Zwickauer MordserieNur ein Türke?

Wenn Migranten zum Opfer werden, schwanken die Deutschen zwischen Extremen. Mit verheerenden Folgen von 

Ein Türke wurde erschossen. Und dann noch ein Türke und noch ein Türke und noch ein Türke, dann noch drei weitere und ein Grieche, der vielleicht für einen Türken gehalten wurde. Aber eigentlich ist das nicht das Erstaunliche an der Mordserie der Zwickauer Neonazis . Das Erstaunliche ist, dass sie Einwanderer mehr als zehn Jahre lang töten konnten, ohne dass irgendjemand auf den naheliegenden Verdacht kam oder die Behörden in eine naheliegende Richtung ermittelten: Mordete da jemand einfach nur, weil er Ausländer abgrundtief hasste? Griff da der Rassismus zur Waffe?

Es wird noch zu klären sein, ob der thüringische Verfassungsschutz das rechtsextreme Trio gedeckt , wie sehr er versagt hat oder ob gar so etwas wie eine Komplizenschaft zwischen der staatlichen Behörde und Neonazis bestand.

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Momentan kann man nur hoffen, dass sich diese Befürchtungen als übertrieben herausstellen; dass kaltblütige Morde an Ausländern in Deutschland nur aus zwei Gründen so lange Zeit unbeachtet bleiben konnten: wegen der Fantasielosigkeit von Ermittlern. Und – angesichts der derzeitigen Schockstarre in der Gesellschaft – wegen der Unfähigkeit, das Undenkbare zu denken. Man fragt sich nicht nur, was bei den deutschen Sicherheitsbehörden los ist, sondern auch, wie es um die Seelenlage der Menschen in Deutschland bestellt ist.

Sie waren drei gegen Deutschland: Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Z. haben auf perverse Art die Ordnung des Landes angegriffen. Und sie wollten weitermachen, solange sich »keine grundlegenden Änderungen in der Politik, Presse und Meinungsfreiheit« vollziehen, wie sie in ihrem Bekennervideo erklärten. Zu dieser Ordnung gehört, dass Deutschland seit mindestens 50 Jahren ein Einwanderungsland ist . Es gehört auch dazu, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft legitime Anpassungs- und Integrationsleistungen von ihren Einwanderern fordert. Und es gehört selbstverständlich zu dieser Ordnung, dass Migranten geschützt werden.

Spätestens seit der vergangenen Woche stellt sich die Frage: Was ist zu tun, wenn Einwanderer in Gefahr sind? Darf man von Ausländern Integration erwarten, wenn gleichzeitig die schweren Verbrechen von Neonazis über Jahre hinweg als »Schutzgeld-Geschichten« heruntergespielt werden? Darf man die Morde als »Dönermorde« verharmlosen, weil zwei der Opfer Betreiber von Dönerbuden waren?

Ist mittlerweile die Erkenntnis hinreichend verbreitet, dass es unsere Türken, unsere Ausländer sind, die Opfer rechter Gewalt wurden und in Zukunft wieder werden könnten? Wurde in alle Richtungen gedacht?

Einen Tag nach dem Bombenanschlag auf einen Friseurladen in Köln, hinter dem mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Mundlos, Böhnhardt und Z. steckten, vermutete der damalige Innenminister Otto Schily, dass ein »allgemeindeliktischer Hintergrund« bestehe. Allgemeindeliktisch – also unpolitisch, nicht rassistisch. Eine möglicherweise fatale Fehleinschätzung!

Damit keine Missverständnisse aufkommen: In Richtung Milieu- und Schutzgeldverbrechen zu denken, wenn beispielsweise ein Mord in der türkischen Community passiert, ist natürlich legitim; es gab ja auch Gründe dafür. Illegitim ist es, ausschließlich in diese Richtung zu denken. Und nun? Kann man jetzt schon eine Lehre für die Zukunft ziehen?

Leserkommentare
    • Deguo
    • 18. November 2011 18:08 Uhr

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Artikelthema. Danke. Die Redaktion/sc

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Deguo
    • 19. November 2011 15:39 Uhr

    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie bitte an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/se

  1. Ö.Topcu schreibt: "Spätestens seit der vergangenen Woche stellt sich die Frage: Was ist zu tun, wenn Einwanderer in Gefahr sind ?"
    Wenn ich mir die polizeiliche Kriminalstatistik anschaue, so sehe ich bei Mord nach § 211 StGB für nichtdeutsche Tatverdächtige einen Anteil von 30,5% (834 Morde).
    http://www.bka.de/nn_2059... (Seite 549)
    Was ist zu tun, wenn Bürger der Bundesrepublik Deutschland in Gefahr sind, das ist meine Formulierung.

