Andreas Baum, Fraktionsvorsitzender der Berliner Piratenpartei © John MacDougall/AFP/Getty Images

Berliner Abgeordnetenhaus: die Tür zum Sitzungssaal Nummer 109. In zwei Tagen, am 26. Oktober, beginnt die offizielle Amtszeit der am 18. September mit 8,9 Prozent sensationell ins Berliner Stadtparlament gewählten Piraten . Bundesweit steht die Partei bei 10 Prozent – das ist die viertstärkste politische Kraft nach den Grünen, vor den Linken und der FDP. Mit Andreas Baum haben die Berliner Piraten einen Fraktionsvorsitzenden, den man sympathisch finden muss – es geht wirklich nicht anders: Er sieht wie eine 2011-Mischung aus Rudi Dutschke, Telekom-Kundenberater und englischem Gitarrenpop aus. Bisschen schwierig ist, dass das Programm der Piraten in den Köpfen ihrer potenziellen Wähler reichlich konfus ist (»irgendwas mit Internet und mit Transparenz«) – aber auch das macht ja vor allem gute Laune. Die wunderbare Aura des Offenen, Unbekümmerten, Angstlosen, des Noch-nicht-Zugenagelten, des Uneffizienten, des Unprofessionellen: Man kann als vom Blah des deutschen Politikbetriebs ganz normal total Gequälter ja gar nicht genug von dieser Art kriegen. Legendär ist heute Baums Antwort auf die Frage eines Fernsehreporters, wie viel Schulden Berlin habe (»Viele, viele Millionen«; seither weiß ganz Deutschland, dass Berlin über 63 Milliarden Euro Schulden hat). Dass es sich bei den Piraten nicht einfach um eine neue Partei, sondern um eine neue Kultur, einen neuen Politikstil handelt, war in dem Moment klar, als der frisch gewählte Vorsitzende auf die Frage der ARD-Wahlstudio-Interviewerin mit den immer klugen, immer richtigen Worten »Keine Ahnung« antwortete und dazu sein entwaffnendes Lächeln aufsetzte. Der Vorsitzende kommt mit dem piratigen Viertelstündchen Verspätung: Rucksack, Trainingsjacke, Turnschuhe. Er ist angenehm groß. Saal Nummer 109 ist von debattierenden Parteikollegen besetzt, die neuen Räume, die den Piraten zustehen, hat die abgewählte FDP noch nicht geräumt. Wir sitzen also im Flur des Abgeordnetenhauses auf sehr hässlichen roten Ledersesseln. Dauernd kommen Anzugmenschen vorbei, gucken, grüßen: Wenn das kein transparenter Ort für ein Interview ist. Er wirkt vollkommen unaufgeregt. Ja, es waren viele Interviews in den letzten Wochen.

ZEITmagazin: BlackBerry oder iPhone?

Andreas Baum: iPhone.

ZEITmagazin: Haschisch oder Beck’s-Bier?

Baum: Beck’s.

ZEITmagazin: Geld verdienen oder Gutes tun?

Baum: Gutes tun.

Wie bei vielen zugezogenen Berlinern glaubt man bei ihm ein leichtes Berlinerisch zu hören: 2003 zog Baum, geboren und aufgewachsen in Kassel, 25-jährig nach Berlin. Man kennt sein Gesicht vielleicht aus der Zeitung, aber weiß doch praktisch noch nichts von ihm: Die folgenden Fragen sollen die Silhouette seiner Person in die Luft schießen.

ZEITmagazin: Ihre Augenfarbe?

Baum: Graugrün. Nein, braungrün, so rum war’s.

"Lange Haare sind mir zu aufwendig"

ZEITmagazin: Ihr Abi-Durchschnitt?

Baum: Ich habe kein Abitur. Fachhochschulreife. 2,3.

ZEITmagazin: Ihr Intelligenzquotient?

Baum: Nie gemessen.

ZEITmagazin: Überflieger-Jahrgang 1978?

Baum: Nö.

ZEITmagazin: Die Berufe Ihrer Eltern?

Baum: Beide Lehrer. Mathematik und Physik am Gymnasium. Interessant ist doch, dass der Sohn leider kein Abitur hat.

