Anguilla anguilla gilt als Inbegriff zähen Lebens. Unser Europäischer Aal kann fast senkrechte Wände bewältigen und schockt unerfahrene Angler, wenn er Stunden nach dem Fangen plötzlich im Kühlschrank lärmt. Erschreckend sind aber auch die kargen Kenntnisse über seine Biologie. Obwohl Aale seit Jahrhunderten verspeist werden, zanken sich die Experten darüber, wie sich ihr Bestand wieder erhöhen ließe – wenn überhaupt. Die Weltnaturschutzunion IUCN hat das Tier als critically endangered , als vom Aussterben bedroht, auf ihre Rote Liste gesetzt. Das Washingtoner Artenschutzabkommen CITES führt ihn in derselben Schutzkategorie wie Eisbären und Landschildkröten.

Zwar hat die EU zum Schutz dieses schlangenförmigen Knochenfischs zahlreiche Empfehlungen ausgesprochen. Doch Fangverbote oder befristetes Abschalten von Wasserkraftwerken – deren Rechen und Turbinen die oft schubweise abwandernden Aale massenhaft töten – stoßen auf massiven Widerstand. Nach Atom- auch Wasserkraftwerke abschalten, wo kämen wir da hin?

Ohne die Hege von Binnenfischern und Anglern werde der Aal ganz aussterben, warnen Kritiker. Die Fische müssen heute in technisch massiv veränderten Biotopen leben. Und Gewässerschutz hin oder her – Hamburg will die Elbe noch tiefer ausbaggern. Dabei sind bereits die vorhandenen Ausbaggerungen ein Problem. Die große Wassertiefe entschleunigt die natürliche Strömung der Elbe. So entstehen Sammelbecken für organisches Material, denn in gebremstem Wasser sinken Pflanzen- und Tierreste zu Boden und verrotten. Dadurch bilden sich, besonders bei sommerlicher Wassertemperatur, periodisch große Sauerstofflöcher, die Fische gefährden. Trotz insgesamt besserer Wassergüte können technisierte Gewässer zur atemberaubenden Plörre werden.

Hoch technisiert ist auch die Rheinmündung. Die Niederländer verzögern seit Jahren eine weitgehende Öffnung ihres gigantischen Haringvliet-Sperrwerks, das den Großteil des Wassers von Rhein und Maas kontrolliert in die Nordsee leitet. Sie befürchten Hunderte Millionen Euro an Schäden, sollte ihr künstlicher Mündungssee wieder versalzen. Was zählen dagegen die Transportbedürfnisse der jungen Glasaale, die sich gern von der Flut stromaufwärts ins Landesinnere tragen lassen?

Nicht nur die EU fordert mehr Schutz für Aale. Experten wie Christian Wolter vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei kritisieren das Management des Aalbestands. Es sei »mit erheblichen Unsicherheiten behaftet und dem Risiko zu scheitern«.

Zentrale Aspekte der Aalbiologie liegen noch im Dunkeln, neuere Erkenntnisse stellen die bisherige Rettungsstrategie infrage. »Wir kennen weder die Hauptursachen für den Aalrückgang noch den Verlauf seiner Reproduktion in der Sargassosee«, sagt Wolter. Unklar sei auch, welche Bedeutung das Leben der Aale im Süßwasser der Flüsse für den Bestand der Art habe.

Nach üblichem Credo wachsen die Aale über Jahre hinweg in unseren Binnengewässern auf und setzen dabei viel Fett an. Als reife »Silberaale« hören sie auf zu fressen und lassen sich von Bächen und Flüssen zum Meer treiben. Dort streben die Superschwimmer 7.000 Kilometer weit in die Sargassosee, unweit der Karibik. Ihre einzige Energiequelle ist die Fettreserve, auch für die Fortpflanzung. Die findet im Dunkel der Sargassosee in einer mysteriösen Sexorgie statt. Weder der Laichvorgang noch Eier wurden je beobachtet. Das Produkt sind Larven. Sie landen später via Golfstrom als durchsichtige Glasaale vor Westeuropas Küsten.