ArbeitskulturFreiheit bis zum Umfallen

Beim Softwareriesen Microsoft können die Beschäftigten selbst bestimmen, wann und wo sie arbeiten. von Wolfgang Gehrmann

Ein Microsoft-Mitarbeiter geht in der Firmenzentrale in den USA in der Mittagspause auf dem Firmengelände joggen.

Ein Microsoft-Mitarbeiter geht in der Firmenzentrale in den USA in der Mittagspause auf dem Firmengelände joggen.  |  © Stephen Brashear/Getty Images

Christian Gfüllner schaltet auf Rot. Ein Klick auf das Trackpad seines Notebooks genügt. Jetzt zeigt ein Farbbalken neben seinem Porträtfoto auf dem Bildschirm an, dass man den Kollegen Gfüllner »bitte nicht stören« soll. Vorher war der Balken grün, und das hieß: »ansprechbar«. Für den Vertriebsmann in der Deutschlandzentrale von Microsoft bei München ist das sehr nützlich: Jeder seiner 90.000 Kollegen auf der Welt kann bei Bedarf jetzt sehen, dass er nicht zu sprechen ist.

Gfüllner selbst vergewissert sich im Firmenkommunikationssystem, dass sein Kollege Carsten Benecke in der Außenstelle Walldorf gesprächsbereit ist. Geschwind schickt er ihm eine Instant Message: »Wollen wir?« OK. Gfüllner klickt auf »Video«. Benecke erscheint auf dem Bildschirm. Der Hintergrund lässt erkennen, dass der Kollege in seinem Büro sitzt. »Ja«, bestätigt der, »die Gefahr, dass ihr mich im T-Shirt zu Hause erwischt, besteht heute nicht.«

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Was Christian Gfüllner mit ein paar Klicks vorführt, ist ein Kommunikations-Tool namens Lync 2010. Statt Carsten Benecke in Walldorf anzuchatten, hätte er ihn auch anrufen können, per Festnetz oder mobil. Ein Mausklick hätte genügt, ohne dass er ein Telefon hätte anfassen müssen. Hätte eine größere Kollegenrunde bei Gfüllner beisammengesessen, hätte die Rundumkamera auf dem Tisch jeden von ihnen automatisch herangezoomt, sobald er gesprochen hätte. Es käme echtes Konferenzfeeling auf.

Gfüllner ist stolz auf das, was die Kommunikationssoftware Lync alles kann. Aber ihre technische Klasse vorzuführen ist gar nicht sein wichtigstes Anliegen. Es geht ihm um mehr. Diese firmeneigene Software ist Bestandteil einer besonderen Arbeitskultur , der nach seiner Ansicht die Zukunft gehört. Microsoft gewährt seinen Angestellten erstaunliche Freiheiten. Erstens: Feste Arbeitszeiten sind praktisch abgeschafft . Zweitens: Präsenz am Schreibtisch unter den Augen des Chefs ist nicht gefragt . Nur die Arbeitsresultate müssen, drittens, stimmen.

Erstaunlich viele Freiheiten

Bei Wettbewerben um den Titel »Bester Arbeitgeber« landet Microsoft regelmäßig auf Spitzenplätzen. Die offene Unternehmenskultur scheint insbesondere den Bedürfnissen von Frauen entgegenzukommen , mehrfach ist die Firma extra dafür ausgezeichnet worden. Mehr als ein Viertel aller Microsoft-Beschäftigten ist weiblich, von den 15 Mitgliedern der Geschäftsleitung sind es sieben.

Gfüllner ist Abteilungsleiter in einem Unternehmensbereich, der Software für Großunternehmen entwickelt und verkauft. Ein umgänglicher Jungmanager, smart und locker. Seinen Arbeitstag hat er um halb neun zu Hause begonnen, als er sich mit dem Laptop ins Firmensystem eingeloggt hat.

Um zehn ist er im Büro erschienen. Um 16 Uhr wird er wieder heimfahren, drei Stunden später mit der Familie zu Abend essen – sein Präsenzstatus im Lync-System wird dann Gelb anzeigen, »out of office«. Zwischen 20 und 22 Uhr wird er sich noch einmal ins Homeoffice entschuldigen; vor allem um zu sehen, ob etwas mit dem Microsoft-Hauptquartier im amerikanischen Seattle zu regeln ist, wo bei neun Stunden Zeitunterschied dann gerade Hochbetrieb herrscht. Gfüllner wäre dann heute vergleichsweise lange im Büro gewesen. Weil Microsoft Deutschland hauptsächlich verkauft, was in Amerika entwickelt wird, sind die meisten der 2.400 Mitarbeiter oft unterwegs bei der Kundschaft. Da passt ein Arbeitszeitmodell, das zur Flucht vom Schreibtisch einlädt.

