Im Jahr 1863 kam endlich die Eisenbahn nach Konstanz. Einst war diese Stadt eine Metropole gewesen, etwa während des Konstanzer Konzils zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Seitdem sich aber die Handelsrouten verschoben hatten und Konstanz die Reichsfreiheit verloren hatte, lag der Ort abgelegen in seinem geografischen Winkel am Bodensee. Stolz rückte man also im 19. Jahrhundert den Bahnhof direkt ans Seeufer. Dem traditionsreichen, vom Scheitern der Revolution 1848 schwer enttäuschten Konstanzer Bürgertum verhalf der technische Fortschritt zu wirtschaftlichem Aufschwung und neuem Selbstbewusstsein. Zwar musste ein Gutteil der mittelalterlichen Stadtbefestigung der Modernisierung weichen. Dadurch entstand aber auch, quasi auf deren Rückseite, ein neues bürgerliches Interesse für die reiche Geschichte des heimatlichen Bodens.

Im mittelalterlichen Zunfthaus der Metzger, Krämer, Apotheker, Buchführer und Seiler gründete Ludwig Leiner, Abkömmling einer einflussreichen Patrizierfamilie, 1870 ein Museum, das heute ebenso sehr ein Denkmal für die Geschichtsauffassung des Bürgertums der Gründerzeit ist wie ein Ausstellungsort für die Kulturgeschichte des Bodensees. Zumal es dort im Erdgeschoss einen Saal gibt, der so erhalten ist, wie ihn Leiner geplant hatte.

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Schwere Vitrinenschränke stehen da dicht an dicht, mit ihren hölzernen Rahmen und den neogotischen Stilelementen ähneln sie gläsernen Särgen. Darin lagert Leiners paläontologische und archäologische Sammlung von Gesteinen und Fossilien, Werkzeugen und Schmuck aus Stein, Metall und Knochen. Die schiere Menge auf so engem Raum kommt dem Besucher heutiger Zeit verschwenderisch vor. Sein Blick wandert in dem niedrigen, dunklen Raum lange von Ding zu Ding. Und bleibt an kuriosen Stücken hängen wie dem im Bodenteil einer Vitrine aufgebahrten mächtigen Wisentschädel oder einem über der Aufschrift »Jüngere Steinzeit (Neolithikum)« ruhenden kohlrabenschwarzen Phallus. Über einem Schaukasten mit Textilresten aus der Pfahlbauzeit findet sich der Schriftzug »Anfänge der Textilindustrie«. Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts suchte Identifikationspunkte in der Vergangenheit, nicht nur in der Epoche der mittelalterlichen Leinenhändler, sondern noch viel weiter in prähistorischer Zeit. Neben dem Türstock sind diese Verse angebracht: »Mancherlei Fremdes / Mag uns hier zeigen / Was tief im Boden / Noch unter uns starrt / Was unserer Heimath wohl auch ist eigen / Und nur des Hebens ans Tageslicht harrt«. Leiner selbst pflegte neben der Archäologie leidenschaftlich die Dichtkunst.

Geht man weiter durch das Haus, durchschreitet man historische Schichten, die sich an dem Gebäude angelagert haben und in seiner Sammlung aufbewahrt sind. Im historischen Zunftsaal im ersten Stock ist die Chronik des Ulrich Richental ausgestellt, der nach Art einer frühen Graphic Novel in Bild und Text und mit Lust an Klatsch und alltäglichen Details festhielt, wie das Konstanzer Konzil vor sich ging. Eine Sammlung sakraler Kunst des Mittelalters geht ebenfalls noch auf Ludwig Leiner zurück. Auch hier begegnen einem stolze Konstanzer Bürger wie jene Familie Blarer, die als Stifter eines Spitals auf einer großen Votivtafel verewigt ist, die die Sterbeszene Marias zeigt. Um die auf Kissen Gebettete stehen die Apostel und Christus, der schon ihre Seele in Form einer kleineren Marienfigur auf dem Arm hält.

Dieses Bild, das dem Konstanzer Maler Rudolf Stahel zugeschrieben wird, gilt als Inbegriff der lokalen Spätgotik, der Epoche, in der die Stadt ein künstlerisches Zentrum war, weil der Bischofssitz die Künstler der Umgebung anzog, die Auftraggeber in Kirchen, Klöstern und dem saturierten städtischen Bürgertum fanden. Die erzählerische Ikonografie der Kunstwerke, die eine ganze Reihe von Details und Momenten in ihre flache Räumlichkeit schichten, lässt ahnen, welche Rolle die Bilder für die illiteraten Gläubigen der Zeit spielten.

Auf einem Altarflügel von Stahel verlässt vorne die Heilige Familie den Tempel der Schriftgelehrten. Wie eine Bildergeschichte staffeln sich daneben noch eine ganze Reihe von Motiven bis zum knapp unter der oberen Bildkante hängenden Horizont, wo die drei Figuren schon hinter einem Hügel verschwinden. Dieses Fragment eines Flügelaltars steht erst neuerdings, nach 14 Jahren der Restaurierung, wieder im Museum. Schon durch die Bilderstürme der Reformation ist vieles zerstört oder beschädigt worden, Bilder wurden aus dem Zusammenhang gerissen oder zerschnitten. Was erhalten ist, hat oft eine bewegte Geschichte hinter sich. Bis heute bemüht man sich darum, nach Konstanz zurückzubringen, was aus dieser Blütezeit noch zu finden ist und bisweilen in der ganzen Welt verstreut war. Sodass das Rosgartenmuseum eine hervorragende Sammlung dieser Bodensee-Gotik enthält.

Aber auch die kulturgeschichtliche Sammlung ist von den nachfolgenden Generationen offensichtlich mit Sorgfalt gepflegt und erweitert worden. Und weil über Konstanz zwar die Zeitläufte hinweggegangen sind, die Stadt aber sowohl im Dreißigjährigen Krieg als auch im Zweiten Weltkrieg vor Zerstörung verschont geblieben ist, findet sich bis heute viel Erhaltenswertes. Raum für Raum zeugen davon Kunstwerke und Objekte der Alltagskultur.

Treppab durch die Jahrhunderte zurücksteigend, mag man weiter dem Geist des Ludwig Leiner nachhängen, der noch in den Balken zu stecken scheint mitsamt seinem Traum vom »Einfachbürgerlichen der schönern Jahre unserer Vorzeit, jener Jahre, in welchen das Bürgertum in kräftiger Blüthe stand und seiner Kraft und seines Werthes bewußt eingriff in die Geschichte der Zeit«.