TaiwanDie Messer des Meister Wu

Wie auf der taiwanischen Insel Kinmen ein jahrzehntealter Konflikt zur Touristenattraktion wird. von Olaf Tarmas

Es wirkt wie eine Szene aus einem absurden Theaterstück: Unter den gebrüllten Befehlen des Kommandeurs marschieren sechs uniformierte Männer und Frauen im Gleichschritt auf eine gewaltige Kanone zu. Gemeinsam tragen sie eine Bahre, auf der liegt – nichts. In ihrer Vorstellung und in der des Publikums transportieren sie allerdings eine schwere Artilleriegranate, mit der sie dann niederknien, sie mittels synchroner Armbewegungen ins Geschütz einführen und – begleitet von einem lauten Knall aus Lautsprechern – abfeuern. In Richtung China.

Nur wenige Kilometer Meer trennen die kleine, zu Taiwan gehörige Insel Kinmen von der Provinz Fujian auf dem chinesischen Festland. Sollte es dem großen, unheimlichen Bruder einfallen, sich die »abtrünnige Provinz« Taiwan mit militärischen Mitteln einzuverleiben, würde Kinmen als Erstes in sein Zielfernrohr rücken. Es wäre nicht das erste Mal.

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Rund eine Million Granaten hat die Volksrepublik China im Laufe von zwei Jahrzehnten auf Kinmen abgefeuert. Nach einer ersten Welle im Frühjahr 1958 mit scharfer Munition wurden die Granaten später mit Propaganda-Flugblättern befüllt. Zwanzig Jahre lang bekämpften die beiden Staaten einander in einem bizarren Ritual: An ungeraden Tagen beschoss China die Insel, an geraden Tagen feuerten die taiwanischen Streitkräfte von Kinmen aus zurück – ebenfalls mit Propaganda-Granaten, deren Inhalt die politischen Errungenschaften, vor allem aber den materiellen Vorsprung Taiwans gegenüber der Volksrepublik pries. In jener Zeit glich die Insel einer Festung, allzeit bereit, Begehrlichkeiten des Festlands abzuwehren.

Seit sich die Beziehungen zwischen Taiwan und China in den neunziger Jahren entspannt haben, hat sich jedoch auch das Klima auf Kinmen verändert. Ein großer Teil der Armee ist abgezogen worden. Einige der unterirdischen, tief ins Inselgranit gesprengten Militäranlagen sind heute als Touristenattraktion zur Besichtigung freigegeben. Und die Darsteller der Granaten-Inszenierung sind keine echten Soldaten, sondern Sportstudenten, die sich mit vier Performances am Tag etwas Geld dazuverdienen. Bei Gästen von der rund 230 Kilometer entfernten Hauptinsel Taiwan ist das Spektakel sehr beliebt, aber immer häufiger kommen auch Touristen aus der Volksrepublik China dazu.

Die einstigen Feinde sind sich nähergekommen – in ganz praktischer Hinsicht. Tag für Tag verkehren zehn Schiffe zwischen Kinmen und der Provinz Fujian. Die Überfahrt dauert nur eine knappe Stunde. Das ehemalige Provinzstädtchen Xiamen am anderen Ufer ist zu einer Millionenmetropole aufgestiegen. Von den Stränden Kinmens aus kann man im Dunst der Ferne die beeindruckende Skyline der Stadt wachsen sehen. Für die Einwohner Xiamens bietet die Insel eine willkommene Gelegenheit für Tagesausflüge ins Grüne. Man schätzt die gute Luft, die alte Architektur und den berühmten Hirseschnaps. Kinmens Einwohner dagegen nutzen die Fährverbindung, um shoppen zu gehen und Großstadtluft zu schuppern. Alles ganz friedlich und zivil, so scheint es. Und doch werden Besucher vom Festland im Fährterminal noch immer in Flecktarn begrüßt: von niedlichen, lächelnden Comic-Pappkameraden mit Maschinengewehren.

Wie in Trance wiegt Wu sich hin und her, während er den Rohling schleift

Der Konflikt hat Spuren hinterlassen, und nirgendwo werden sie greifbarer als in der Werkstatt des Inselschmieds Tseng-Dong Wu, der rostende Projektile, Überreste aus kriegerischen Tagen, zu Messern verarbeitet. Die Idee stammt von seinem Vater, Chao-Hsi Wu, der sein Handwerk noch während der Qing-Dynastie auf dem Festland lernte. Während der japanischen Besetzung Kinmens von 1937 bis 1945 trieb die chronische Materialknappheit den Schmied und seine zehnköpfige Familie an den Rand des Ruins. Und so begann der findige Chao-Hsi Wu, Teile alliierter Fliegerbomben, die während des Zweiten Weltkriegs auf die Insel prasselten, als Rohstoff für seine Werkzeuge und Küchenmesser zu verwenden. Bald versiegte auch diese Quelle. Bis die chinesische »Volksbefreiungsarmee« die Insel 1958 unter Beschuss nahm.

Von den Resten der folgenden Materialschlacht zehrt sein Sohn Tseng-Dong Wu bis heute. Wir treffen ihn bei der Arbeit in seiner Werkstatt, einer kleinen, rußüberzogenen Halle mit gemauertem Ofen und einem Schrein mit Räucherstäbchen an der Wand. »Der ist für den Eigentümer dieses Ortes«, sagt Wu – und meint damit den Ortsgeist, ohne den kein Segen auf seinen Tätigkeiten liegen würde. Der Schmied, ein hoch aufgeschossener Schlaks, trägt Jeans und Kittelschürze. Von der Seite betrachtet, wirkt er so dünn wie seine Messerklingen, doch sein Schraubstock-Händedruck verrät sofort den Handwerker.

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