ZEITmagazin: Ist es Ihnen heute peinlich, dass Sie drei Jahre bei der Telekom gearbeitet haben?

Baum: Ich habe bei einem Subunternehmer der Telekom gearbeitet. Insofern: Nein, ist mir nicht peinlich.

ZEITmagazin: Wie viele Polohemden von H&M sind es derzeit in Ihrem Kleiderschrank?

Baum: Vielleicht fünf.

ZEITmagazin: Besitzen Sie mittlerweile einen Anzug?

Baum: Schon lange. Spätestens seit der Beerdigung meiner Mutter im Jahr 1990.

ZEITmagazin: Warum tragen Sie, obwohl ranghohes Mitglied der Piraten, keinen Pferdeschwanz?

Baum: Lange Haare sind mir zu aufwendig.

ZEITmagazin: Hat einer wie Sie eine Freundin, oder möchte er darüber hier besser nicht reden?

Baum: Gerne nicht darüber reden.

ZEITmagazin: Wie hoch schätzen Sie den weiblichen Anteil Ihrer Persönlichkeit ein?

Baum: Auf 30 Prozent.

ZEITmagazin: Gehört das zum Look eines Piraten, dass man ein bisschen arm rüberkommt?

Baum: Wir haben sowohl Reiche wie auch Arme in unserer Partei. Aber wir kümmern uns gleichermaßen mehr um die Armen als die Reichen, weil die Armen bedürftiger sind und die Reichen sich besser selber helfen können.

ZEITmagazin: Ist das wichtig, dass man als Pirat immer ein bisschen ungewaschen aussieht?

Baum: Nö.

Gütiges Lächeln des Berliner Chefpiraten. Das findet er auch lustig, dass die Piraten stinken sollen. Warum? Er wirkt eben alles andere als ungewaschen, ganz so, als komme seine Schluffi-Garderobe gerade frisch aus dem Trockner. Des Piraten Trainingsjacke riecht gut nach Waschmittel. Seine Hände liegen zwischen den Jeansbeinen. Genug niedliche Blabla-Fragen: auf in die ernste Politik! Wir spielen ARD-Wahlstudio.

ZEITmagazin: Einverstanden, dass der Parteiname »Die Piraten« ein absolut lächerlicher ist?

Baum: Ja. Der Name wurde anfangs ja ironisch verwendet, er ist eine Umdeutung des Labels »Die schlimmen Piraten, die den großen Musikkonzernen durch illegales Downloaden das Geld wegnehmen«. Wir zeigen, dass man auch mit so einem Namen Sinnvolles und Ernsthaftes tun kann.

ZEITmagazin: Was ist eine Weiche-Themen-Partei?

Baum: Das ist eine Partei, die sich um ein Thema herum – der gläserne Staat, Datenschutz für den Bürger – gegründet hat und sich seither ständig thematisch erweitert.

ZEITmagazin: Voll auf Kurs, aber ohne jeden Plan?

Baum: Nö.

ZEITmagazin: Echt wahr, dass Sie statt eines Parteiprogramms nur ein Betriebssystem haben?

Baum: Wir haben natürlich ein Parteiprogramm .

"Rauschkunde ist wichtig"

ZEITmagazin: Hat Barack Obama sich den wunderschönen Begriff Liquid Democracy ausgedacht, oder waren das Sie?

Baum: Weder noch.

ZEITmagazin: Können Sie hier in verständlichen Worten noch mal das Betriebssystem Liquid Feedback erklären?

Baum: Die Parteimitglieder können auf direktem Wege an Entscheidungen mitwirken: indem sie sich auf einer Onlineplattform einloggen und dort gemeinsam verbindliche Meinungsbilder erstellen können.

ZEITmagazin: Schulfach Rauschkunde?

Baum: Ist wichtig, ja. Weil Kinder und Jugendliche sonst nicht auf das echte Leben, das sie hier draußen erwartet, vorbereitet werden.

ZEITmagazin: Löschen statt sperren?

Baum: Muss sein, ja. Es hilft nichts, wenn man eine Spanische Wand vor einem Verbrechen im Park aufstellt mit einem Schild mit der Aufschrift »Bitte weitergehen«.

