Landwirtschaft : Verwirrspiel auf dem Acker

Monokulturen, gefährdete Vielfalt: An allem soll die Grüne Gentechnik schuld sein. Warum die Landwirtschaft sie dringend braucht

Auch in diesem Jahr wurden wieder Versuchsfelder mit gentechnisch veränderten Pflanzen zerstört. Obwohl die Täter erstmals Menschen mit Gewalt bedrohten, ist nach allen Erfahrungen höchstens mit Bagatellstrafen zu rechnen. Das Klima in der Gentechnikdebatte ist aggressiver geworden, die Vorurteile der Technik gegenüber gefestigter. Bei den beteiligten Forschern und Unternehmen macht sich Resignation breit. Dabei spielt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine gewichtige Rolle: Es hat vor einem Jahr, am 24. November 2010, in einer rechtlichen Prüfung des Gentechnikgesetzes dessen Vorschriften für materiell verfassungsgemäß erklärt.

Damit bleiben Regelungen in Kraft, die es in Deutschland de facto unmöglich machen, mit gentechnisch veränderten Nutzpflanzen im Freiland zu arbeiten. Im Ergebnis überrascht das Urteil nicht, spiegelt es doch die gängige Einstellung der Bevölkerung wider. Mich als Wissenschaftler überrascht jedoch, dass nach der Bevölkerung und der Politik nun auch das Verfassungsgericht den Sirenentönen der Ideologen erlegen zu sein scheint.

Ernst-Ludwig Winnacker

Der Biochemiker ist einer der einflussreichsten Wissenschaftsmanager und Politikberater Europas. Er gehörte der Enquete-Kommission Chancen und Risiken der Gentechnologie an, war Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Generalsekretär des Europäischen Forschungsrates. Seit 2009 steht er an der Spitze der International Human Frontier Science Program Organization, die Forschung in den Lebenswissenschaften fördert.

Sprache und Gedankenführung der Urteilsbegründung richten sich nämlich allein an der Ausdrucksweise der Gentechnikgegner aus. Die Richter sprechen von »Eingriffen in die elementaren Strukturen des Lebens, deren Folgen sich, wenn überhaupt, nur schwer wieder rückgängig machen ließen«. Die Ausbreitung einmal in die Umwelt ausgebrachten gentechnisch veränderten Materials sei nur schwer oder gar nicht begrenzbar. Das Gericht scheint der Ansicht zu sein, dass die gentechnische Veränderung an sich ein Risiko darstellt, vor dem sich die Gesellschaft schützen muss.

Der Gesetzgeber treibt die Forscher und ihr Wissen aus dem Land

Welches Risiko könnte das sein? Was wäre der GAU der Grünen Gentechnik? Eine Art Superunkraut, das die Welt überwuchert? Eine Störung des natürlichen Gleichgewichts? Die Verbreitung von Genen zwischen Nutzpflanzen und anderen Pflanzen? Das Auftreten unbekannter Allergien? All das und vieles mehr ist in Hunderten von Umweltverträglichkeitsprüfungen intensiv untersucht worden, ohne dass es bisher einen einzigen ernst zu nehmenden Hinweis darauf gibt, von gentechnisch veränderten Pflanzen gingen besondere Risiken für Mensch und Umwelt aus.

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Kommentare

89 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

@17 Lebenserwartung - wichtiges Argument

Ja, die steigende Lebenserwartung ist auch dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt massgeblich geschuldet. Der führt zu besseren Methoden Lebensmittel zu konservieren, Schädlinge zu bekämpfen, Ernteerträge zu steigern, etc(auch mit Mitteln der Chemie).
Die verschiedenen chemischen Substanzen die Lebensmitteln zugesetzt werden, könnten vielleicht in hohen Dosierungen schädlich sein ("die Dosis macht das Gift"), die steigende Lebenserwartung in der ganzen Welt stützt aber nicht die Vermutung, dass diese in der für Lebensmittel üblichen Dosierung gesundsheitschädlich (also Gift) seien. Eher ist es schon die Überernährung bei Fehlen köperlicher Anstrengungen. Auch der Film (ich kenne ihn nicht) müsste die auf so breiter Basis beruhende Statistik widerlegen können.

Welthunger ist ein Verteilungsproblem...

...dass ist Tatsache und nicht Zynismus.
Und selbst wenn man dieses Argument im Namen der hungernden ignoriert, die Gentechnik bringt uns was, 20, 30 Jahre? Dann hat die Welt 12-15 Milliarden Menschen und kann sie nicht ernähren TROTZ Gentechnik eben weil Nahrung nicht gerecht verteilt ist.
Die Argumente für Gentechnik klingen in meinen, zugegeben, Laien-Ohren wie die der Atomindustrie.
Da kann kaum was schief gehen, was auch stimmt, aber wenn es schief geht, dann aber richtig...

Ich bin kein Fanatiker und lasse mich gerne überzeugen, habe aber noch kein Argument gehört das mir sagt, wofür wir das brauchen.

Und ehrlich zu glauben, daß wir der Natur ins Handwerk pfuschen können, ohne das sich das irgendwann gegen uns wende,t scheint mir naiv.
Jedes Geschichtsbuch lehrt mich genau das Gegenteil...

Verteilungsproblem=Armut

Der wichtigste Grund für Hunger ist Armut. Mehr als die Hälfte der Armen weltweit leben von der Landwirtschaft. Wie kann die ländliche Armut bekämpft werden? Vor allem durch Produktivitätssteigerungen. Viele Bauern in Entwicklungsländern verzeichnen Ernteeinbußen aufgrund von biotischen (Schädlinge, Krankheiten) und abiotischen (Trockenheit, Salinität) Stressfaktoren. Die Gentechnik bietet hier vielfältige Möglichkeiten. Insofern kann die Gentechnik nicht nur das Produktionsproblem, sondern auch das Verteilungsproblem entschärfen.