Nahost-KonfliktWohnst du noch, oder kämpfst du schon?

Jeder Stein in Jerusalem ist politisch. Arieh King kauft Häuser und Grundstücke – für Israels Größe.

Eine palästinensische Familie steht vor den Überresten ihres Hauses. Sie musste es auf Drängen der israelischen Behörden aufgeben.

Eine palästinensische Familie steht vor den Überresten ihres Hauses. Sie musste es auf Drängen der israelischen Behörden aufgeben.

Am frühen Morgen, noch bevor Nachrichten aus Israel europäische Hauptstädte aufwühlen, steht Arieh King auf, blickt aus dem Fenster seiner Wohnung in Jerusalem und fühlt sich nahe bei Gott. Er sieht den Tempelberg, er sieht die Al-Aksa-Moschee in den blassen Himmel ragen, er sieht die vergoldete Kuppel des Felsendoms. Und er sieht die mächtigen, hellen Steine der Klagemauer, die Jahrtausende überstanden haben. Die Mauer ist Überbleibsel des alttestamentlichen Tempels, ein heiliger Ort für die Juden, und noch bevor Arieh King aufbricht, um sein Tagewerk zu verrichten, erinnert ihn der Blick aus dem Fenster daran, worum es in seinem Leben geht.

Jeder in der Nachbarschaft kennt ihn, sie nennen ihn nur den King, den König, und erzählen anerkennend von den Geschicken des Arieh King.

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Der König lispelt und hat seine eigene Radiosendung, »Stimme der Nation«, 106,5 FM, der König ist Mitglied der rechten Partei Moledet, der König hat den Israel Land Fund gegründet, eine Organisation, die in ganz Israel Boden und Häuser aufkauft, die strategische, religiöse oder historische Bedeutung für das Land haben könnten.

Jerusalem
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Nirgends aber drängt sich mehr Bedeutung auf engstem Raum als hier in der Heiligen Stadt, die bis 1967 in einen jüdisch-israelischen Westen und einen arabischen Osten geteilt war. Dann eroberte Israel den Ostteil, und bis heute scheitern alle Vorschläge für eine Zwei-Staaten-Lösung an der Frage, wem die Stadt gehört. Als Jerusalem ist sie den Christen heilig, als Jerushalaym den Juden, als al-Quds den Arabern. Und alle haben ihre eigenen Vorstellungen davon, was diese Stadt in Zukunft sein sollte. Für Arieh King ist sie jüdisch und soll ungeteilt sein. »Wir suchen überall in Jerusalem nach Immobilien. Egal, wo«, sagt er. »Was die Regierung nicht erlaubt, erledigen wir auf unsere Weise.«

Auch die Regierung baut Siedlungen. Erst vergangene Woche, als die Weltkulturorganisation Unesco Palästina als Mitglied aufnahm , verkündete Netanjahu aus Protest den Ausbau zweier Siedlungen und den Bau von fast 2000 weiteren Wohnungen in Ostjerusalem. Als Barack Obama im Sommer seine programmatische Nahostrede hielt, konterte Netanjahu mit weiteren Siedlungen. Arieh King und die Regierung, sie sind wie zwei konkurrierende Unternehmen mit gleichem Ziel, aber unterschiedlicher Geschäftspolitik. Arieh King kauft, Benjamin Netanjahu baut.

Gemeinsam, so scheint es, kommen Netanjahu und King voran: Seit den siebziger Jahren hat sich die Zahl der Juden, die in Ostjerusalem leben, verdreifacht.

Aber für King ist die Netanjahu-Regierung noch viel zu liberal. »Es ist eine Schande, dass Bibi Netanjahu den Bau der Wohnungen als Strafe für die Unesco-Anerkennung beschließt. Eine Schande!« Für Arieh King sollte das der tägliche Lauf der Dinge sein: Wohnungen für Juden in Ostjerusalem, damit die Palästinenser erst gar nicht die Chance haben, die Osthälfte der Stadt zu ihrer künftigen Hauptstadt zu machen. So sammelt King geräuschlos Spenden in der ganzen Welt. Er pflegt den größten jüdischen Friedhof auf dem Ölberg, er kauft Häuser und Land und verkauft beides am liebsten an orthodoxe Juden. Aktuell wird auf der Website seiner Organisation ein Haus im muslimischen Viertel der Altstadt angeboten, 200 Quadratmeter, renovierungsbedürftig, mit archäologischen Funden aus der Zeit von König Herodes. 600.000 Dollar plus Maklergebühren.

