ArtensterbenIch wollt, ich wär kein Aal

Gefangen, gemästet, ausgesetzt, gejagt oder in Turbinen gehäckselt – wie ein robuster Fisch ausstirbt von 

Ein Aal ist einem traditionellen Fischer in Großbritannien ins Netz gegangen (Archivfoto).

Ein Aal ist einem traditionellen Fischer in Großbritannien ins Netz gegangen (Archivfoto).  |  © Peter Macdiarmid/Getty Images

Anguilla anguilla gilt als Inbegriff zähen Lebens. Unser Europäischer Aal kann fast senkrechte Wände bewältigen und schockt unerfahrene Angler, wenn er Stunden nach dem Fangen plötzlich im Kühlschrank lärmt. Erschreckend sind aber auch die kargen Kenntnisse über seine Biologie. Obwohl Aale seit Jahrhunderten verspeist werden, zanken sich die Experten darüber, wie sich ihr Bestand wieder erhöhen ließe – wenn überhaupt. Die Weltnaturschutzunion IUCN hat das Tier als critically endangered , als vom Aussterben bedroht, auf ihre Rote Liste gesetzt. Das Washingtoner Artenschutzabkommen CITES führt ihn in derselben Schutzkategorie wie Eisbären und Landschildkröten.

Zwar hat die EU zum Schutz dieses schlangenförmigen Knochenfischs zahlreiche Empfehlungen ausgesprochen. Doch Fangverbote oder befristetes Abschalten von Wasserkraftwerken – deren Rechen und Turbinen die oft schubweise abwandernden Aale massenhaft töten – stoßen auf massiven Widerstand. Nach Atom- auch Wasserkraftwerke abschalten, wo kämen wir da hin?

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Ohne die Hege von Binnenfischern und Anglern werde der Aal ganz aussterben, warnen Kritiker. Die Fische müssen heute in technisch massiv veränderten Biotopen leben. Und Gewässerschutz hin oder her – Hamburg will die Elbe noch tiefer ausbaggern. Dabei sind bereits die vorhandenen Ausbaggerungen ein Problem. Die große Wassertiefe entschleunigt die natürliche Strömung der Elbe. So entstehen Sammelbecken für organisches Material, denn in gebremstem Wasser sinken Pflanzen- und Tierreste zu Boden und verrotten. Dadurch bilden sich, besonders bei sommerlicher Wassertemperatur, periodisch große Sauerstofflöcher, die Fische gefährden. Trotz insgesamt besserer Wassergüte können technisierte Gewässer zur atemberaubenden Plörre werden.

Hoch technisiert ist auch die Rheinmündung. Die Niederländer verzögern seit Jahren eine weitgehende Öffnung ihres gigantischen Haringvliet-Sperrwerks, das den Großteil des Wassers von Rhein und Maas kontrolliert in die Nordsee leitet. Sie befürchten Hunderte Millionen Euro an Schäden, sollte ihr künstlicher Mündungssee wieder versalzen. Was zählen dagegen die Transportbedürfnisse der jungen Glasaale, die sich gern von der Flut stromaufwärts ins Landesinnere tragen lassen?

Nicht nur die EU fordert mehr Schutz für Aale. Experten wie Christian Wolter vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei kritisieren das Management des Aalbestands. Es sei »mit erheblichen Unsicherheiten behaftet und dem Risiko zu scheitern«.

Zentrale Aspekte der Aalbiologie liegen noch im Dunkeln, neuere Erkenntnisse stellen die bisherige Rettungsstrategie infrage. »Wir kennen weder die Hauptursachen für den Aalrückgang noch den Verlauf seiner Reproduktion in der Sargassosee«, sagt Wolter. Unklar sei auch, welche Bedeutung das Leben der Aale im Süßwasser der Flüsse für den Bestand der Art habe.

Nach üblichem Credo wachsen die Aale über Jahre hinweg in unseren Binnengewässern auf und setzen dabei viel Fett an. Als reife »Silberaale« hören sie auf zu fressen und lassen sich von Bächen und Flüssen zum Meer treiben. Dort streben die Superschwimmer 7.000 Kilometer weit in die Sargassosee, unweit der Karibik. Ihre einzige Energiequelle ist die Fettreserve, auch für die Fortpflanzung. Die findet im Dunkel der Sargassosee in einer mysteriösen Sexorgie statt. Weder der Laichvorgang noch Eier wurden je beobachtet. Das Produkt sind Larven. Sie landen später via Golfstrom als durchsichtige Glasaale vor Westeuropas Küsten.

Hier beginnt ein zentraler Akt des Aaldramas: Glasaale werden tonnenweise gefangen, als Delikatesse und als Nachwuchs für Aquafarmen. Dort werden sie gepäppelt (»vorgestreckt«) und als Besatzfische für Binnengewässer verkauft – oder zur Schlachtreife gemästet. Noch in den 1970er Jahren verspeisten Gourmets jährlich mehrere Milliarden Glasaale. Doch der scheinbar unerschöpfliche Nachwuchs schrumpfte bis auf wenige Prozent, die einstige Billigware wurde zur Kostbarkeit.

