SozialismusLernen von den Versagern

Der Sozialismus wehrte alle Kritik ab – und ging unter. Warum begreifen die Kapitalisten nicht, dass ihnen das gleiche Schicksal droht?

Mit der Alternative haben wir uns immer schon schwergetan. Sie war kein Aphrodisiakum wie die Apokalypse und keine bewusstseinserweiternde Droge wie die Utopie . Die Alternative war eine mühsame Arbeit, über die alle diskutierten, aber die am Ende keiner machen wollte.

Das fing schon bei Rudolf Bahro an. Als im Jahr 1977 sein Buch Die Alternative erschien, sperrte die Stasi den Philosophen erst mal ein . Denn Bahro hatte eine linke Sozialismuskritik vorgelegt, die Entfremdung und Unterdrückung auch in der DDR beklagte. Dafür bejubelte ihn zwar der Westen, aber im Osten änderte sich gar nichts. Ein Jahr lang saß Bahro in Haft, ehe er in die Bundesrepublik ausreisen durfte. Sein Fehler war, dass er dort wieder anfing, Systemkritik zu üben. Er warnte vor der Krise des Kapitalismus und entwarf ein Programm gegen die »Logik der Selbstausrottung«. Von da an galt er auch im Westen als gefährlicher Spinner.

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Die Autorin

Evelyn Finger wuchs in der DDR auf und ist heute ZEIT-Redakteurin in Hamburg

Die Alternative ist uns dann sympathisch, wenn sie andere betrifft. Vielleicht hat der Westen deshalb noch keinen Weg aus der Finanzkrise gefunden. Vielleicht verbeißen sich seine Intellektuellen deshalb in den alten Gegensatz: Kapitalismus oder Sozialismus ? Fegefeuer des Marktes oder Purgatorium der Planwirtschaft? Wer so fragt, will keine Antwort. Er hat sich damit abgefunden, dass die Menschheitsträume von einer gerechteren Gesellschaft ausgeträumt und die utopischen Energien erschöpft sind. Fällt uns keine neue Alternative ein?

Ein Gespenst geht um im Westen, das Gespenst des tot geglaubten Sozialismus. Es geistert durch die Zeitungen und erschreckt uns mit Schlagzeilen: »Hatte Marx doch recht?« Schon wird wieder über die klassenlose Gesellschaft diskutiert statt über den Kapitalismus. Es ist eine Zombiedebatte. Jedes Mal, wenn das kapitalismuskritische Wort Regulierung fällt, wird gleich die sozialistische Planwirtschaft gegeißelt. Jedes Mal, wenn es gegen Pleitebanken geht, wird gejammert, dass die marxistische Kritik am Kapital auch bloß zur Diktatur des Proletariats geführt habe. Im Osten hieß das Kritikabwehr. Mit den Worten Brechts: »Weitermachen ist die Parole. Es wird verschoben, und es wird verdrängt.«

Leicht ist, den Sozialismus zu geißeln – schwer, den Kapitalismus zu ändern

Wenn man im Sozialismus den Sozialismus kritisierte, sprang gleich ein Parteisekretär auf und rief, dass der Kapitalismus tausendmal schlimmer sei. Beim ersten Mal überraschte einen das noch. Man wollte doch gar keine Lanze für den Klassenfeind brechen. Man machte sich nur Sorgen, dass was schieflief. Doch die Gesinnungswächter wussten es besser, sie erkannten gleich den Konterrevolutionär. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Wer den Sozialismus kritisiert, will in den Kapitalismus zurück.

Sind die paranoiden Zeiten vorbei? Wann immer man in den vergangenen 20 Jahren den Kapitalismus kritisierte, sprang gleich irgendein Ideologe auf und rief, der Sozialismus sei ja wohl zu Recht gescheitert. Mittlerweile haben wir kapiert, dass es einfacher ist, den Sozialismus zu kritisieren, als den Kapitalismus zu reformieren. Aber wie kommen wir aus der Diskursfalle heraus?

Zunächst können wir von dem gescheiterten Experiment Sozialismus Folgendes lernen: dass es kein Experiment ist, wenn das Ergebnis schon feststeht; und dass wir nie in die Zukunft gelangen, wenn wir trotzig auf dem einmal eingeschlagenen Irrweg weitermarschieren. Damals im Oktober 1989 legte der Leiter der Staatlichen Plankommission der DDR, Gerhard Schürer, eine vernichtende Analyse der ökonomischen Lage vor. Darin stand, dass das Land zahlungsunfähig sei. Ach ja? Hatte Schürer die Wahrheit erst im Moment des Crashs erkannt? Nein, schon damals hofften die Verantwortlichen, dass die Krise nicht ausbricht, wenn man nur die Augen verschließt.