ZEITmagazin: Zitat aus dem Piraten-Parteiprogramm: »Die allgemeine Verfügbarkeit von Informationen, Wissen und Kultur soll verbessert werden.« Echt?

Baum: Bedeutet: Jeder soll bessere Möglichkeiten haben, an Informationen, zum Beispiel Lehrmaterial von Universitäten, heranzukommen. Anderes Beispiel: Was hindert Schulen daran, Unterrichtsmaterial online zu stellen?

ZEITmagazin: »Die Erfassung des Merkmals Geschlecht durch staatliche Behörden wie der Zwang zu geschlechtseindeutigen Vornamen soll abgeschafft werden.« Echt?

Baum: Ja. Zum Beispiel beim Personalausweis. Wir sehen keinen plausiblen Grund, warum der Staat diese Angabe braucht.

ZEITmagazin: Können Sie hier mal bitte eine schockierend fortschrittliche Aussage zum Thema Urheberrecht machen?

Baum: Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie das Urheberrecht so reformiert werden kann, dass der Anwender es versteht. Im Moment merken wir, dass sogar die, die eine Verschärfung des Urheberrechts fordern, mit der jetzigen Anwendung nicht klarkommen: Wenn Herr Kauder auf seiner Website gestohlene Bilder zeigt, begeht er, ohne dass er ein Bewusstsein dafür hat, eine Urheberrechtsverletzung.

ZEITmagazin: Kann man sagen, dass der Durchbruch Ihrer Partei auf die absolut lächerliche und gescheiterte Stopp-Kinderporno-Aktion der Ministerin von der Leyen aus dem Jahr 2009 datiert?

Baum: Das hat uns geholfen. Die Themen, die danach hochpoppten, hätten allerdings denselben Effekt gehabt. Von der Leyen war Anlass, nicht Ursache unseres Erfolgs.

ZEITmagazin: Ihre Antwort auf die Meinung, dass es sich bei den Piraten um einen Haufen hochbegabter Chaoten handelt?

Baum: Ist okay.

ZEITmagazin: Ihre Antwort auf die verbreitete Meinung, dass es sich bei den Piraten um einen Machoklub handelt?

Baum: Das stimmt überhaupt nicht. Abseits der Geschlechtsmerkmale erkenne ich bei den Piraten mehr Weiblichkeit als bei den anderen Parteien.

ZEITmagazin: Wann zuletzt so richtig schön über Ursula von der Leyens Frauenquote schlapp gelacht?

Baum: Weiß auch nicht. Ich lache mich über keine Frauenquote schlapp.

ZEITmagazin: Was haben Sie persönlich gegen Frauen?

Baum: Gar nichts.

"Obama? Der ist schon sehr weit weg"

ZEITmagazin: Feindbild Zensursula?

Baum: Sie hat das schon klasse bedient.

ZEITmagazin: Feindbild Stasi-Schäuble?

Baum: Ach nö. Ein Erfolg ist natürlich, dass die Stasiakten 1990 nicht unbesehen vernichtet worden sind.

ZEITmagazin:Ehemalige NPD-Mitglieder rein in die oder raus aus der Partei?

Baum: Weder – noch. Wir sollten nicht um sie werben. Es kann aber durchaus sein, dass ein Mensch mal auf dem Irrweg war. Man kann einen Jugendlichen, der sich geirrt hat, nicht ein Leben lang aus der demokratischen Gesellschaft ausschließen. Es lohnt sich, da genau hinzugucken.

ZEITmagazin: Wie heißt der tollste Wirrkopf Ihrer Partei?

Baum: Ich denke in Orten, Zeitpunkten, Versammlungen, nicht in Köpfen.

ZEITmagazin: Schlimm, dass der jetzige Bundesvorstand früher bei der CDU war?

Baum: Schlimm mit Sicherheit nicht. Hilfreich ist es auch nicht. Ehemalige Parteimitgliedschaften werden zu stark gewichtet. Ich denke, man muss die Menschen nach dem bewerten, was sie gerade tun, nicht danach, wo sie herkommen.

ZEITmagazin: Wie erklären Sie sich den hochinteressanten und speziellen Style des Kollegen Gerwald »Atze« Claus-Brunner, der mit Kopftuch und Blaumann in Talkshows sitzt?