Zum Schutz des Aals sollten daraufhin die alten Hauptabnehmer, Restaurants und asiatische Aquafarmen, nicht mehr beliefert werden und der Glasaalfang vorrangig dem Besatz europäischer Binnengewässer dienen. Doch ist dieses Aalmanagement – die Tiere werden etwa in Frankreich blutjung gefangen, in Holland vorgestreckt, in heimischen Gewässern eingesetzt und schließlich abgefischt – noch sinnvoll?

Christian Wolter und Kollegen haben im Bulletin of Fish Biology gravierende Bedenken aufgeführt. So ist die Aalsterblichkeit in Binnengewässern hoch, als Folge von Fischerei und Wasserkraftnutzung. Je nach Turbinentyp beträgt die Mortalitätsrate 20 bis 40 Prozent pro Kraftwerk. Da Silberaale in vielen Flüssen bei ihrem Abstieg im Hauptstrom ganze Serien von Kraftwerken passieren müssen, führt dies zu einem dramatischen Gemetzel – bis hin zum Totalverlust.

Zudem sind viele Süßwasseraale von Viren und Schwimmblasenwürmern befallen. Die Parasiten, durch Aquafarming verbreitet, schwächen ihre Wirte. So starben infizierte Aale in Schwimmtests nach einer Distanz, die kaum der halben Strecke zur Sargassosee entspricht. Schließlich dürfte der unnatürliche Weg, über den Besatzaale in Binnengewässer gelangen, zu Fehlprägungen des Fressverhaltens und des Geruchs- und Orientierungssinns führen. Untersuchungen deuten darauf hin, dass solche Aale zu wenig Fett ansetzen und den ihnen unbekannten Rückweg in die Sargassosee nicht finden.

Besatzaale tragen also kaum zur Erhaltung ihrer Art bei. Die marine Population dagegen, die das Meerwasser nie verlässt, kennt weniger Probleme. Sie könnte im Prinzip den Hauptbeitrag zur Gesamtvermehrung liefern. Doch Wolter warnt: »Die verbreitete Praxis, mit gefangenen Glasaalen die Süßwasserbestände aufzustocken, könnte das Gesamtproblem verschärfen, wenn dabei die Aale im marinen Lebensraum weiter dezimiert werden.«

Sollte man, neben dem Bau von Fischpässen und dem Sanieren der Gewässer, nicht auch den Aalfang einstellen, wie die EU fordert? Noch sind die Fachleute uneins. Christian Wolter lehnt es ab. Er befürchtet, die Fische würden ihre wichtigste Lobby verlieren, die sich für ihre Hege einsetzt. Und rasch zielführend wäre eine solche Maßnahme nicht: »Selbst bei einem totalen Aalfangverbot dürfte es mindestens 80 Jahre dauern, bis sich die Bestände wieder voll erholt haben«, sagt er.

Sein Kollege Reinhold Hanel, Leiter des von-Thünen-Instituts für Fischereiökologie in Hamburg, beruft sich hingegen auf den Internationalen Rat für Meeresforschung und fordert, möglichst jeden negativen Einfluss auf den Bestand der hoch gefährdeten Art zu vermeiden: »Man macht auch in Indien nicht die Tigerjagd zur Grundlage der Bestandspflege«, sagt er und hinterfragt den Aalkonsum mit einem Vergleich: »Würden Sie Eisbären essen?«

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Leserkommentare
  1. In Binnenseen ohne Zugang zum Meer können nach allgemeiner Einschätzung keine Aale vermutet werden, die zur Populationsreproduktion einen Beitrag leisten. Ob sie abgefischt werden oder nicht spielt praktisch keine Rolle, zumal vor allem kleine zugefrorene Seen, auf die Steine geworfen werden, zu einer Verendung der Aale führen kann, die aus Neugier an die Eisdecke schwimmen und dort kleben bleiben. In diesen wie in turbinendurchzogenen Gewässern machen weder Fangverbote noch ein Besatz wirklich Sinn, wenn es um den Erhalt der Art geht.
    Vielleicht machen aber in Gewässern mit Turbinen die Fischtreppen daneben auch wenig Sinn, weil sie dazu führen können, dass die Tiere zwar in die Gewässer zurück kehren aber nicht den gleichen Weg zurück nehmen, dass sie also praktisch in eine Falle geraten, quasi wie in einer Reuse, bei der der Rückweg die Zerstückelung ist. Das müsste aber doch auch untersucht worden sein oder?

  2. sind Aale aber auch an sich nicht für Seen geeignet, die zufrieren können.