An einer einzigen Stelle hilft das Sozialismus-Kapitalismus-Palaver eben doch: Die Deutschen können den Mechanismus von Verleugnung und Reformunfähigkeit anhand ihrer eigenen Historie verstehen. Das traurigste Ökonomenschicksal der DDR ereilte ja nicht zufällig einen Reformer. Schürers Amtsvorgänger Erich Apel hatte Anfang der sechziger Jahre ein »Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung« erfunden, das Freiheit für die Wirtschaft bringen sollte: mehr Eigenverantwortung der Betriebe, mehr Wettbewerb zwischen den Bruderstaaten, mehr Leistungsanreize für die Arbeiter, ja sogar Gewinn. Das konnte nicht gut gehen. Apel wurde von Staatschef Ulbricht anfangs unterstützt, doch bald schwante der Partei, dass ihre Macht über die Wirtschaft in Gefahr war. Am 3. Dezember 1965 – dem Tag, als zwischen Moskau und Ost-Berlin ein neues zentralistisches Handelsabkommen unterzeichnet wurde – erschoss sich Apel mit seinem Dienstrevolver. Da war er 48 Jahre alt.

Leserkommentare
  1. 169. nachtrag:

    und übrgens. natürlich sitzt jemand im stillen kämmerlein und versucht unsere gedanken zu steuern. dazu muss man sich nur einmal die medienlandschaft und die sogenannten bildungseinrichtungen angucken.
    der mainstream dominiert und alles was nicht mit einstimmt wird erst ignoriert, dann diffamiert und wenns zu penetrant wird mundtot gemacht.
    in den "bildungseinrichtungen" wird auswendig gelernt, lehrpläne enger gezurrt und einheitsdenken gefordert (zentralabitur). selbst an den universitäten werden mittel gekürzt nur um direkt im anschluss dieselben mittel für die politisch gewollten themen wieder anzubieten. forschungsfreiheit der lehrstühle? pustekuchen!

    Antwort auf ""Indoktrination""
  2. "Die Chinesen haben gewonnen und sind Kommunisten!Pustekuchen!"

    Sie verstehen da was falsch. China ist eine Diktatur, das die Marktwirtschaft ausnutzt. Und ist damit ähnlich (zumindest für Teile der Bevölkerung) erfolgreich wie z.B. Singapur

    Antwort auf "@Bern Eich:"
  3. 171. Warum?

    Auf Wunsch entfernt. Die Redaktion/mk

    Antwort auf "Kapitalismus?"
  4. Endlich, wie lange habe ich auf solch einen Artkel gewartet. Vielleicht ist es an der Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, warum es gerechte Gesellschaftsformen bisher noch nie gegeben hat.
    Vielleicht ist es an der Zeit , sich zu fragen, warum wir Menschen offenbar unfähig sind, uns eine gerechtere Gesellschaft zu gönnen.
    Handeln wir im Ganzen nur altruistisch und gerecht nur als Testperson unter Laborbedingungen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Gerechtigkeit" ist ein ziemlich schwammiger Begriff, den viele Menschen in unterschiedlichen Situationen sehr unterschiedlich auslegen. Jede beliebige Gestalt von "Gesellschaft" muss schon deswegen von einer großen Zahl der Menschen als "ungerecht" empfunden werden, weil sich die Gerechtigkeitsvorstellungen der Menschen z. T. deutlich unterscheiden.

    Ganz abgesehen davon kann kaum jemand allgemein gültige Gerechtigkeitsvorstellungen formulieren, die tatsächlich praktisch umgesetzt werden könnten. Und selbst wenn man das könnte, würde ihre Umsetzung eine solche Detailsteuerung erfordern, dass ihre Umsetzung zwangsläufig in eine totale Diktatur enden muss. Denn die Gestalt der Gesellschaft ist ein Ergebnis unzähliger Individualentscheidungen. Die Änderung ihrer Gestalt müsste folglich auf Ebende der unzähligen Individualentscheidungen ansetzen.

    Fazit: Eine "gerechte Gesellschaft" hat es nie gegeben, weil es sie nicht geben kann. Und wenn es sie geben könnte, sollten wir froh sein, dass es sie nie gab.

    "Gerechtigkeit" ist ein ziemlich schwammiger Begriff, den viele Menschen in unterschiedlichen Situationen sehr unterschiedlich auslegen. Jede beliebige Gestalt von "Gesellschaft" muss schon deswegen von einer großen Zahl der Menschen als "ungerecht" empfunden werden, weil sich die Gerechtigkeitsvorstellungen der Menschen z. T. deutlich unterscheiden.

    Ganz abgesehen davon kann kaum jemand allgemein gültige Gerechtigkeitsvorstellungen formulieren, die tatsächlich praktisch umgesetzt werden könnten. Und selbst wenn man das könnte, würde ihre Umsetzung eine solche Detailsteuerung erfordern, dass ihre Umsetzung zwangsläufig in eine totale Diktatur enden muss. Denn die Gestalt der Gesellschaft ist ein Ergebnis unzähliger Individualentscheidungen. Die Änderung ihrer Gestalt müsste folglich auf Ebende der unzähligen Individualentscheidungen ansetzen.

    Fazit: Eine "gerechte Gesellschaft" hat es nie gegeben, weil es sie nicht geben kann. Und wenn es sie geben könnte, sollten wir froh sein, dass es sie nie gab.

  5. Hallo Zeit.de,

    bitte löschen Sie meine beiden Kommentare - ich habe die Antwort-Schreiben-Funktion für Kommentar Nr. 1 gewählt und nix is mit Antwort ...