Leserkommentare
    • amras
    • 15. November 2011 13:36 Uhr

    "Führt die neue Freiheit der Vertrauensarbeitszeit nicht zu einer Entgrenzung von Arbeits- und Freizeit, die unterm Strich bewirkt, dass die Belegschaften ihrem Arbeitgeber eine größere Arbeitsleistung gewähren, als sie ihm eigentlich schulden? Melanie Lorbergs Antwort: »Ach was. Wir arbeiten in meiner Generation doch alle viel. Mir ist nur wichtig, dass ich meine Arbeit in mein Leben integrieren kann und nicht mein Leben in meine Arbeit einpassen muss.«"

    Also wir haben bei uns flexible ArbeitsZEITEN mit Zielvereinbarungen, allerdings bei einer fixen Gesamtarbeitszeit. Wobei die durch Stundenkontos durchaus von Woche zu Woche variieren kann...
    Dieses Mischsystem finde ich persönlich sehr angenehm. Ein völlig freies System wie bei MS, da bin ich skeptisch. Da ist doch dem Missbrauch durch den Arbeitgeber Tür und Tor geöffnet. Wenn der die Ziel- und Leistungsvorgaben hochdreht, ist man gezwungen viel länger zu arbeiten als in einem System mit fixen Arbeitszeiten - im worst case open end.
    Außerdem gibt es überhaupt keine Trennung zwischen Arbeit und Privatleben mehr. Man steht dann 24h für den AG zur Verfügung. LYNC-Ampel-auf-rot hin oder her...

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    Ich arbeite seit ein paar Jahren auch Vertrauensarbeitszeit und bin sehr zufrieden damit. Vorher gab es bei uns auch eine Zeiterfasung und Gleitzeit - auch nicht schlecht.

    Verhindert, dass man viel zu viel arbeitet hat es aber auch nicht. die erfassten Überstunden wurden immer am Monatsende auf 40 gekappt (im Ergebnis hatte ich dann immer 40 Plusstunden - toll ;-))

    Bezahlte Überstunden hatte ich in meinem gesamten Arbeitsleben noch nicht. Da sollte sich tatsächlich mal was ändern, das liegt aber nicht am Arbeitszeitmodell sondern wie gesagt an der Unternehmenskultur.

  1. Ich arbeite seit ein paar Jahren auch Vertrauensarbeitszeit und bin sehr zufrieden damit. Vorher gab es bei uns auch eine Zeiterfasung und Gleitzeit - auch nicht schlecht.

    Verhindert, dass man viel zu viel arbeitet hat es aber auch nicht. die erfassten Überstunden wurden immer am Monatsende auf 40 gekappt (im Ergebnis hatte ich dann immer 40 Plusstunden - toll ;-))

    Bezahlte Überstunden hatte ich in meinem gesamten Arbeitsleben noch nicht. Da sollte sich tatsächlich mal was ändern, das liegt aber nicht am Arbeitszeitmodell sondern wie gesagt an der Unternehmenskultur.

    Antwort auf "zwiespältig"
  2. ... nicht klar. Für mich geht es drum, Familie, Freizeit, Sozialleben, Arbeit und was immer noch ein Leben ausmacht, zusammen zu bekommen und dafür kommt für mich nur ein freies System infrage.

    Wenn ich in der Woche einiges nicht hin bekomme, habe ich abends, nachts, am Wochenende oder wann immer ich mag, Zeit dies zu erledigen und kann so z.B. für die Kinder da sein, wenn sie mich brauchen oder anderes tun.

    Ich genieße diese Freiheit und Geld würde diese nicht ersetzen.

    • krispar
    • 15. November 2011 16:34 Uhr

    Ich verstehe den Grundgedanken diese Systems und muss den Entwicklern in einigen Punkten recht geben... in anderen jedoch nicht. Wenn es z.B. als positiv angesehen wird, dass man nicht mehr über den Büroflur laufen muss, um sich mit einem Kollegen abzusprechen, so ist das von der zeitlichen Perspektive her gesehen zwar ein Vorteil, doch es geht auch etwas verloren. Erstens fehlen die 2 Minuten Bewegung, die sicherlich nicht UNGLAUBLICH viel ausmachen, aber trotzdem eine Entlastung (z.B. für den Rücken) bedeuten, zweitens - und das ist der viel grundlegendere Punkt - verändert sich die zwischenmenschliche Beziehung. Diese Softwarelösung ist eine Erweiterung der omnipräsenten sozialen Netzwerke auf die Unternehmenskultur. Der reale Kontakt wird zugunsten eines virtuellen aufgegeben. Ich weiß leider nicht, ob es zu diesem Aspekt bereits Studien gibt, mein Tip wäre jedoch, dass virtuelle Kontakte qualitativ ärmer sind, als reale. Und die Arbeit sollte nicht nur der Produktivität dienen, sondern eben auch das Leben des Einzelnen bereichern. Nicht nur im pekuniären Sinne.