    • Lümmel
    • 16. November 2011 11:43 Uhr

    nur dort in Stillgewässer (Seen und Teiche) die in direkter Nachbarschaft zu Fließgewässern zu finden sind.
    Da der Aal für kurze Strecken über Land wandern kann.
    Das was wirklich dem Aal helfenkann ist:
    Totales Verbot der Glasaalfischerei
    Abschaltung der Wasserkraftwerke wärend der Abwanderzeit.
    Sarkasmus an:
    Zur Not kann man aber auch noch die Angler für schuldig erklähren, die das Kilo Glasaal für 7000 Euro kaufen müssen um damit den Aalbestand zu erhalten versuchen, da natürliche Abwanderung durch Wasserwerke nicht mehr möglich ist.
    Mann kann natürlich auch hingehen und den Kormoran endlich hier ausrotten, der eh nur hier eingschleppt wurde und extrem viele Fischerhaltungsversuche der Anglervereine zu nichte macht.
    Aber der Angler der regelmäßig an seinem Gewässer ist hat ja eh keine Ahnung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • DerDude
    • 16. November 2011 13:06 Uhr

    bis er Anfang des 20. Jahrhunderts tatsächlich vom Menschen ausgerottet wurde und seitdem langsam von Osteuropa her das angestammte Terrain wieder zurückerobert.

    Mit dem Komoran werden Sie schon leben müssen...

  3. "Würden Sie Eisbären essen?"

    Was glaubt man eigentlich was man den Lesern der ZEIT alles vorsetzen kann ?

    Offensichtlich vieles, oder sogar alles, was auch nur entfernt mit Globaler Erwärmung und Schuld der Menschen daran zu tun haben könnte.

    Eisbären als Beispiel für gefährdete Tierpopulationen wie dem Aal ist schlichter Unsinn, was jedoch dem Autor anscheinend nicht aufgefallen ist oder auch nicht auffallen sollte.

    Die Anzahl der Eisbären betrug im Jahre 1950 ca. 5.000, im Jahre 2010 jedoch zwischen 25.000 bis 32.000.

    Würden Robbenjäger jedes Jahr nicht bis 100.000 Robben töten, um lästige Konkurrenz beim Fischfang los zu werden, so wäre die Eisbärpopulation noch erheblich größer.Robben sind die Hauptnahrungsgrundlage der Eisbären im Winter.

    Was die die Anzahl der Robben nun mit Glasaalen zu tun hat, das muss erst einmal beschrieben werden.

    • otto_B
    • 16. November 2011 12:23 Uhr

    Man sieht:
    Eine massive Veränderung von Land und Flüssen ist real. Die Eingriffe haben etwas mit den Existenzvoraussetzungen der menschlichen Population zu tun. Der Wasserbau der Niederländer ist bekanntermaßen sprichwörtlich.
    Warum sollten die man dort die Sperrbauwerke öffnen, wenn man vorher Milliarden in deren Errichtung investiert hat?
    (.....wie wird das eigentlich mit der Klimaerwärmung, und dem Meeresspiegelanstieg?......)
    Worum es hier geht, das liegt weit jenseits der Öko-Romantik der 70er und 80er Jahre.
    Man kommt um ein komplexes Management der Gewässer nicht herum, und man wird mit Kompromissen leben müssen, mit Güterabwägungen.

    Was auf jeden Fall ärgerlich ist: Wenn im Rahmen der "Energiewende" umstandslos Nachhaltigkeitshymnen auf die Wasserkraft gesungen werden. Es ist also nicht so, daß zwar der Dreischluchtendamm "böse", aber jedes kleine mittels EEG ausgebaute Mühlenwehr "gut" sei.
    Aber genau diesen Eindruck sucht die zeitgeistige Werbung zu vermitteln, und das ist nicht redlich.

  4. Es würde mir nicht in den Sinn kommen, die Schuld jetzt gerade den Anglern in die Schuhe zu schieben, da viele Vereine den Gewässerschutz pflegen. Aber die Angelvereine setzen doch meist in die Gewässer Fische ein, für die sie die Berechtigung haben. Die einen haben Stillgewässer, die in der Nähe von Fließgewässern liegen und andere eben nicht, aber auch die setzen Aale ein. Und dass Aale über Land wandern können ist ja eine Vermutung, so weit ich weiß. Das soll angeblich noch niemals beobachtet worden sein. Oder gibt es schon eine Studie, die das belegt? Wenn der Aalbesatz aber letztlich auch in abgelegenen Gewässern marginal ist, macht es auch nicht unbedingt Sinn, den einzuschränken. Da wären vielleicht Zahlen hilfreich.

  5. Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und konstruktiv. Danke, die Redaktion/mk

    • DerDude
    • 16. November 2011 13:06 Uhr

    bis er Anfang des 20. Jahrhunderts tatsächlich vom Menschen ausgerottet wurde und seitdem langsam von Osteuropa her das angestammte Terrain wieder zurückerobert.

    Mit dem Komoran werden Sie schon leben müssen...

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