    Danke


    Bitte melden Sie diese Kommentare bedenklich. Danke, die Redaktion/mk

  6. "Wenn Sie sich da so sicher sind, warum belegen Sie das nicht irgentwie? Ich habe bisher völlig anderes gehört und gelesen.

    Und bitte kommen Sie mir nicht mit "Bruttoinlandsprodukt" oder so, denn das berücksichtig nicht die Verteilung des Wohlstandes. Wenn Geld im großen Stil nach oben verteilt wird, steigt das BIP nämlich auch, obwohl 95% der Bevölkerung an Wohlstand verloren haben."

    Hier einige Daten zur Einkommensverteilung: http://de.wikipedia.org/w...

    Auch wenn man unterstellen würde, dass der Gini-Koeffizient sich in manchen kapitalistischen Ländern erhöhen würde, so kann doch keiner bestreiten, dass es den Arbeitern z.B. in Tschechien und anderen ehemaligen planwirtschaftlichen Ländern heute besser geht als vor 20 Jahren. Selbst im allerpessimistischsten Fall gilt: selbst wenn die Reichen immer reicher werden, werden die Armen ebenfalls besser gestellt. Westeuropa hat in diesem Fall zum Teil eine Sonderrolle, weil sich das Lohngefüge in gewissem Rahmen weltweit anpasst. Aber deutsche Handies, Textilien wollte niemand kaufen. Und ausländische Arbeiter bieten zum Teil ihre Arbeitsleistung billiger an.

    Ein Beispiel dazu aus der Schattenwirtschaft: die polnische Putzfrau putzt die Wohnung in Berlin, zu Hause in Polen macht für sie den Job jemand aus Weißrussland. Das geht solange gut, bis es sich für eine der beteiligten Parteien nicht mehr rentiert.

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    Wenn die Reichen im Land reicher werden, so werden die Armen nicht bessergestellt. Sie vergessen wohl, dass wir in einem Schuldgeldsystem leben.

    Wenn sich Geld bei einer kleinen Gruppe sammelt, so muss die andere Gruppe die Lasten der Schulden tragen.

    Wenn die Reichen im Land reicher werden, so werden die Armen nicht bessergestellt. Sie vergessen wohl, dass wir in einem Schuldgeldsystem leben.

    Wenn sich Geld bei einer kleinen Gruppe sammelt, so muss die andere Gruppe die Lasten der Schulden tragen.

  7. Sie unterschätzen vollständig, dass Geld nur inofern relevant ist, als es Macht über andere Menschen widerspiegelt - als Indiz für Macht gilt. Eine Wertschätzung im finanziellen Maßstab ist als Triebkraft zur Übernahme von Verantwortung nicht erforderlich. Wäre es so, gäbe es weder Kindergärtner noch Sozialarbeiter und auch kein Mensch in allen möglichen, nicht an finanziellen Vorteilen orientierten Vereinen engagiert. Geld ist lediglich eine Krücke, die es Menschen mit degenrierter souailer Kompetenz ermöglicht, Wertschätzung (durch wen eigentlich?) in Zahlen zu messen.
    Und was Verantwortung betrifft: Fakt ist, dass die mit den höchsten Einkommen beglückten(?) Menschen regelmäßig keine Verantwortung tragen und auch nicht für ihr Versagen in dem Umfang haften, wie es ihrer Vergütung entsprechen würde (das heißt nach meinem Verständnis "Verantwortung"). Wieso sollte gesamtgesellschaftlich betrachtet ein Konzernführer, ein Rechtsanwalt, ein Politiker, ein Multimillionärserbe, ein Entertainer, ein Großgrundbesitzer etc. eine messbare größere Verantwortung haben als ein Kindergärtner oder Lehrer oder eine Hausfrau. Worin besteht diese besondere Verantwortung? Es geht nicht um Verantwortung sondern um Macht. Und Macht wird eben auch mit "Geld" ausgedrückt.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "@Beitrag 140"
  8. Vermutlich sind Stalin und Mao bei ihrer Interpretation des Kommunismus einfach nur über's Ziel hinausgeschossen.

    Erinnern wir uns an die ersten Formen des Kapitalismus zum Beginn der Industrialisierung in England und dann ganz Europa. Verelendung, Hungerkrankheiten, Hungertote, Kinderarbeit usw. da war alles aus dem Horrorkabinett menschlichen Elends bittere Realität.

    Dabei verlief der Übergang zur Industrialisierung im Vergleich zu den Revolutionen in Russland und China gemächlich.

    Der Kapitalismus wurde auch in Europa erst nach langem Elend durch Sozialgesetze und organisierten Gegenkräften wie Gewerkschaften erträglich. Wie die heutigen überzeugten Kapitalisten sperrten sich die überzeugten Kommunisten in Russland und China lange gegen offensichtlich notwendige Reformen.

    Ideologen lernen nur durch leiden. Dabei spielt es keine Rolle ob sie überzeugte Kommunisten oder Kapitalisten sind.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Fundierte Kritik..."

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