Baum: Das ist ein Arbeitstier.

ZEITmagazin: War das wichtig, dass Marina Weisband, einziges weibliches Mitglied im Parteivorstand, gut aussieht?

Baum: Nein.

ZEITmagazin: Die größte Begabung der 19-jährigen Berliner Piratin Susanne Graf?

Baum: Sie kann bestimmte Dinge und Situationen schnell erfassen und analysieren. Das ist unter Berücksichtigung ihrer Umstände – einzige Frau unter 15 Parteikollegen, Beginn der Parlamentsarbeit, Studium, das jetzt gerade anfängt – schon beachtlich. Ich würde das sicher nicht so gut hinkriegen.

Ist es langweilig bisher? Schon bisschen. Man muss schon sehr genau hinhören und sich für das Klein-Klein, das Einerseits-Andererseits seiner Antworten interessieren – Politik eben. Dann ist es nicht langweilig. Das wunderbare Nö-Tum des Andreas Baum. Er sagt eigentlich am allerliebsten »Nö«, und dann lächelt er. Baum zuhörend, denkt der Interviewer, dass viel mehr Politiker »Nö« sagen sollten – es steckt in diesem verminderten Nein ja immer auch noch die Möglichkeit eines Ja, also weniger Dogmatismus, weniger Verbohrtheit.

ZEITmagazin: Müssen Sie auch immer so lachen, wenn die politische Konkurrenz in Interviews die Einschüchterungsworte »Lass die mal im politischen Alltag ankommen« aufsagt?

Baum: Nö. Ich habe da durchaus Respekt vor der vor uns liegenden Aufgabe.

ZEITmagazin: Hat die Berliner FDP ihre Fraktionsräume besenrein an Sie übergeben?

Baum: Bisher sind die nicht raus. Die ziehen keinen Tag früher aus als nötig. Das Konferenzzimmer mit der Nummer 109 ist der einzige Raum, der uns zur Verfügung steht.

ZEITmagazin: Welche Revolution in der Kantine des Berliner Abgeordnetenhauses müssen Sie noch lostreten?

Baum: Die Revolution in der Kantine haben wir schon durchgesetzt: Es gibt dort jetzt Club-Mate, das Kultgetränk der Piraten.

ZEITmagazin: Was kann Fraktionschef Andreas Baum von US-Präsident Barack Obama lernen?

Baum: Von US-Präsident Obama? Keine Ahnung. Der ist schon sehr weit weg.

ZEITmagazin: Wann zuletzt über die eigene Ahnungslosigkeit gefreut?

Baum: Ich freue mich immer nur, wenn ich etwas dazulerne: zuletzt bei unserem Lagerfeuer-Wochenende in Tschechien.

ZEITmagazin: Wann zuletzt wegen Ihrer eigenen Ahnungslosigkeit geschämt?

Baum: Eine große Peinlichkeit war natürlich, dass ich nicht gewusst habe, wie hoch die Schulden des Landes Berlin sind. Das war schon eine Schande. Da hätte ich mich gerne in ein Loch im Erdboden versenkt.

"Parteinamen sind immer überbewertet"

ZEITmagazin: Antwortet man bei Interviews am besten möglichst oft mit »Das ist richtig«?

Baum: Nein.

ZEITmagazin: Macht es Spaß, auf die pseudotoughen Fragen im ARD-Wahlstudio mit »Keine Ahnung« zu antworten?

Baum: Nein, Spaß macht das nicht.

ZEITmagazin: Wie viele Einwohner hat Berlin?

Baum: Drei Millionen?

ZEITmagazin: Wie heißt die Endstation der U1 in östlicher Richtung?

Baum: Die U1 fährt zwischen Uhlandstraße und Warschauer Straße.

ZEITmagazin: Wie heißt der Berliner Polizeipräsident?

Baum: Herr Glietsch? Der Posten wird aber gerade neu besetzt, da gibt es ein Klageverfahren.

ZEITmagazin: Ihre unterhaltsamste Forderung zum neuen Berliner Flughafen Schönefeld?

Baum: Für den alten Flughafen Tempelhof mag ich die Idee, dort einen Berg zu errichten.