  3. "Microsoft selbst will durch den Einsatz konzernweit jährlich 45.000 Dienstreisen einsparen und die Kosten für Büroraum halbieren"

    Nachdem ich gerade Peopleware (deutsche Ausgabe: Wien wartet auf Dich - Der Faktor Mensch im DV-Managmenent) gelesen habe, stelle ich leider (nicht nur bei Microsoft) fest, dass die dort festgestellten Probleme immer noch genauso gelten. Es mag ja sein, dass man ein wenig Geld dadurch spart, dass man nicht mehr für alle Mitarbeiter Schreibtische braucht, aber Menschen sind nunmal keine Maschinen und die Möglichkeit, einen Arbeitsplatz einigermaßen nach eigenen Wünschen einzurichten, der Produktivität durchaus nützlich. Zudem gibt es, wie schon von krispar angesprochen, auf der sozialen Ebene einfach nichts Besseres als ein Team am gleichen Ort anzusiedeln, mit kurzen Wegen und einem gemeinsamen Kaffee zwischendurch.

    Vielleicht ist es im Vertrieb anders, aber als Entwickler ziehe ich Kommunikation von Angesicht zu Angesicht klar vor. Mal ganz abgesehen davon, dass bspw. Paar-Programmierung extrem viel bringt und diese eben zwingend bedingt, dass man am gleichen Ort ist.

    Das heißt nicht, dass ein bisschen Flexibilität nicht gut wäre und ein Heimarbeitstag pro Woche macht es deutlich einfacher, zuhause zu sein, wenn mal die Handwerker kommen; aber schon bei der Vertrauensarbeitszeit wird's kritisch. Die bedeutet nämlich oft einfach nur, dass der Arbeitgeber darauf vertraut, dass der Arbeitnehmer mehr arbeitet als vertraglich vereinbart.

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    denn das würde für mich und meine Kollegen je nach Wahl des Ansiedlungsortes bedeuten, dass Familien auseinander gerissen werden oder im Ganzen umziehen dürfen.

    Für mich bzw. diverse Kollegen ist gerade die Möglichkeit an einem Ort zu arbeiten, an dem nicht der Firmensitz zu finden ist, einen großen Gewinn an Lebensqualität.

    Und nebenbei verzichte ich gern auf Topfpflanzen und Schreibtischdeko, wofür ich noch nie ein Faible hatte, wenn ich dafür Freiräume genießen kann, die ich durch nicht vorhandenen festen Arbeitsplatz genieße.

    Ich sehe bei uns, dass es durch alle Altersgruppen bis nahe an die Rente eine gute Sache ist und fühle mich damit sehr wohl.

    Ob ich mehr arbeite, weiß ich nicht, dass ich lieber so arbeite, kann ich allerdings sagen.

  4. Die Arbeitnehmervertreter tun also gut daran, skeptisch zu bleiben.

    Im Endeffekt landet man natürlich einfach wieder beim alten Problem: neue Technik lässt sich zum Guten wie zum Schlechten einsetzen. Leider überwiegt hier der Eindruck, dass im Rahmen der Technikeuphorie einiger weniger (ich halte die Dame im Artikel keineswegs für repräsentativ) die Verhältnisse für den Arbeitnehmer sich eher verschlechtern.

    Aber hat ja auch was Gutes. So weiß ich jetzt, dass Microsoft Deutschland als Arbeitgeber für mich eher zweite Wahl ist.

  5. denn das würde für mich und meine Kollegen je nach Wahl des Ansiedlungsortes bedeuten, dass Familien auseinander gerissen werden oder im Ganzen umziehen dürfen.

    Für mich bzw. diverse Kollegen ist gerade die Möglichkeit an einem Ort zu arbeiten, an dem nicht der Firmensitz zu finden ist, einen großen Gewinn an Lebensqualität.

    Und nebenbei verzichte ich gern auf Topfpflanzen und Schreibtischdeko, wofür ich noch nie ein Faible hatte, wenn ich dafür Freiräume genießen kann, die ich durch nicht vorhandenen festen Arbeitsplatz genieße.

    Ich sehe bei uns, dass es durch alle Altersgruppen bis nahe an die Rente eine gute Sache ist und fühle mich damit sehr wohl.

    Ob ich mehr arbeite, weiß ich nicht, dass ich lieber so arbeite, kann ich allerdings sagen.

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    sondern um die Kollegen und die Kommunikation mit denselben.

    Je nachdem, was Sie genau tun, kann das vielleicht auch funktionieren. Aber für ein Team im F&E-Bereich spricht meine Erfahrung ganz klar für eine Ansiedlung am gleichen Ort - das muss allerdings nicht die Firmenzentrale sein und es müssen auch nicht alle Teams am gleichen Ort sitzen.

  6. sondern um die Kollegen und die Kommunikation mit denselben.

    Je nachdem, was Sie genau tun, kann das vielleicht auch funktionieren. Aber für ein Team im F&E-Bereich spricht meine Erfahrung ganz klar für eine Ansiedlung am gleichen Ort - das muss allerdings nicht die Firmenzentrale sein und es müssen auch nicht alle Teams am gleichen Ort sitzen.

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    und kommunizieren tun wir auch. Wir sind nur nicht in der gleichen Stadt, während wir das tun und das funktioniert sehr gut.

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