Der letzte Prophet betritt um kurz vor sieben die Bühne. Bedächtig setzt sich der alte Mann mit dem spitzen Kinn an die lange Tafel, die dort aufgebaut ist. Seine fünf Kollegen haben ihre Plätze schon eingenommen. Sie sehen so aus, wie man sich außerhalb der Schweiz den typischen Schweizer früher vorgestellt hat: wettergegerbte Gesichter, zum Teil von wuchernden grauen Bärten verdeckt, flinke, kleine Augen. Dazu der schwer verständliche Dialekt. Die Männer sind die Propheten des Vereins Innerschwyzer Meteorologen. Man nennt die sechs auch Wätterschmöcker – Wetterriecher. In einer Halle im Dörfchen Rothenthurm, in der normalerweise Rinder verkauft werden, wollen sie an diesem Abend das Wetter für den kommenden Winter vorhersagen. Um sich vom anwesenden Volk zu unterscheiden, tragen sie braune Westen aus Armeewolldecken mit aufgesticktem Monogramm. Wie sie so dasitzen, wirken sie wie die bäuerische Version des letzten Abendmahls.

Der Verein Innerschwyzer Meteorologen, so steht es in den handgeschriebenen Statuten, "bezwekt in erster Linie die Wettervorhersage in den Versammlungen o. in der Tagespresse". Er hat 4.000 Mitglieder, die sechs Propheten sind die Aushängeschilder. Sie sind alle Bauern, Alpwirte oder Jäger – ihre Prognosen beruhen auf Beobachtungen an Ameisen, Tannenzapfen, Feldmäusen und Wolken. Mit ihren Vorhersagen liegen sie in ungefähr 80 Prozent der Fälle richtig. Das schafft die computergestützte Profimeteorologie nur selten. In den vergangenen Jahren sind die Wätterschmöcker immer beliebter geworden. 750 Männer, Frauen und Jugendliche sind heute gekommen, um sie zu hören. Und auch wir sind gespannt: Dem Wetter kann man nicht mehr trauen. Winter gibt es schon lange keine richtigen mehr. Soll man es in diesem Jahr riskieren, Winterferien in der Schweiz zu buchen?

"Ich begrüße die interessierten Damen und Herren", ergreift um Punkt acht der Präsident das Wort. Mit angespannten Mienen blicken die sechs Wätterschmöcker vor sich hin. Als Propheten arbeiten sie nicht miteinander, sondern in Konkurrenz. Bevor einer nach dem anderen seine Vorhersage für das kommende halbe Jahr vorträgt, werden die Bewertungen für die zurückliegenden Sommerprognosen verkündet. Eine Jury verliest Punkte für Genauigkeit und Treffsicherheit. Der Gewinner ist für ein halbes Jahr "Wetterkönig". Konzentriert und verschlossen sitzt Peter Suter links an der Tafel. Sein Gesicht ist glatt rasiert und fein geschnitten. Er ist der Älteste und dabei, seit der Verein vor 65 Jahren gegründet wurde. Den Titel hat er schon viele Male gewonnen. Auch in den vergangenen Monaten stand der Wanderpreis, ein geschnitzter, etwas fluguntauglich aussehender Vogel, in seiner Stube.

Die Kläuse sollten besser Nebelheiler werden, weil es in dieser Zeit viel Bodennebel hat. Ab dem Zehnten bis 22. wird es veränderlich mit Schnee und schönen föhnigen Tagen. Nachher bis Ende des Monats eher Wanderwetter, oben recht schön, aber nur wenig Schnee.
Alois Holdener (Tannzäpfler)

Dieses Mal muss Suter ihn abgeben. Um einen Punkt liegt sein Kollege Alois Holdener vorn: der "Tannzäpfler". Die Methoden, mit denen die Wätterschmöcker zu ihren Prognosen kommen, sind ähnlich. Doch damit man die sechs besser unterscheiden kann, trägt jeder einen Übernamen. So gibt es den Tannzäpfler, den "Naturmenschen", den "Muser" – Mausejäger. Peter Suter ist als "Sandstrahler" bekannt. Das hat allerdings nichts mit dem Wetter zu tun. Bis zu seiner Pensionierung befreite er in der eigenen Werkstatt für Bauunternehmen Metalle mit dem Sandstrahler von Rost.

In seiner Eigenschaft als Prophet achtet Suter vor allem auf Bäume und das Verhalten von Waldameisen. Wer Gelegenheit hat, an einem sonnigen Herbsttag mit ihm durch das Muotathal zu streifen, erhält von ihm ein paar Lektionen im Wetterriechen. Damit Suter zu seinen "Tannli" gelangt, muss sich sein Bus durch das Tal in Richtung Pragelpass hinaufarbeiten. Bei einer Lichtung auf dem Charen hält der Prophet an, setzt sich einen ausgeblichenen Sonnenschild auf den Kopf und strebt zum Waldrand. Wenn man hinter ihm geht, käme man niemals auf die Idee, dass der geschmeidige Mann mit dem sicheren Schritt 85 Jahre alt ist. Mit geradem Rücken, die Hände vor dem Bauch gefaltet, steuert er über den vernadelten Weg in die Tiefen des bunten Waldes. Hierher kommt er fast jeden Tag. Vor drei unscheinbaren Tannen bleibt er stehen. "Diese Tannli habe ich viel besucht. Aber heuer sind sie zu groß geworden und können das Wetter nicht mehr vorhersagen. Bei jüngeren Bäumen sieht man manchmal, wie sich die Triebe gegen Mittag nach Osten ausrichten. Das bedeutet, dass es am Nachmittag regnen wird." Suter greift hier kurz nach einem Ast, berührt dort prüfend einen Baumstamm. Hin und wieder bückt er sich zu einem bemoosten Stein oder zu einer Pflanze hinunter und dreht ein Blatt. "Die Pestwurz sieht an der Unterseite silbrig aus. Wenn sich die Blätter nach oben drehen, bedeutet das, dass es bald regnen wird."

Anfangs veränderlich. Um Mitte setzt an mehreren Tagen Schneefall ein. An Weihnachten Schnee zur Genüge. Die Christbäume draußen brauchen keine Kerzen, da die Schneelast schon zu schwer ist.
Karl Hediger (Naturmensch)

Suter kennt den Wald, als sei er sein Wohnzimmer. Schließlich hat er praktisch sein ganzes Leben hier verbracht, von Kindheit an. Sogar sonntags, wenn er sich daheim hätte ausruhen können vom Helfen auf dem elterlichen Hof und den langen Fußmärschen zur Schule, zog es ihn in die Natur. "Der Vater war immer dagegen. Er sagte, wenn man unter der Woche genug gearbeitet hat, muss man am Sonntag nicht auch noch aus dem Haus." Vielleicht war die stille Weite der Ort, wo der schwere Alltag und der strenge Vater an Bedeutung verloren. Manchmal, bevor das Wetter umschlug, habe er seltsame Stimmungen in der Luft wahrgenommen, sagt Suter. "Man glaubte fast, am Waldrand aus dem Augenwinkel Gespenster zu sehen." Die Älteren hätten dann empfohlen, ein Gebet zu sprechen. "Aber ich habe irgendwann gewusst, dass das etwas mit dem Wetter zu tun hat."