voll und die Heizung warm ist, kann ich die hier beschriebenen Ängste hin und wieder auch mal geniessen ...

    • dph
    • 11. November 2011 11:47 Uhr

    ich bin im Jahre 83 geboren und ich kann Ihr Vergnügen an der Angst nicht so recht teilen.
    Vielleicht mag es daran liegen, dass ich noch keinen Garten habe, aber wenn ich die Berichterstattung und die Politik um die Finanzmarktkrise verfolge, macht sich bei mir eher Verzweiflung breit.
    Ich werde hier wohl noch die nächsten 50 Jahre leben dürfen und mit meinem nicht gerade üppigen Gehalt all die Schulden und Zinsen bezahlen dürfen, die so großzügig angehäuft werden.
    Man sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Meine ist schon tot.
    MfG Phillip

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dr.know
    • 11. November 2011 12:15 Uhr

    Lieber Phillip,

    wenn ich richtig gerechnet habe sind sie noch keine 30 jahre alt und haben angst... wegen geld. traurig, menschen in unserem alter (ich zähle mich einfach mal dazu, obwohl ich ein wenig älter bin) sollten lieber etwas aufbauen, visionen haben und die welt verbessern - naja zumindest sollten wir es versuchen.

    aber sie haben angst wegen der paar kröten... fragen sie mal ihre großeltern was deren ängste in ihrem alter waren. sie werden sehen, es relativiert sich alles.

    ich wurde gewarnt vor:
    Ende der Erdölreserven bis 1985, einer neuen Eiszeit, massenhaftem Artensterben, dem Treibhauseffekt, allmählicher Vergiftung der Menschheit, Ozonloch, Waldsterben (mit unzähligen "Beweisen", nur der letzte, der gestorbene Wald, der fehlte immer), saurem Regen, Inflation und Hyperinflation, Hungersnöten...

    Wollte man diesen Warnungen nicht seinen vollen Glauben und die ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, war man anfangs Faschist, später nur noch Ignorant.

    Mir sind sie inzwischen wurscht, die Katastrophen. Ich versuche, einigermaßen schonend mit Umwelt und Mitmenschen umzugehen, aber um den ganzen Weltuntergangsunfug, den ein großer Teil der westlichen Welt seit gut dreißig Jahren inbrünstig glaubt, kümmer ich mich nicht mehr.

    • dr.know
    • 11. November 2011 12:15 Uhr

    Lieber Phillip,

    wenn ich richtig gerechnet habe sind sie noch keine 30 jahre alt und haben angst... wegen geld. traurig, menschen in unserem alter (ich zähle mich einfach mal dazu, obwohl ich ein wenig älter bin) sollten lieber etwas aufbauen, visionen haben und die welt verbessern - naja zumindest sollten wir es versuchen.

    aber sie haben angst wegen der paar kröten... fragen sie mal ihre großeltern was deren ängste in ihrem alter waren. sie werden sehen, es relativiert sich alles.

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    • dph
    • 11. November 2011 12:48 Uhr

    für die aufmunternden Worte. Sicherlich haben Sie Recht, allein fällt es mir nicht immer leicht, positiv zu bleiben.
    Wer weiß schon was die Zukunft bringen wird? Hoffen wir das Beste.

    • dph
    • 11. November 2011 12:48 Uhr

    für die aufmunternden Worte. Sicherlich haben Sie Recht, allein fällt es mir nicht immer leicht, positiv zu bleiben.
    Wer weiß schon was die Zukunft bringen wird? Hoffen wir das Beste.

    Antwort auf "Bisschen kohle..."

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Anti-Atomkraft-Bewegung | Atomkraftwerk | Atomkrieg | Friedensbewegung | Inflation | Islam
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