    • Deguo
    • 18. November 2011 18:09 Uhr

    Es muss heißen "...gab es in Deutschland seit dem Jahr 2001"

  2. Im Artikel wird behauptet "Sie waren drei gegen Deutschland".
    In diesem Satz steckt erstens eine bewusste Untertreibung, denn mittlerweile geht man von mindestens 5 Terroristen und einem breiten Umfeld aus. Außerdem haben die Täter nicht gegen Deutschland sondern für ein Deutschland, das sich abschafft gekämpft. Wenn dies die Mitte ist, dann ist die Mitte ein Synonym für Verleugnung der Dimension des Problems. Der rechte Terror gegen Türken ist eingebettet im Verständnis eines Sumpfes, der sich Mitte nennt.

  3. sehr geehrter Zaitberg , Sie schreiben: "Für uns ist diese Morrdserie der 9/11".
    Ich muß gestehen, ich habe bei einem Beitrag in einer Seite, die ich hier nicht nennen darf, auch schon an den 11.9. gedacht, angesichts der vielen offenen Fragen, wie es sein konnte, daß 3 rechtsextreme Kriminelle unter der Aufsicht des Verfassungsschutzes handeln konnten, das erinnerte mich doch an das berühmte Teppichmesser und die anderen Kuriositäten in den USA (siehe Mathias Bröckers: 11.9. Zehn Jahre danach. Der Einsturz eines Lügengebäudes. Frankfurt 2011).
    Ähnlich dachte ein Publizist, der angesichts der vielen Unwahrscheinlichkeiten sich an die Konstrukteure einer braunen Armee Fraktion wandte.

  4. Ö.Topcu schreibt: "Darf man von Ausländern Integration erwarten, wenn gleichzeitig die schweren Verbrechen von Neonazis über Jahre hinweg als »Schutzgeld-Geschichten« heruntergespielt werden?"
    Das ist nicht ganz richtig, wie im SPIEGEL-Artikel vom 21.2.2011 zu lesen, ermittelte die Sonderkommission in 2 Richtungen, in Richtung eines Ausländerhassers und in Richtung eines kriminellen Netzwerkes. Nach dem Artikel muß man davon ausgehen, daß es dieses kriminelle Netzwerk gibt. Und angesichts der These in dem SPIEGEL-Artikel, "klammern sich die Nürnberger Ermittler an die These vom mordenden Psychopathen: Irgendwer hasst offenbar türkische Döner-Verkäufer und Gemüsehändler so sehr, dass er sie vernichten will", ist obiger Satz von Ö.Topcu nicht ganz richtig.
    Die Frage von Ö.Topcu: "Darf man von Ausländern Integration erwarten ?" verstehe ich nicht.
    Der Migrationsforscher St. Luft schrieb zusammenfassend: "Aus soziologischer Perspektive ist ein gewisses Maß an Assimilation...unumgänglich für Integration. Dazu gehören Sprache und gewisse kulturelle Fertigkeiten...Die Akezptanz der Rechtsnormen des Aufnahmelandes und die Pflicht zur Rechtstreue sind zentrale und legitime Forderungen, die der Staat an Zuwanderer richten muss." (St. Luft: Abschied von Multikulti.2006, S.374)
    Das gilt selbstverständlich, auch wenn es in einer Gesellschaft von 82 Millionen zu Gewalttaten gegen das Leben kommt.
    Oder soll der Mehrheitsdeutsche keine Steuern mehr zahlen, weil es Mordtaten gibt ?

    • wombatt
    • 18. November 2011 18:43 Uhr

    Schusswaffen gehabt, wären sie jetzt trotzdem tot.
    Und der Moment, in dem Deutschland für meine Sicherheit garanieren kann, wird der Moment sein, in dem ich das Land verlasse (sollte es noch gehen).

  5. Ö.Topcu schließt mit den Worten, es sei "es völlig egal, ob die rechtsextremistische Mordbande per definitionem Terror ausgeübt hat oder nicht, weil sie nicht öffentlich mit ihren Taten geprahlt hat. Für ihre Opfer und deren Hinterbliebene war es Terror."
    Das mag den Leser , die Leserin sympathetisch anmuten, aber es trifft nicht die traurige Realität.
    Bei Wikipedia heißt es: "Der Terror (lat. terror „Schrecken“) ist die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen. Das Ausüben von Terror zur Erreichung politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Ziele nennt man Terrorismus." http://de.wikipedia.org/w...
    Dagegen scheint es hier bei den Mordtaten um anonyme Verbrechen zu gehen. Von daher ist auch der Begriff Rechtsterrorismus falsch.
    Es gehört zu unserer abendländischen Tradition, daß wir "Nichts für wahr halten, was nicht so klar und deutlich erkannt ist, dass es nicht in Zweifel gezogen werden kann."
    http://de.wikipedia.org/w...
    Wie schrieb doch Prof. Axel Buchholz zur Form der Berichterstattung zum Rechtsextremismus: ""Weder Betroffenheits- Journalismus ist gefragt, noch ein Journalismus mit erhobenem Zeigefinger." http://www.bpb.de/popup/p...

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