Halbzeit. Er kommt gut klar: Er macht das hier mit leichter, federnder Konzentration. Dem Interviewer ist peinlich, wie sympathisch ihm dieser Trainingsjacken tragende Nachwuchspolitiker auf dem hässlichen roten Ledersessel nebenan ist. Machen wir das hier richtig? Müsste man diesem Supersympathen vielleicht toughere, gemeinere, technokratischere Fragen stellen? Ach nö! Lächelnder, die Hände zwischen seinen Jeansbeinen zusammenpressender Pirat. Wir gehen nun in den kurzweiligen Absatz mit dem Arbeitstitel »Piraten wählen, die Grünen quälen«. Mal hören, ob der Pirat gemein sein kann!

ZEITmagazin: Kennen Sie einen lächerlicheren Parteinamen als »Die Grünen«?

Baum: Parteinamen sind immer überbewertet.

ZEITmagazin: Ihr Stylingtipp an Claudia Roth?

Baum: Weniger Farbe tragen.

ZEITmagazin: Wann zuletzt den wunderbaren Schlachtgesang »Ihr seid alt« angestimmt?

Baum: Von dem Lied weiß ich gar nichts.

ZEITmagazin: Echt wahr, dass der Grüne Christian Ströbele, wenn er neben einem steht, bisschen nach Käsesocken riecht?

Baum: Ist mir nicht aufgefallen. Ich stand zweimal neben ihm, und es war beide Male ganz nett.

ZEITmagazin: Echt wahr, dass Ihnen von Christian Ströbele ein Mitgliedsantrag vorliegt?

Baum: Er hat mich tatsächlich – und das habe ich noch nirgends erzählt – gefragt, ob wir noch Mitglieder aufnehmen. Was viele nicht wissen: Als einzige Partei in einem Parlament erlauben wir die Doppelmitgliedschaft. Man kann bei uns Mitglied werden und gleichzeitig in einer anderen Partei Mitglied sein.

Vorlage nicht genutzt: Das waren, natürlich, komplett sachliche und unhämische Antworten. Bravo. Des Piraten Moral, seine Unverführbarkeit überzeugen. Die Botschaft lautet: Die Grünen brauchen wir in Interviews nicht fertigzumachen, wir treiben sie lieber mit Wahlergebnissen vor uns her. Ein historisches Verdienst der Piraten liegt darin, dass sie die Grünen als junge Partei abgelöst haben.

ZEITmagazin: Ihre letzte Demo?

Baum: »Freiheit statt Angst«. Da ging’s um die Vorratsdatenspeicherung . Natürlich habe ich bei der Occupy-Bewegung vorbeigeschaut.

"Denken kann ich schon noch selber"

ZEITmagazin: Können Sie uns in wenigen verständlichen Worten den Hebel erklären?

Baum: Nein.

ZEITmagazin: Hätten wir nach Libyen doch mit reingehen sollen?

Baum: Nein. Übrigens haben wir ja über Umwege an der Bombardierung Libyens teilgenommen: Es laufen Ermittlungen gegen die Waffenfirma Heckler & Koch.

ZEITmagazin: Mit welchen Worten würden Sie dem Innenminister Friedrich, der da ja ein wenig begriffsstutzig zu sein scheint, die Brisanz der Trojaner-Affäre erklären?

Baum: Meine Frage wäre, ob er damit einverstanden wäre, wenn Leute, ohne dass er davon weiß, Zugriff auf seinen Computer haben.

ZEITmagazin: Gehen Ihnen die Stuttgart-21-Proteste auch so auf die Nerven?

Baum: Ich bin gerade so mit Berlin-Zeug voll, daher die Gegenfrage: Gibt’s die Proteste noch?

ZEITmagazin: Ihre Kritik am Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann?

Baum: Ach, der.

ZEITmagazin: Ihre Schnellkritik am Papst?

Baum: Der braucht, glaube ich, mehr Erdung.

ZEITmagazin: Ist das für das ernsthafte Anliegen Ihrer Arbeit ein Problem, dass die Kapitalismuskritik derzeit weltweit so eine schicke und hippe Sache ist?