Leser-Kommentare
  1. Das ist kein Armutszeugnis für die, die verkaufen, sondern für den, der die Armut seiner Mitmenschen für eine "sanfte ethnische Säuberung" Jerusalems missbraucht.
    Man nimmt ihnen ihre Häuser weg, und die Palästinenser dürfen sich für das schmutzige Geld noch bedanken. Der Gipfel der Erniedrigung.

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    • -CKV-
    • 17.11.2011 um 0:14 Uhr

    ... habe ich es satt, mich als Deutscher "schämen zu müssen". Ich schäme mich für absolut nichts in dieser Hinsicht, ich bin fast ein halbes Jahrhundert danach geboren.

    Bitte beteiligen Sie sich konstruktiv. Danke, die Redaktion/mk

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    • -CKV-
    • 17.11.2011 um 0:14 Uhr

    ... habe ich es satt, mich als Deutscher "schämen zu müssen". Ich schäme mich für absolut nichts in dieser Hinsicht, ich bin fast ein halbes Jahrhundert danach geboren.

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    • lef
    • 16.11.2011 um 18:39 Uhr

    ist auf Dauer nun mal überlebensfähiger.
    Palästina ist davon weit entfernt,
    wer soll es denen verdenken, die rechtzeitig ihre Häuser ff verkaufen?
    Lieber weit weg leben

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Er holt seinen BlackBerry heraus und liest laut Namen vor – Palästinenser, die ihre Häuser und Grundstücke in Jerusalem verkaufen wollen. [...] Sie wissen, dass Arieh King Anonymität garantiert.

    Köstlich.

    5 Leser-Empfehlungen
    • lef
    • 16.11.2011 um 18:45 Uhr

    MIT GEELD, als in "Palästina" mit Sozialhilfe aus Europa+USA.

    Wobei zu bedenken ist, dass in "Palästina" (ist ja noch kein Staat) noch islamisches/osmanisches Bodenrecht gilt:
    Verkauft werden kann nur das Nutzungsrecht, nicht der Boden.
    Grundbücher und Privatbesitz gibt es nicht.Und es gilt: Die Mehrheit bestimmt über die Rechte der Mitbewohner.
    Irgendwann ist die Mehrheit israelisch, dann können die Preise enorm sinken.
    Aber dafür, dass in "Palästina" islamisches (oder osmanisches) Bodenrecht gilt, dafür können Israelis nun wirklich nichts.

    3 Leser-Empfehlungen
  3. Nach einer Staatsgründung kann ein Palästinensischer Staat das Problem so lösen wie vorher viele Palästinenser selber vorher ihr Land verloren haben.

    -Die in Ostjerusalem wohnen Israelis ausweisen.

    -Den ausgewiesenen jede Geschäftsfähigkeit absprechen.

    -Ihre Wohnungen / Grundbesitz 2 -3 Jahre leer-stehen lassen.

    -Leersehende Gebäude und Ungenutzte Grundstücke Entschädigungslos Enteignen.

    Problem gelöst, dauert 2 bis 4 Jahre.

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  4. 6. [...]

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  5. Denn: wer Wind sät, wird Sturm ernten.

    2 Leser-Empfehlungen
    • otto_B
    • 16.11.2011 um 20:05 Uhr

    Was ist an dem Vorgang so bemerkenswert?
    Vor 100 Jahren war eine so gestaltete Zusammenarbeit (Fluß von Geld in die eine, und von Besitztiteln in die andere Richtung) schon exakt die gleiche.

    Was mir noch einfällt:
    Warum wird die Grenzlinie, wenn man von ihr spricht, immer als die von "1967" bezeichnet - dem Zeitpunkt als sie verschwand? Genausogut könnte man diese Linie mit "1948" titulieren. Oder ist die Erinnerung an den Palästinakrieg unerwünscht?

    Auch mit der Formulierung:
    "....das Datum, an dem Israel Krieg gegen die arabischen Staaten geführt....hat"
    wär ich vorsichtig. Da steckt eine Wertung drinn, die man nicht unbedingt teilen muß.

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