Wir wurden überrascht. Was war zu erwarten? Ein Event-Friedhof, beflaggt mit Rautenbannern? Eine postmortale Fan-Meile, gefüllt von Besitzern der Ewigen Dauerkarte? Zumindest in Marmor gemeißelte Treue: »Hier ruht ein lebenslanger HSVler, jetzt beim FC Sankt Petri«, »NN – niemals Zweite Liga, aufgestiegen am...«, »Ahoi, Kuddel, triff ins Himmelstor!« Nichts dergleichen fand sich, nur novemberliche Einsamkeit.

Das Fußball-Grabfeld des Hamburger Sportvereins liegt gleich am Stadion, inmitten des städtischen Friedhofs Altona. Der Besucher passiert ein Fußballtor aus Schwarzbeton. Dahinter hügeln sich im Rasenrund sanfte Grabterrassen auf. Bislang sind sie unbelegt, bis auf zwei Mustergräber und zwei anonym versenkte Urnen. Nur auf der mittleren Traverse nennt eine Marmorplatte einen Namen: Elfriede Eberstein 15.11.1932 – 21.12.2010. Darunter ist noch Platz für ihren Mann.

Ihn treffen wir morgen. Jetzt setzen wir uns für ein Sonnenstündchen zu Frau Eberstein und schmökern in Peter Cardorffs ewigkeitskundigem Werk Der letzte Pass. Fußballzauber in Friedhofswelten. Eichenlaub rieselt. Ein Blatt segelt ins Buch, auf den Satz: »Die Toten sind für die Lebenden da, nicht umgekehrt.«

Wer will hier ruhen und wer nicht? Wir fragen die Zielgruppe, beim HSV-Training im Stadion. Breitbeinig, mit verschränkten Armen observiert der Trainer Thorsten Fink die Leibesübungen seiner Abstiegskandidaten. Oben auf den Rängen kiebitzen dreißig Unentwegte, viele von ihnen sind Rentner. Sie erleiden das unhanseatische Geballer der Sportfreunde Guerrero, Jarolim und Heung Min Son. Sie träumen von Uwe Seeler , der aber am Samstag wieder nicht treffen wird, sondern seinen 75. Geburtstag feiert. Ein Seniorentrio aus Elbsegler, Beulenjeans und Wildlederjackett beseufzt die jüngste Pleite. Der Huckel da, sagt Elbsegler, das is, wo der Aogo vor dem Tor von Lautern weggerutscht is. Wildlederjackett: Da kann er sich einbuddeln lassen.

In Holland oder England wäre das möglich. In Deutschland herrscht Friedhofspflicht. Meine Herren, fragt der Reporter, haben Sie auch eine Meinung zur letzten Ruhestätte des HSV?

Jung, sagt Elbsegler, von mir kriggs du nix.

Wir wolln nich auf den Friedhof, sagt Beulenjeans. Wir wolln leben bleiben.

Passt nich nach Hamburch, sagt Wildlederjackett. Passt nach Dortmund oder Schalke.

Was ist da der Unterschied?

Hamburg, erfahren wir, sei eine Stadt mit Stil und vielerlei Kultur. Ruhrgebietler hingegen müssten mangels lebenswerter Umwelt zwangsläufig dem Fußball verfallen wie einer Religion. Nach Niederlagen heule der Schalker öffentlich, erwachsene Männer flennen wie die Kinder, nee, nee, nee.