Baum: Ich betrachte das als Chance, nicht als Problem: Wir wollen den Leuten zeigen, wie man aus der Kritik heraus zu konkreten Forderungen kommen kann und diese im jetzigen System, ohne dass man es komplett abschalten muss, umsetzen kann.

ZEITmagazin: Welches Ideal des Liberalismus möchten Sie dem FDP-Intellektuellen Christian Lindner gerne erklären?

Baum: Wie das mit den Bürgerrechten ist und was man für die tun muss. Im Moment macht die FDP keinen Sinn. Sie produziert keinen Sinn.

ZEITmagazin: Wie lautet Ihr Mitleid mit dem plötzlich uralt wirkenden SPD-Internetberater Sascha Lobo?

Baum: In der Regel habe ich Mitleid immer nur mit Menschen, die mir nahegehen.

ZEITmagazin: Verstehen Sie die Feuilletontexte des »FAZ«-Herausgebers Frank Schirrmacher?

Baum: Glaube schon, ja.

ZEITmagazin: Namentlich, wer in den etablierten Parteien ist derzeit der scheinheiligste und gemeinste Internetversteher?

Baum: Da tun sich gerade viele hervor, zuletzt im Bundestag der Herr Uhl von der CSU.

ZEITmagazin: Wenn ein Konservativer wie der CDU-Bundesgeschäftsführer Peter Altmaier sich zur digitalen Welt bekennt, hat sich der Sinn Ihrer Partei damit erledigt?

Baum: Der Sinn hat sich nicht erledigt, weil Herr Altmaier in seiner Partei alleine dasteht.

Wirklich irre, wirklich überraschend ist doch, dass die Piraten es ausgerechnet mit dem Langweilthema Internet – Lieblingsthema aller 60-jährigen Männer, die ihre 30-jährige Freundinnen beeindrucken wollen – ins Berliner Abgeordnetenhaus geschafft haben. Wen interessiert im Jahr 2011 denn noch das Internet? Anscheinend jetzt, gut zehn Jahre nachdem jeder zweite deutsche Haushalt WLAN hat, zum ersten Mal wirklich: alle. Wir versuchen nun, dem Nichtthema Internet so etwas wie Soul, so etwas wie eine Philosophie abzugewinnen.

ZEITmagazin: Kennen Sie ein schöneres Geräusch als das Zischen des Computers, wenn die EMail den Postausgang verlässt?

Baum: Schönes Geräusch, stimmt.

ZEITmagazin: Kann man Computern vertrauen?

Baum: Wenn man weiß, wie sie funktionieren, ja.

ZEITmagazin: Was müssen Computer noch lernen?

Baum: Zu funktionieren. Was ich nicht vermisse, ist, dass Computer anfangen, für mich zu denken. Denken kann ich schon noch selber.

"Junge sind oft frischer als alte"

ZEITmagazin: Was macht ein Mensch falsch, wenn er in seinem E-Mail-Account unentwegt Angebote zur Penisverlängerung vorfindet?

Baum: Er hat einen schlechten Spamfilter.

ZEITmagazin: Haben Sie in all den Jahren eine Lösung für das leidige Problem des Papierstaus beim Ausdrucken gefunden?

Baum: Ich habe mir gerade einen digitalen Einzugscanner besorgt. Ausdrucken ist gar nicht so wichtig, wie – andere Richtung – das Papier wieder zurück in den Computer zu holen.

ZEITmagazin: Echt wahr, dass Sie Ihren Facebook-Account gekündigt haben?

Baum: Der ist stillgelegt, da ich diese Seite nicht so nutzen kann, wie ich das möchte. Ich kann da nicht zwischen öffentlicher und privater Person trennen.

ZEITmagazin: Ist das Internet, wie die ganz Schlauen behaupten, gut für eine Bewegung, aber nicht gut für eine Partei?

Baum: Da beweisen wir ja gerade das Gegenteil.

ZEITmagazin: Heißt Ihre persönliche Philosophie »Mal gucken«?

Baum: Das sage ich, glaube ich, ziemlich oft. Also ja.

ZEITmagazin: Grundsätzlich, sind junge Menschen klüger als alte?

Baum: Junge sind oft frischer als alte. Es gibt eine jugendliche Undeprimiertheit, die für Gutes zu gebrauchen ist. Es hilft, möglichst lange jung zu bleiben im Kopf.

