Auf die Ruhe der Toten trinkt man in Russland ohne Worte. Iwan Panikarow hebt den Becher, hält inne, schweigt. Dann kippen wir den Wodka hinunter. Ringsum gelbgoldene Lärchen, die schneebedeckten Gipfel der Taiga. Wir trinken auf viele Tote an diesem verlassenen Hügel im Bezirk Jagodnoje, Region Magadan, acht Flugstunden von Moskau entfernt, in Russlands Fernem Osten.

Der steinige, ewig gefrorene Boden unter unseren Füßen birgt die Knochen Tausender, vermutlich Zehntausender Häftlinge. Wer sie waren, weiß niemand genau zu sagen. Männer, vielleicht auch Frauen, sowjetische Bürger und Ausländer, politische Gefangene – Diebe, Mörder? Josef Stalin ließ sie in den dreißiger Jahren verurteilen und auf Schiffen in diese lebensfeindliche Gegend deportieren. Sie sollten der rauen Landschaft Straßen abringen und Gold aus den Minen schlagen für den Aufstieg des Sowjetreichs. Die Großregion um den Kolyma-Strom, zu der Magadan und das benachbarte Jakutien gehören, wurde zum Synonym des Gulag, des riesigen Netzes von Arbeitslagern, das die gesamte Sowjetunion unter Stalin überzog. Bis zur Schließung der Lager nach dem Tod des Diktators 1953 kamen eine knappe Million Häftlinge hierher. Mindestens 130.000 haben nicht überlebt.

»Die Toten in diesem Massengrab sind nicht wie viele andere erfroren, verhungert, an Krankheit und Schwäche zugrunde gegangen. Sie wurden erschossen«, sagt Panikarow. In den achtziger Jahren hat er hier, bei Jagodnoje, beim Goldwaschen Knochen und Patronen gefunden. So fing alles an. Er erfuhr, dass dort, wo er auf Knochen gestoßen war, einmal das Untersuchungsgefängnis Serpentinka stand, in Wirklichkeit ein Todeslager, in dem die Schwachen, die nicht mehr arbeiten konnten, vernichtet wurden. Mit Freunden schleppte Panikarow 1991, ein paar Monate vor dem Ende der Sowjetunion, einen grob behauenen Granitblock her. Es war eines der ersten Denkmäler für die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft in Russland. »Der Stein ist ganz schlicht«, sagt Panikarow entschuldigend. »Aber es ist ein starkes kleines Denkmal.«

Iwan Panikarow ist kein Historiker, kein Menschenrechtler oder Intellektueller; er beschäftigt sich nicht von Amts wegen mit dem Gulag. Der 56-Jährige hat sein Geld lange als Klempner verdient, er war Belüftungstechniker und Bauarbeiter. Heute schreibt er für die Lokalzeitung Wahrheit des Nordens und betätigt sich ehrenamtlich als Chronist der Region.

Im Winter verheizten Anwohner das Holz der Lagerbaracken

Er gehört zu den wenigen, die freiwillig hierhergekommen sind. Mehr oder weniger freiwillig: Vor 30 Jahren ist er vor seiner ersten Schwiegermutter aus dem westrussischen Rostow am Don geflohen und heuerte bei einem Heizwerk in der Nähe von Magadan an. In dem Wohnheim, in dem Panikarow damals unterkam, teilte er das Zimmer mit einem ehemaligen Häftling, der ihm vom Leben im Gulag erzählte, zu Sowjetzeiten ein Tabu. Nicht einmal in den Familien der Opfer wurde über die Lager gesprochen. Den ehemaligen Gefangenen hing, mit oder ohne Rehabilitierung, ein Leben lang der Verdacht an, Volksfeinde zu sein.

Panikarow hörte zu; bald schrieb er mit. »Die Opfer des Gulag haben darauf gehofft, dass ihre Nachkommen die Wahrheit offenlegen.« Das ist Panikarows Überzeugung. Obwohl es in seiner Familie keine Opfer gab, versteht er sich als einer dieser Nachkommen.

Nach einer Weile verließ er das Wohnheim; er lernte eine Frau kennen, die beiden heirateten, er zog in die Regionshauptstadt Jagodnoje, einst Sitz der Verwaltung von rund 200 Lagern. Hier fing er an, nach den Namen der Häftlinge in den Lagern der Gegend zu suchen, schrieb Briefe an Behörden, an Angehörige in aller Welt und sammelte Lebensdaten. 1990 gründete er auf eigene Faust die »Gesellschaft zur Suche politisch Verfolgter«, denn die Menschenrechtsorganisation Memorial des Dissidenten Andrej Sacharow, die 1989 im westlichen Teil Russlands Stalins Gewaltherrschaft aufzuarbeiten begann, unterhielt in Magadan keine Dépendance. Ganz auf sich gestellt führt Panikarow seither einen Kampf gegen die Zeit: Schnee und Eis zerdrücken in den langen Wintern die hölzernen Baracken. Schienenstränge liegen rostig und zerrissen in den Tälern, Brücken verwittern, stürzen ein. Viele Hundert Lager gab es hier einmal, doch die Natur erobert sie zurück, die Relikte der stalinistischen Schreckensherrschaft drohen zu verschwinden.

Ein gutes Dutzend Lager hat Panikarow mehrfach besucht und fotografiert. Die meisten sind nur im Sommer zu erreichen, mit dem Jeep über schlammige Wege und durch Flussbetten. Nun, kurz vor dem Winteranbruch, kommt man lediglich bis nach Elgen, das zwei Autostunden nordöstlich von Jagodnoje an einer für hiesige Verhältnisse gut zu befahrenden Straße liegt. 1934 wurde hier eines der größten Frauenlager der Region eröffnet.