»Eigentlich müsste man immer online sein!«, schwärmt die Werbeagentur Kolle Rebbe in ihrem neuesten Reklamefilmchen im Internet. Doch ach, ständig diese lästige analoge Welt! Urlaub, Geschäftstermine, Krankheit, Flitterwochen – dauernd gibt es etwas, was die virtuelle Existenz in ihrer Entfaltung stört!

Mehr als überfällig, dass sich jemand der Sache annimmt und das digitale Ich von seinen nervigen Offline-Pausen befreit. »Social Sitter« tauften die Werber ihren Lösungsvorschlag, der die kurzfristige Absenz im Netz zwar nicht verhindern, aber zumindest kaschieren kann. Bei Facebook darf sich nun jeder User, der das Social Network für einige Zeit gezwungenermaßen nicht besuchen kann, eine kostenlose Vertretung im Netz auswählen. Aus einer Galerie an Kandidaten, die von der quirligen Studentin bis zur fröhlichen älteren Hausfrau jede Mitgliederschicht abdeckt, wählt er sich einen digitalen Doppelgänger, der sein Profil für die Zeit seines Fortbleibens betreuen soll.

Wahlweise für einen Tag oder mehrere Wochen klickt dieser Social Sitter dann stellvertretend für den abkömmlichen Inhaber im Sozialen Netzwerk umher, kommentiert Beiträge, betätigt den »Gefällt mir«-Button oder lädt Videos auf der Profilseite hoch. Der eigentliche Besitzer indes kann beruhigt in den Urlaub starten: Das Facebook-Ich bleibt betreut, der digitale Lebenslauf lückenlos.

»Onliner geht nicht!«, feiern nicht nur die Erfinder der neuen App enthusiastisch ihre Ghostklicker-Idee. Auch die Zunft der Doppelgänger könnte bald jubilieren. Blieb der Beruf des professionellen Imitators bislang nur den lucky few überlassen, die qua guter Laune der Natur an die Spitznasigkeit Michael Jacksons, das Schmalzgelockte von Elvis oder die rare Kompaktphysiognomie Kim Jong Ils des II. gelangt und so automatisch in den Olymp der Lookalikes aufgestiegen sind, könnte das Ich-Sitting die Branche nun von Grund auf revolutionieren.

Für alle, die es aufgrund der allgemein-analogen Gesichtserkennung bislang nicht zur verstorbenen Popikone oder zum Diktator brachten und deshalb die Drecksarbeit übernehmen mussten (man denke hier an die amerikanische Institution des schlecht entlohnten linestander, der beim Behördengang die Wartenummer übernahm und sich stundenlang stellvertretend für den eigentlichen Antragsteller die Beine in den Bauch stand), gibt es nun Hoffnung. Ihnen winkt die Vertretung einer ganzen Identität. Nicht das Aussehen, sondern die inneren Werte sind nun gefragt, Empathie muss der neue Doppelgänger haben, die Schmalzlocke reicht nicht.

Die Begeisterung der Facebook-User leider bislang auch nicht. »Ist das nicht die Negation der Negation?«, fragt sich ein Mitglied in der Kommentarspalte des neuen Internetdienstes. »Wollen wir in dieser Welt noch leben?«, ein anderer. Die eigentlich wichtigste Frage für die Urlaubsvertretung allerdings stellt, bei all der Aufregung, niemand mehr: Wer gießt denn eigentlich die Blumen, wenn ich weg bin?