ZEITmagazin: Haben Langhaarige die bessere Moral als Kurzhaarige?

Baum: Das ist Quatsch.

ZEITmagazin: Sind Sie für die Demokratie der Fachleute?

Baum: Ja. Allerdings: Es muss ein Gleichgewicht geben. Wir sollten nicht alle Entscheidungen an Experten delegieren. Eine Expertenmeinung ist immer nur so gut, wie sie einem Nichtexperten verständlich gemacht werden kann.

ZEITmagazin: Warum ist das Internet – ähnlich wie Fußball, Autorennen fahren, Bier trinken und Krieg führen – eine Männerdomäne?

Baum: Weil solche Fragen immer noch gestellt werden. Weil diese gesellschaftlichen Festlegungen existieren, deshalb bekommen Jungs Computer und Mädchen Barbiepuppen, aber keine Computer geschenkt.

Der Piraten-Vorsitzende. Er hat, während er diese Fragen beantwortet hat, zum ersten Mal sein Gehirn in Gang setzen müssen – was auch an seiner leicht veränderten Körpersprache zu erkennen ist: Seine Beine sind übereinandergeschlagen, mit zwei Fingern der rechten Hand zieht Andreas Baum die Haut oberhalb seines Adamsapfels vom Hals weg. Die wunderbare Ruhe des Piraten: Seine Bescheidenheit, Nüchternheit, Lakonie müsste man haben. Wo nimmt er nur diese wunderbare Ruhe her? Ach, möge dieser junge Politiker sich doch noch möglichst lange nicht darum kümmern, wie sein Verhalten auf Fernsehkameras und auf Interviewer wirkt!

ZEITmagazin: Schätzen Sie Ihr Talent zwischen null Punkten, keine Begabung, und zehn Punkten, maximale Begabung, ein. Punk.

Baum: Drei.

ZEITmagazin: Frauenheld.

Baum: Fünf.

ZEITmagazin: Gutmensch.

Baum: Sechs.

ZEITmagazin: Systemadministrator.

Baum: Eins.

"Helden interessieren mich nicht"

ZEITmagazin: Gerhard Schröder.

Baum: Fünf.

ZEITmagazin:Johnny Depp.

Baum: Fünf.

ZEITmagazin: Besitzen Sie eine Waffe?

Baum: Nur mein Smartphone.

ZEITmagazin: Ihr Held der Oktoberrevolution 1917?

Baum: Keiner.

ZEITmagazin: Ihr Held bei der Roten Armee Fraktion?

Baum: Helden interessieren mich nicht.

ZEITmagazin: Was spricht gegen ein Dienstfahrrad?

Baum: Dass es nicht im Haushaltsplan steht.

ZEITmagazin: Was sagt Ihre iPhone-App, wie viele Schulden Berlin in dieser Minute hat?

Baum: Es sind exakt 64.595.917.780 Euro. Und es werden pro Sekunde 87 Euro mehr.

ZEITmagazin: Verstehen Sie, was der Rapper Bushido gegen Ihre Partei hat?

Baum: Erstens hat er uns noch immer nicht verstanden. Zweitens macht er Musik, die viele von uns ganz schlimm finden. Zu denen gehöre ich übrigens nicht.

ZEITmagazin: Spontan, wie geht’s der Würde des Menschen in diesem Herbst 2011?

Baum: So wie gestern. Bloß bisschen trüber.

ZEITmagazin: Ist das Ihre Schwachstelle, dass Sie nicht rauchen?

Baum: Die Frage verstehe ich nicht.

ZEITmagazin: Finden Sie sich eigentlich sehr gut aussehend?

Baum: Ist schon okay.

ZEITmagazin: Wo nehmen Sie diese wunderbare Ruhe her?

Baum: Die hat man, oder die hat man nicht. Ruhe kann auch hinderlich sein. Manchmal wäre es notwendig, noch energischer und lauter aufzutreten. Da muss ich noch an mir arbeiten.

ZEITmagazin: Ausgeschlossen, dass Sie innerhalb der nächsten fünf Jahre zu den Grünen wechseln?

Baum: Ja.