ZEITmagazin: Frau Nöstlinger, Ihre Kinderbuchfiguren sind starke Persönlichkeiten. Auch Sie selbst wollten sich nicht erziehen lassen...

Christine Nöstlinger: Ja, dagegen hatte ich einen inneren Widerstand. Aber meine Eltern haben es mir auch sehr leicht gemacht: Ich konnte so frech sein, wie ich wollte, ich wusste, mir passiert nichts. Wäre ich so behandelt worden wie damals üblich, mit Ohrfeigen und Prügeln – ich glaube nicht, dass ich dann Widerstand geleistet hätte. Denn im Grunde kam ich mir schwach und hilflos vor.

ZEITmagazin: Fühlten Sie sich als Außenseiter?

Nöstlinger: Das überhaupt nicht. Ich war eher ein Leader-Typ und nicht sehr nett zu Außenseitern. Den Ausdruck »Mobbing« gab es damals noch nicht, aber ich habe gern über andere gespottet oder bissige Bemerkungen gemacht. Vielleicht wende ich mich deshalb in meinen Büchern gern Außenseitern zu. Außerdem sind sie einfach interessanter zu beschreiben.

ZEITmagazin: War der Spott über andere ein Weg, mit Ihrer Schwäche umzugehen?

Nöstlinger: Das ist heute noch meine Art, mich zur Wehr zu setzen. Ich kann bitterböse und zynisch sein. Andere mit wohlgeratenen bösen Bemerkungen zu verletzen, ich fürchte, das liegt mir. Eigentlich habe ich vor Auseinandersetzungen eine große Scheu. Früher bekam ich riesiges Herzklopfen dabei – aber wirkte nach außen nicht so. Ich habe mir antrainiert, völlig cool zu wirken und nicht zu zeigen, wie es innen ausschaut.

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ZEITmagazin: Sie wollten immer robust wirken...

Nöstlinger: ...während ich es in Wahrheit absolut nicht bin. Aber so komme ich mit dem Leben besser zurecht. Selbst wenn ich mich hilflos fühle, will ich nicht getröstet werden. Das ist ein gewisser Stolz. Ich sage es auch nicht, wenn es mir schlecht geht. Darum glauben viele, ich hätte meine zwei Krebserkrankungen weggesteckt wie nichts. Erst den Brustkrebs, dann letztes Jahr den Gebärmutterkrebs.

ZEITmagazin: Wenn Sie nicht getröstet werden wollen und als Atheistin auch in keiner Religion Trost suchen: Wo finden Sie in Krisen überhaupt Halt?

Nöstlinger: Manchmal muss man eben ein bisschen in Therapie gehen. Als mein Mann einen Schlaganfall hatte, zweieinhalb Jahre bewegungslos im Krankenhaus lag und kein Wort reden konnte, habe ich das zwar durchgehalten. Aber als er starb, ging es mir sehr schlecht. Ich wurde nicht damit fertig, dass ich mir seinen Tod gewünscht hatte. Das ist etwas ganz Schweres. Und dann ging ich halt zu einer Dame, die das gelernt hat, und schluckte ein paar Pillen, die mir sehr halfen.